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Zukunft der Mobilität Verkehrsplaner erklärt: Wieso der Individualverkehr aus unseren Städten verschwinden wird

Immer mehr Bürger rebellieren gegen Staus und schlechte Luftqualität, die Städte müssen sich schnell ändern.
Immer mehr Bürger rebellieren gegen Staus und schlechte Luftqualität, die Städte müssen sich schnell ändern.
© Canetti / Getty Images
Christian Haas leitet die PTV, eine weltweit führende Firma für Verkehrsplanungssoftware. Wir sprachen mit dem Experten, wie sich die Städte die Zukunft des Verkehrs bewältigen können und wie der Ärger der Bürger die Politik vor sich hertreibt.

Herr Haas, die Verkehrssituation in den Innenstädten ändert sich dramatisch – es wird immer voller, Städte reagieren mit radikalen Konzepten. Corona hat eine kurze Auszeit gegeben, aber die Entwicklungen werden danach weitergehen.

In unseren Städten sind heute immer mehr Menschen und Güter unterwegs. Corona hat manche Effekte sogar noch verstärkt. Denken Sie an steigende Online-Bestellungen. Die Anzahl an Lieferfahrzeugen in den Städten wächst rasant, vermehrt wird in zweiter Reihe geparkt. Um einen Verkehrskollaps zu vermeiden und die Luft- und Lebensqualität für die Bewohner zu verbessern muss ein Umdenken stattfinden. Stadtplaner sind weiterhin stark auf das Auto fokussiert, doch wir brauchen Alternativen. Etwa eine sichere und attraktive Radinfrastruktur, einen noch besser ausgebauten ÖPNV und eine clevere Kombination mit neuen Mobilitätsangeboten.

Autos, Lieferfahrzeuge, Räder, E Bikes, Lastenräder und Scooter – es wird ganz schön voll auf den Straßen. Wir erleben eine Renaissance des Rades, verstärkt durch die E-Bikes. Dazu kommen neue Verkehrsmittel. Also wird es voller auf den Straßen, denn nicht jeder steigt vom Auto auf das Fahrrad um. Wenn Fußgänger zu Scooter und Rad umsteigen, nimmt dann der Verkehr auf den Straßen zu?

Der Anteil der Fahrzeuge, die kein Kfz sind, wächst tatsächlich stetig. Es ist eine große Herausforderung für die Städte, diese Entwicklungen in den bisherigen Verkehr zu integrieren. Neue Verkehrsmittel wie Scooter sind wohl eher eine Alternative für bisherige Fußgänger oder ÖPNV-Nutzer – weniger für Autofahrer. Die meisten Städteplaner haben für diese Frage noch keinen Lösungsansatz, denn das ganze Mobilitätsökosystem "Stadt" wird in einer bis dato nicht gekannten Geschwindigkeit komplexer. Um dieses Zusammenspiel orchestrieren zu können, bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung.

Christian Haas leitet seit November 2019 die PTV Group. Die Firma entwickelt und vertreibt Simulationssoftware für Verkehr, Mobilität sowie Logistik.
Christian Haas leitet seit November 2019 die PTV Group. Die Firma entwickelt und vertreibt Simulationssoftware für Verkehr, Mobilität sowie Logistik.
© PTV / PR

Sie bieten bei ihrer Firma PTV unter anderem Beratungsleistungen an, um diesen Prozess zu unterstützen.

Die PTV Group ist ein weltweit agierender Softwareplayer. Wir arbeiten in drei Segmenten, Mobilität, Transport und Consulting. Im Feld Mobilität bieten wir Softwareprodukte zur Modellierung und zur Simulation von Verkehr und städtebaulicher Infrastruktur an. Dazu gehört die Analyse von Mobilitätsdaten, um Mobilitätskonzepte im urbanen Raum zu evaluieren und neue Lösungen zu erarbeiten. Unser Ziel ist es, Städte zukunftsfähig und nachhaltig zu gestalten. Von der Optimierung der Radinfrastruktur bis hin zur Standortplanung bei den Ladesäulen für die eMobilität. Natürlich beschäftigen wir uns auch intensiv mit den Megatrends von morgen, etwa der Planung für autonome Fahrzeuge.

Sie sind in der besonderen Situation, dass Sie in den Bereichen Verkehr, sprich Mobilität, unterwegs sind und darüber hinaus für Transportdienstleister tätig sind.

Im Feld Transport unterstützen wir unsere Kunden aus dem Bereich Logistik dabei, Herausforderungen im Gütertransport zu meistern. DHL nutzt beispielsweise unsere Software, um die effizientesten Routen für ihre Flotte zu planen. Mit unserem Tourenplanungstool werden weltweit über eine Million Touren pro Tag optimiert. So können täglich 40.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Ganz entscheidend ist, dass wir die Felder Verkehr und Transport kombinieren. Wenn Sie auf die Straße schauen, sehen Sie, wie eng diese Felder in der Praxis miteinander verzahnt sind. Denn mit dem Boom im E-Commerce steigen auch die Anforderungen an die schnelle Zustellung in der Stadt. Unser USP ist, dass wir die Anforderungen der Städte und der Logistik kennen und beides optimieren können.

Was sollen die Städte machen, um das jetzige Dilemma zu lösen?

