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Lkw-Unfälle: Autobahn-Horror - Warum rasen Trucks ins Stauende?

Schwere Lkw-Unfälle verunsichern die Autofahrer. Immer wieder rasen Lkw ungebremst ins Stauende. Wir zeigen, woran das liegt, ob Technik helfen und wie Sie sich retten können.

Auch hier auf der Autobahn 6 bei Mannheim Sandhofen ist ein LKW in das Stauende gerast.

Auch hier auf der Autobahn 6 bei Mannheim Sandhofen ist ein LKW in das Stauende gerast.

Immer wieder kommt es immer wieder zu schrecklichen Szenen auf deutschen Autobahnen. Lkw rasen nahezu ungebremst ins Stauende. Spätestens wenn ein Pkw unter einen vor ihm stehenden Lkw gedrückt wird, kommt es zu Toten.

Da hilft es wenig, dass die Zahl der Unfälle mit schweren Lkw seit Jahren abnimmt und dies trotz steigendem Lkw-Verkehrs. Wie kommt es also zur Todesfalle am Stauende? ADAC-Sprecher Andreas Hölzel erinnert daran, dass die Häufung auch damit zusammenhänge, weil es wegen des Urlaubsverkehrs und der vielen Baustellen einfach mehr Staus gäbe. Das erklärt aber nicht, warum 40-Tonner wie Granaten auf ein Stauende prallen. Im Sommer bei guten Sichtverhältnissen müsste ein LKW mit seiner Spitzengeschwindigkeit von 80 bzw. 100 km/h immer bremsen können. 

Harte Arbeitsbedingungen

Verkehrspsychologe Christian Müller vom TÜV-Nord macht den Schichtdienst verantwortlich. "Der Tag-Nacht-Rhythmus ist bei Fernfahrern völlig durcheinander." Unruhiger Schlaf in  den Ruhephasen auf den Rastplätzen führt auch nicht zur eigentlich notwendigen Regeneration. "Das führt natürlich zur Tagesschläfrigkeit", sagt Müller. Die Fahrerin Daniela Kampschulte schreibt dazu in ihrem Blog: "Stress, Hitze, das Wetter, Unaufmerksamkeit, Ablenkung durch Laptop, Handy, die eigene Gesundheit, Überholverbote, Egoismus, Selbstüberschätzung, technischer Zustand der Fahrzeuge, Termindruck, zu geringer Abstand, Übermüdung und vieles mehr. All diese Faktoren können Kettenreaktionen hervorrufen, die dann zu solchen Unfällen führen." 

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Unzulänglichkeiten der Technik

Abhilfe soll moderne Technik schaffen. Notbremssysteme warnen den Fahrer, wenn sein Lastwagen zu dicht auf ein davor fahrendes Fahrzeug auffährt. Seit 2015 ist das Pflicht in allen neu zugelassenen Sattelzügen ab einem Gewicht von acht Tonnen. Aber: Eine Pflicht zur Nachrüstung gibt es nicht. Vor allem aber sind diese Bremssysteme für Lkw nicht mit ihren Pendants in Pkws zu vergleichen. Dort wird der Wagen nämlich bis zum Stehen runtergebremst, der Truck verzögert häufig nur die Geschwindigkeit um 10 km/h. Tatsächlich soll so das dichte Auffahren in einer LKW-Kolonne verhindert werden, als Notfallbremse am Stauende ist der Lkw-Assistenz häufig gar nicht gedacht.

Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherer sagte dem Branchendienstes Eurotransport : "Die Hersteller bauen Notbremssysteme nicht nach dem neuesten Stand der Technik ein, sondern nach dem Stand der gesetzlichen Anforderungen, die weniger verlangen."

Ablenkung am Steuer

Über das wichtigste Problem spricht die Branche nicht gern: Diese Unfälle passieren auch, weil die Trucker alles Mögliche am Steuer machen, aber eben nicht auf den Verkehr achten. Wegen der Häufung der Stauunfälle hat Jan Bergrath für Eurotransport mehrmals die Autobahnpolizei begleitet. Handynutzung, Videofilme und sogar das Schneiden der Fußnägel lenkt die Fahrer ab. In manchen Fällen zeigt sich die Unfallursache sofort, schreibt er. Auf der A 4 bei Aachen steckte noch der Laptop zwischen dem toten Fahrer und der Windschutzscheibe. Auch ein Stauunfall.

Gerade moderne Lkw mit automatischer Schaltung und Tempomaten machen die langen Fahrten unerträglich langweilig. Das größte Problem neben der Eintönigkeit ist der geringe Abstand. Trucker fahren am liebsten im Konvoi mit Mini-Abständen – dem sogenannten Platooning. Erlaubt ist das nicht, aber das kümmert offenbar nicht. Bergrath gestand der Geschäftsführer einer Spedition, dass es in seiner Firma immer noch Auffahrunfälle gäbe. Trotz eines modernen Fuhrparks mit Assistenten, die solche Unfälle eigentlich unmöglich machen, doch die Fahrer würden die Systeme einfach ausschalten.

Die Zukunft

Die modernsten und teuersten Lkw werden über eine immer bessere Technik verfügen. Die heutige Unübersichtlichkeit der verschiedenen Systeme wird hoffentlich vereinfacht. Aber eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Die Arbeitsbedingungen der Fahrer werden sich europaweit kaum entscheidend verbessern und da es keine Nachrüstpflicht gibt, werden ungesicherte Lkw nach jahrelang unterwegs sein. Der Platz am Stauende bleibt also gefährlich.

Wie schütze ich mich?

Fragt sich also, was Sie machen können, um nicht selbst unter die Brummi-Räder zu kommen. Zunächst sollten Sie selbst konzentriert und aufmerksam fahren, damit sie nicht selbst vom Stauende überrascht werden. Die einfachste Idee ist natürlich, nicht auf der rechten, der Lkw-Spur, zum Stehen zu kommen. Bei stärkerem Verkehrsaufkommen ist ein abrupter Spurwechsel vor dem Stauende ein sehr riskantes Manöver, wenn man womöglich in Panik von der langsamen rechten Spur auf die Fahrbahnen mit dem deutlich schnelleren Verkehr wechselt. Generell raten wir eher ab. Eine Vollbremsung beim Anblick eines Staus sollte man vermeiden, aber auf keinen Fall sollten Sie forsch an das letzte Auto heranfahren und dann abrupt bremsen. Eine deutliche frühzeitige Verzögerung ist geboten. Dazu kommt die Warnblinkanlage – damit machen Sie den nachfolgenden Verkehr auf den Stau aufmerksam. Und zwar nicht erst am Stauende, sondern schon hunderte Meter früher. Vergessen Sie den Rückspiegel nicht. In 99 Prozent der Fälle wird der nachfolgende Verkehr korrekt abbremsen. Sollte sich aber doch ein LKW ungebremst nähern, müssten Sie blitzschnell umschalten und auf den Seitenstreifen ausscheren. Sieht es sehr bedrohlich aus, wird es besser sein, auch auf die Böschung oder in den Seitengraben zu fahren, bevor der Lkw über sie hinüberwalzt.

Nähern Sie sich dem eigentlichen Stauende, sollten Sie gemächlich an das letzte Auto heranfahren und besser zunächst einen großen Abstand zum Vordermann einhalten. Und nie den Rückspiegel vergessen. Steht erst eine Reihe von Fahrzeugen hinter Ihnen, sind Sie außerhalb der Gefahrenzone.


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