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TV-Kritik

Illner lädt hochrangigen VW-Vertreter ein - sein Auftritt lässt nichts Gutes erahnen

Dieselgate und kein Ende: Anlässlich der Eröffnung der IAA nahm sich Maybrit Illner einen hochrangigen Vertreter von VW zur Brust. Der Auftritt zeigt: Die Industrie kann sehr gut lavieren und lamentieren. Aber die wichtigen Themen bleiben ungeklärt.

Von Mark Stöhr

Maybritt Illner fragte: "Autoskandal - und keiner ist schuld?"

Maybritt Illner fragte: "Autoskandal - und keiner ist schuld?"

Auweia, deutsche Autoindustrie. Es sieht echt nicht gut aus. Erst die verheerenden Reaktionen auf die gestern eröffnete IAA, auf der die hiesigen Wagenbauer Elektromodelle präsentierten, die noch Jahre bis zur Serienreife brauchen. Stattdessen wuchteten sie protzige SUV-Panzer auf die Bühne, mit denen man prima durch Starkregen kommt – und ihn auch gleich noch mitverursacht. Und dann saß Herbert Diess bei , der Markenvorstandsvorsitzende von VW, der das tat, was die Autoindustrie mittlerweile offenbar besser beherrscht als die Konstruktion zukunftsfähiger Autos: lavieren und lamentieren.

Man kann es nicht mehr hören. Diesen ganzen Technik-Sprech über Softwareupdates und Hardwarenachrüstungen. Dieses Fabulieren von so und so viel Prozent weniger Emissionen, wenn das und das passiert – was dann eh nicht stimmt. Alles geschenkt. Die Leute wollen wissen, ob sie mit ihrem Diesel demnächst noch in die Stadt fahren können. Was passiert, wenn nicht. Wer für den Schaden aufkommt. Und für welche Autotechnologie es sich lohnt, demnächst – nicht erst in fünf oder zehn Jahren – seine mühsam zusammengekratzten Kröten auszugeben.

Blühende Brachlandschaften

Sie erfuhren es auch gestern nicht. Immer stärker drängt sich der Verdacht auf, dass es schlicht und ergreifend niemand weiß. Die hochbezahlten Manager und Ingenieure nicht – und die Politik schon gar nicht. Verkehrsminister Dobrindt wurde aus Frankfurt von der Automesse zugeschaltet und lieferte lediglich eine wachsweiche Pseudo-Rüge ab ("Als Minister muss ich darauf bestehen, dass die Manipulationen zurückgenommen werden"), es ist ja Wahlkampf.

CSU-Generalsekretär Scheuer schimpfte in seiner gewohnten Bierzelt-Borniertheit auf die "Negativbotschaften", mit denen der Verbrennungsmotor "in Grund und Boden" geredet würde. Dabei bräuchte man ihn doch noch "in den nächsten Jahrzehnten" als Brückentechnologie. In den nächsten Jahrzehnten: Das wird man ihn China, Japan und Kalifornien gerne vernommen haben.

Es war an Ranga Yogeshwar – etwas zu gewichtig jeden Satz ins Bedeutungsvolle zerdehnend –, der deutschen Autobranche die drohende Apokalypse vorzumalen. In bereits fünf bis zehn Jahren könne ihr Schicksal besiegelt sein – und damit das von rund 870.000 Beschäftigten. Deutschland Detroit, blühende Brachlandschaften. Der Wissenschaftsjournalist sieht die Gefahr, dass und BMW als Hauptplayer von Technologie-Giganten wie Google abgelöst würden. Es ist ein unheilvoller Mix, der zum Getriebeschaden führen könnte: Innovationskrise plus Vertrauensverlust plus Hinterzimmer-Kungeleien zwischen Politik und Konzernen. Nein, es sieht echt nicht gut aus für den einstigen Vorzeigezweig der deutschen Industrie.

Technisches Klein-Klein statt Klartext

Und dann setzt sich ein hochrangiger -Vertreter hin – von Scheurer ehrfürchtig "Dr. Diess" genannt – und redet nicht Klartext, sondern flüchtet sich in technisches Klein-Klein. Die Softwareupdates leisteten einen "großen Beitrag für Luftverbesserungen" – was nachweislich nicht stimmt. Die Berechnungen variieren zwischen 10 und 30 Prozent weniger Stickoxid, was in jedem Fall zu wenig ist, um Fahrverbote zu verhindern. Katalysatoren, so die nächste Behauptung von Diess – also die vielbeschworene "Hardwarelösung" – bedeute einen großen Eingriff ins Auto und verändere dessen Fahreigenschaften – was ihm vor laufender Kamera ein Anbieter genau eines solchen Katalysators widerlegte. Dazu kamen noch Jammereien über die überstrenge Gesetzgebung in den USA, die es verhindere, dass VW seine Diesel-Dreckschleudern "in die Gesetzeskonformität" bringe. Auf was für einem Planeten leben diese Leute?

Die Einzige in der Runde, die einen unaufgeregten Pragmatismus walten ließ, war Umweltministerin Barbara Hendricks. Gestählt – und wahrscheinlich gut genervt – von zwei "Diesel-Gipfeln", konnte sie sich an der einen oder anderen Stelle ein maliziöses Lächeln nicht verkneifen. Zu genau kennt sie die Argumente und Ausflüchte der Auto-Vertreter und ihrer Apologeten. An die Adresse von sagte sie: "Die Autoindustrie muss nach vorne gehen und das aufräumen, was sie kaputt gemacht hat." Diess guckte wie ein Auto – und verstand nur Bahnhof.


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