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TV-Kritik: Jauch wächst an Wulff

Des einen Leid, des andern Freud: Seit Bundespräsident Christian Wulff in der Klemme steckt, gewinnt Günther Jauch an Souveränität. Trotz der Meldungsflut der letzten Wochen bot er in seiner Talkrunde noch Neues zu dem Thema - und scheute auch die Auseinandersetzung mit der "Bild"-Zeitung nicht.

Von Christoph Forsthoff

Ich hoffe, dass wir nächsten Sonntag ein anderes Thema haben - sicher bin ich mir aber nicht." Da war es auf einmal wieder, dieses wohl vertraute, leicht verschmitzte Lächeln des Günther Jauch, das dem Moderator in den ersten Wochen seiner Talkshow völlig vergangen schien. So ganz sicher konnten sich die Zuschauer am Ende seiner gestrigen Gesprächsrunde denn auch nicht sein, ob der 55-Jährige diesen vermeintlichen Wunsch persönlich wirklich hegte: Schließlich hatte Jauch "Die 500.000-Euro-Frage" um Christian Wulff vor der Weihnachtspause die bis dato beste Sendung und interessanteste Gesprächsführung beschert - und auf eben diesem Niveau machte der Journalist auch gestern nach seiner dreiwöchigen Auszeit bei der Fortsetzung der Diskussion um den "Problem-Präsidenten" und dessen Glaubwürdigkeit weiter. Das Publikum dankte es ihm mit einem Rekord: 5,81 Millionen Menschen schalteten ein.

Dabei hatten wir nach der höchst ausführlichen Medienberichterstattung der vergangenen Wochen nicht wirklich damit gerechnet, Anregendes oder gar Neues in dieser Debatte zu erfahren. Und horchten doch schon eingangs das erste Mal auf, als Jauch den Leiter des Hauptstadtbüros der "Bild"-Zeitung, Nikolaus Blome, mit der Frage konfrontierte, ob der Bundespräsident mit seiner Nachricht auf der Mailbox von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann denn nun den Artikel des Boulevardblattes über sich nur habe verschieben oder verhindern wollen - und Blome überraschend zweideutig antwortete. "Er hat das Verschieben als Etappe gesehen, das Verhindern als Ziel" - das klang dann doch mehr nach einer Interpretation als dem Wortlaut und schien Hans Leyendecker, Journalist der "Süddeutschen Zeitung", Recht zu geben, der die Nachricht kennt und von einer Verschiebung in Verbindung mit Drohungen spricht.

Warum wurde der Drohanruf so spät öffentlich gemacht?

Detailfragen? Zweifellos - und doch gelang es Jauch, durch eben solche die Diskussion weiterzudrehen. Denn dass Wulff mit seinen Gratisurlauben bei reichen "Freunden", seinem erstaunlich günstigen Immobilienkredit bei der BW-Bank und nicht zuletzt seiner "Salami"-Taktik im Umgang mit den Vorwürfen seine Glaubwürdigkeit gefährdet, wenn nicht sogar in Teilen bereits verspielt hat: Daran bestand (nicht nur) in dieser Runde kaum ein Zweifel. Selbst sein Parteifreund Bernhard Vogel räumte ein, dass Wulff "vieles nicht richtig" gemacht habe. Und doch stellte der Ex-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen zu Recht fest, "die Presse ist nicht die letzte Instanz" - und Jauch selbst hakte hier denn auch hartnäckig nach: Wie das denn sei mit dem von Springer-Verlagschef Matthias Döpfner formulierten "Bild"-Prinzip, wer mit der Zeitung im Aufzug nach oben fahre, der fahre mit ihr auch nach unten? Es habe doch mal Zeiten gegeben, da habe das Boulevardblatt dem damals noch sehr offenherzigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen geradezu den Hof bereitet. Oder warum denn der Drohanruf des Bundespräsidenten bei Diekmann erst drei Wochen danach öffentlich gemacht worden sei?

"Hier wird auch Macht ausprobiert"

Fragen, deren konkreter Beantwortung Blome mal mehr, mal weniger elegant auswich - und die wiederum sein Journalistenkollege Georg Mascolo gern für einen kräftigen Seitenhieb nutzte: "Ich habe keine übersteigerten Erwartungen an die Integrität der 'Bild‘-Zeitung", stellte der 'Spiegel'-Chefredakteur trocken fest, "aber ich habe Vorstellungen von der Integrität eines Staatsoberhauptes." Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt wiederum brachte einen anderen interessanten Aspekt dieser Auseinandersetzung auf den Punkt: "Hier wird auch Macht ausprobiert - die Macht der "Bild"-Zeitung und die Macht der Bundespräsidenten", meinte die Politikerin von Bündnis90/Die Grünen und wünschte sich denn auch, Wulff möge "reinen Tisch" machen, um endlich wieder Bundespräsident sein zu können. "Es ist gut, wenn wir einen Bundespräsidenten haben, der sich entschuldigen kann - aber schlecht, wenn wir einen haben, der sich immer wieder entschuldigen muss."

Pointierter hätte die Debatte um Wulffs jüngstes Schuld-Eingeständnis im TV-Interview wohl keiner zusammenfassen können - und anders als noch in seinen ersten Talkwochen ließ Jauch auch Raum für die Diskussion um solche Thesen. Und schaffte es trotzdem am Ende noch, einen Bogen zu schlagen zu der Frage, inwiefern der Niedersachse nur noch ein Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden sei - dass er hier zudem ebenso humorvoll wie unmissverständlich den Versuch von Autor und Jurist Ferdinand von Schirach unterband, diese Frage in eine Grundsatzdiskussion um Sinn und Zweck des Amtes ausufern zu lassen, zeugte nur von seiner neu gewonnenen Souveränität in der Moderation. Auf jeden Fall solange die Präsidentenbebatte weitergeht.