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Unfallserie Schon wieder Radfahrerin in Berlin gestorben – die tödliche Untätigkeit des Senats

Berlin: "Nur mal kurz halten" - das kostete einer Radfahrerin das Leben.
"Nur mal kurz halten" - das kostete einer Radfahrerin in Berlin das Leben.
© Andreas Rabenstein / dpa
17 tote Radfahrer waren es 2020 in Berlin, in diesem Jahr sind es bereits drei. Wenn die Verkehrswende gelingen soll, darf das Radfahren kein potenziell tödlicher Risikosport sein. 

Berlin will zu einer Fahrradmetropole werden. So wie Oslo oder Helsinki – tatsächlich entstehen auch neue Radwege. Aber sie sind Todesfallen für die Radfahrer. In diesem Jahr sind bereits drei Radler zu Tode gekommen, im letzten waren es unglaubliche 17. Dazu kommen 19 Fußgänger. Und Schuld daran sind verantwortungslose Kfz-Fahrer und ein Senat, der viel verkündet, aber zu wenig für die Sicherheit auf den Straßen unternimmt.

Laxe Strafen

Die drei Fälle in diesem Jahr sind juristisch nicht aufgearbeitet. Aber sicher ist, die zwei Unfallopfer des März wurden – mal wieder – von abbiegenden Lkw getötet. Deren Fahrer werden vermutlich, wie in all den anderen Fällen auch, vergessen haben, dass man beim Abbiegen außer bei einem grünen Pfeil nie Vorfahrt hat. Dann ist ihnen entfallen, dass neben der Autospur häufig ein Radweg mit Vorfahrt verläuft und schließlich haben sie die Räder auch noch irgendwie übersehen. Sieht man sich vergleichbare Fälle an, können sie hoffen, auf verständnisvolle Richter zu treffen, die sie zu einer symbolischen Mini-Strafe verurteilen.

Der letzte tragische Fall ist allerdings komplizierter: Nach den bisherigen Angaben starb die Radlerin, weil sie einem abgestellten Transporter auf der Radspur ausweichen wollte und auf der Straße von einem Lkw erfasst wurde. Die größte Skepsis gegenüber dem Fahrrad liegt beim Thema Sicherheit. Und das zu Recht. Nur mal als Vergleich: Wer sich wegen der Risiken bei einer Corona-Impfung mit AstraZeneca unwohl fühlt, sollte sich in Berlin nicht aufs Fahrrad setzen. Die Gefahr zu verunglücken ist ungleich größer.

Extremsport Radfahren

Der Sicherheitszelle eines modernen Autos kann das Rad baulich nichts entgegensetzen - abgesehen von zwei Zentimeter Dämmung im Fahrradhelm. Also muss die Infrastruktur sicher ausgebaut werden. Ganz unabhängig von individuellen Fehlern und Versagen lassen sich Radwege sicher oder eben unsicher gestalten. Wie "sicher" geht, muss niemand mehr erforschen, es ist seit Langem bekannt. Die skandinavischen Städte machen es vor. Und sie erreichen mehr oder minder Null Verkehrstote bei Radfahrern und Fußgängern. Noch einmal zu Erinnerung: Berlin kam 2020 auf 36. Die Skandinavier trennen Radwege und Kfz-Zonen, sie entschärfen gefährliche Ecken und schreiben auf den meisten Straßen Tempo 30 vor, um auf diese Weise die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen Rädern und Kraftfahrzeugen zu reduzieren.

Gefährdungen werden hingenommen

Der jüngste Fall in Berlin zeigt, dass neben den Baulichkeiten die Einhaltung der Verkehrsregeln konsequent durchgesetzt werden muss. In Helsinki geschieht das durch die automatisierte Dauerüberwachung von Kreuzungen und Übergängen. Wer dort den Zebrastreifen missachtet, bei Gelb noch schnell Gas gibt, oder beim Abbiegen darauf vertraut, dass die Fußgänger schon eingeschüchtert stehen bleiben, hat eine fast hundertprozentige Gewissheit, in den nächsten Tagen ein wirklich empfindliches Bußgeld in der Post vorzufinden. Im Wiederholungsfall ist der Führerschein weg. In Deutschland gibt es zwar auch Bußen, doch in aller Regel werden Verstöße weder bemerkt noch geahndet.

Das Halten auf Radwegen und Radspuren ist in Deutschland dann auch die Regel und nicht die Ausnahme. Dabei ist bekannt, dass solche Hindernisse zu potenziell sehr gefährlichen Ausweichmanövern führen, wenn die Radfahrer kurz vor dem Hindernis auf die Fahrbahn wechseln. Bei konsequenter Ahndung ließe sich diese Unsitte insbesondere bei Lieferdiensten schnell abstellen. Welcher Fahrer möchte seine Tour mit vier Strafzetteln beenden? Und ja, die Zustellung wird aufwendiger, weil man nicht vor jedem Haus einen freien Parkplatz in Sprintergröße findet, doch in Skandinavien schaffen es die Amazon-Pakete auch zum Kunden. Doch für solche Maßnahmen müsste der politische Wille vorhanden sein, und daran fehlt es nicht nur im Berliner Senat. Und daran wird sich nur etwas ändern, wenn die Wut der Radfahrer und Fußgänger die Politik vor sich hertreibt, weil sie nicht länger die Opferlämmer der Verkehrspolitik sein wollen.

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