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Kommentar

IAA 2017: Warum das Auto aus den Innenstädten verschwinden wird

Die Kollegen von stern-Redakteur Gernot Kramper kommen ohne Auto aus und wollen nicht mal eins. Das Auto weckt keine Begehrlichkeiten und bringt ihnen keinen Nutzen. Auf Dauer lohnt das eigene Auto in der Innenstadt kaum noch.

Man sieht das Problem: In jedem Haus wohnen mehr als 30 Personen, Platz ist aber nur für drei Autos.

Man sieht das Problem: In jedem Haus wohnen mehr als 30 Personen, Platz ist aber nur für drei Autos.

 Von Jahr zu Jahr werden mehr zugelassen. In Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. Immer mehr und immer teurer. So gesehen, ist das Autobauen ein Bombengeschäft. Und doch hat die Automobilwirtschaft die Zukunft bereits verspielt. Das erkennt man an Kleinigkeiten. Etwa daran, dass das Publikum die Ankündigung eines Smartphones von Apple elektrisiert und die Vorstellung in Cupertino den versammelten Autozauber auf der IAA in den Schatten stellt.

Das Auto verschwindet aus dem Bewusstsein

Bei vielen jüngeren Leuten ist das Auto inzwischen abgemeldet. Nicht jeder 18-Jährige will die astronomischen Kosten für einen Führerschein tragen – viele können es auch schlicht nicht mehr. Schaue ich mich bei uns in der Firma um, besitzen nur etwa 15 Prozent der Angestellten ein eigenes Auto. Vielleicht etwas mehr, wenn man Oldtimer und Surfmobile noch dazu zählt. Nur eine einzige (!) Person kommt regelmäßig mit dem Pkw ins Büro. Am Geld kann es eigentlich nicht liegen. Doch im Wettstreit gegen schöne Wohnung und schicke Reisen zieht das Auto den Kürzeren. 

Repräsentativ für ganz Deutschland ist diese Beobachtung nicht. Der Verlag liegt direkt an zwei Bahnlinien, die meisten Kollegen wohnen nicht im weiteren Hamburger Stadtgebiet, sondern in den Vierteln der echten City. Ihr Verkehrsmix ist immer der Gleiche: Bus und Bahn bilden das Rückgrat, das Fahrrad ist die Schönwetter-Alternative, und für besondere Anlässe und Besorgungen greifen sie auf ein Miet- oder Sharing-Fahrzeug zurück. Überzeugte Radler bilden übrigens nur eine kleine Minderheit. Die monatlichen Kosten für ein Auto sparen sie sich.

Der Wettstreit der Ausgaben

Oder geben das Geld anderweitig aus. Ein halbwegs junger Mittelklassewagen kostet mindestens 500 Euro im Monat – das sind immerhin 6000 Euro im Jahr. Ein Wagen mit Hui-Effekt ist deutlich teurer. Umgerechnet in Fernreisen sind da zwei schöne Expeditionen drin. Umgerechnet in die Leitwährung Wohnung machen 500 Euro den Unterschied zwischen einer Top-Wohnung in einem In-Viertel oder einem schmucklosen 60er-Jahre Bau irgendwo in der Peripherie aus.

Hinzu kommt: In unser Firma wäre das Auto ein purer Luxus und kein Fortbewegungsmittel. Denn schneller als mit Bus, Bahn oder Fahrrad würde man das Büro mit dem Auto nicht erreichen. Ganz im Gegenteil. Im Umkreis von sieben Kilometer braucht das Auto im Berufsverkehr deutlich länger. Außerdem müsste man einen Parkplatz in der Nähe des Arbeitsplatzes mieten. Laternenparker bekommen in der Umgebung täglich ein Knöllchen. Kosten des Parkplatzes etwa 70 Euro. Will man zu Hause in Ottensen oder Hoheluft stressfrei parken, gilt das gleiche: Auch dort benötigt man einen eigenen Parkplatz, wenn man nicht abends 20 Minuten ums Karree fahren will – das wären dann schon zwei Mal 70 Euro. Länger im Stau stehen und diese Kosten tragen – das macht keinen Sinn. 

Das Auto – dann vielleicht auch ein günstiges Exemplar – aber wochentags stehen zu lassen, damit man am Wochenende mal an die Nordsee fährt, rechnet sich auch nicht. Da ist ein Mietwagen immer billiger.  

Wenn die Autolosen die Mehrheit stellen

Vielleicht würden sich die Kollegen mehr für einen Pkw erwärmen können, wenn sie mit ihm zügig vorankommen und ihn überall abstellen könnten. Doch in welcher Innenstadt ist das so? Andere Autofahrer denken jetzt: Keiner wird gezwungen, je weniger Autos unterwegs sind umso besser für mich. Das ist sehr kurz gedacht. Denn in ihren Lieblingswohnvierteln sind die Autolosen keine kleine Minderheit. Ich vermute, sie sind sogar die Mehrheit. Und ihr Verständnis für die Autos anderer Leute und deren Bedürfnisse ist nicht groß. Warum sollen sie auch mit Luftverschmutzung und Lärm leben, wenn sie selbst nicht Autofahren? Auch die alte Aufteilung des öffentlichen Raums leuchtet nicht mehr ein. Von 20 Meter Straßenbreite sind häufig 15 Meter für das Auto reserviert – diese Quote findet nur der akzeptabel, der selbst hinterm Steuer sitzt, für alle anderen ist es eine Zumutung.

Warum aufs Auto Rücksicht nehmen?

Platz für jeden gibt es ohnehin nicht. In einem Haus aus der Gründerzeit gibt zwölf bis 16 Wohnungen, ist das Dach ausgebaut, sind es mehr. Dort mögen dann 25 bis 30 Erwachsene wohnen – in einer Wohngemeinschaftsgegend sind es noch mehr Menschen. Vor dem Haus können aber nur sechs Wagen quer parken. Das ist das Maximum. In schmalen Straßen finden deutlich weniger Parkplätze Platz. Man sieht: Die Automobilisten sind immer in der Minderheit. Eher früher als später wird der Autoanteil am städtischen Raum massiv schrumpfen. Dabei muss es nicht zur autofreien Stadt kommen. Es reicht, wenn kontinuierlich Parkplätze verschwinden, Durchfahrten gesperrt werden und zwischendrin streckenweise die Fahrbahn verschwindet. Die Autolosen freuen diese Maßnahmen, die Autobesitzer bringt die Parkplatzsuche dazu, den fahrbaren Untersatz zu überdenken.


Wie die Mehrheit schon heute denkt, hat der Volksentscheid Fahrrad in Berlin gezeigt. Sollte es zu Abstimmung nur in den betroffenen Innenstadtviertel etwa in der Hamburger Schanze kommen, würde die Autofraktion jedes Mal verlieren. Beklagen kann man die Entwicklung nicht. Die Autohersteller haben es nicht geschafft, in diesen Gebieten genügend begeisterte Kunden zu schaffen. Das Leitbild Auto als Synonym für Wohlstand und Freiheit verblasst. Und so ist es nur folgerichtig, dass die Mehrheit sich nicht länger dem Wunsch der verbliebenen Fahrer beugt. 

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