Bei Verkehrskonzepten gibt es keinen "One size fits all" Ansatz. Städte sind sehr unterschiedlich. Was in Hamburg funktioniert, ist nicht ohne Weiteres auf Stuttgart oder London übertragbar. Die Städte stehen aber vor ähnlichen Herausforderungen: Die Bürger fordern zusehends mehr Lebensqualität durch umweltfreundliche und effiziente Lösungen. Corona war hier ein Trigger. Der Lockdown hat vielen gezeigt, wie viel lebenswerter eine Stadt mit weniger Verkehr und mehr Platz für die Menschen sein kann.

Der Staat wendet große Summen auf, damit die Bürger auf ein E-Auto umsteigen. Hilft das den Städten?

E-Mobilität ist ein wichtiger Baustein, löst aber sicher nicht alle Probleme. Wenn wir im Individualverkehr schlicht vom Verbrenner auf das E-Auto umsteigen, ändert sich dadurch weder das Fahrzeugaufkommen noch die Staubelastung in den Städten. Einzig die Luftqualität verbessert sich, was ein wichtiger Aspekt ist. Ein entscheidender Hebel ist die zusätzliche Umstellung auf elektrisch angetriebenen Lieferverkehr und öffentlichen Nahverkehr wie eBusse, die in vielen Städten bereits Realität sind.

Blicken wir konkret auf die Innenstädte. Hat dort der private Pkw – ob nun elektrisch oder mit Verbrenner – eine Zukunft?

Immer mehr Großstädte auf der Welt verbannen den Individualverkehr aus der City – nicht sofort, aber perspektivisch. Das ist im Sinne der Nachhaltigkeit und einer verbesserten Lebensqualität auch sinnvoll. Dieser Prozess muss zielgenau geplant sein, damit Alternativen angeboten werden können: Vom Öffentlichen Nahverkehr über Mietfahrräder bis hin zu festgelegten Fußgängerzonen. Städte müssen eine entsprechende Infrastruktur aufbauen, die mehr umfasst als nur Verkehr. Ein Schlagwort ist hier die "15 Minute City", in der alles in 15 Minuten per Rad oder zu Fuß erreichbar ist. Perspektivisch sehe ich auch autonome und elektrische Fahrzeugflotten, die den öffentlichen Nahverkehr ergänzen – auch wenn das noch etwas dauert.

Und wie sieht der Weg zur City von morgen aus?

Einer der wichtigsten Aspekte ist, dass Städte selbst die Führung in Sachen Mobilität der Zukunft übernehmen. Es gilt nun festzulegen, welche Richtung sie einschlagen wollen und wie schnell. Die Industrieländer haben sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt – diese erfordern ein entschlossenes, aber auch effizientes Handeln. Viele Amtsträger in Europas Metropolen sind dazu jetzt bereit. Ich denke da zum Beispiel an die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die sehr proaktive Ansätze verfolgt. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es geht sehr viel schneller, wenn man es will.

Anne Hidalgo will die Kraftfahrzeuge aus Paris verbannen und einen Großteil der Straßen menschengerecht umbauen. Was sind die Herausforderungen – in Paris wie anderswo?

Die Herausforderung für die Politik besteht darin, die zunehmende Komplexität ihrer Städte in Sachen Mobilität zu begreifen. Es gilt, Lösungen zu finden, die Effizienz und Nachhaltigkeit kombinieren. Diese Wende müssen die Städte selbst herbeiführen. Aus Sicht der Bürger sind dies die Anforderungen an die Mobilität, die Sicherheit und natürlich die Gesundheit – all das sind Punkte, die eine Stadt tatsächlich lebenswerter machen. Wichtig ist, dass der öffentliche und der private Sektor hier eng kooperieren. Wir arbeiten aus diesem Grund aktuell an einem neuen Format, einem Mobilitätsgipfel in verschiedenen Städten, um die unterschiedlichen Player in einer Stadt an einen Tisch zu holen. Gemeinsam gilt es, Ideen zu entwickeln, wie die Smart City der Zukunft aussehen soll. Welche Maßnahmen bringen einen Mehrwert für die Bürger in Bezug auf Lebensqualität, auf Nachhaltigkeit und intelligente Mobilität? Das ist primär keine Frage des Geldes, entscheidend ist der Wille, zu beginnen. In Paris ist man an dieser Stelle eben schon besonders weit.

Da kommen Sie und Ihre Firma ins Spiel. Wie wollen Sie da helfen?

Mithilfe unserer Softwarelösungen lassen sich Ideen und Maßnahmen auf ihre Machbarkeit schnell überprüfen. Ich erinnere an die „Pop Up Bikes Lanes“ – man hat in manchen Städten einfach bunte Linien auf die Straßen gemalt, ohne sich vorab Gedanken über die Grundlagen und Auswirkungen auf den restlichen Verkehr zu machen. Wo sind neue Radspuren sinnvoll und sicher? Wie muss ich meine Signalanlagen schalten, um einen guten Verkehrsfluss für alle Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten? Solche Fragen lassen sich vorab mit unser Software simulieren. Wir bauen einen digitalen Zwilling einer Stadt, ein komplettes dreidimensionales Modell, in welches wir unterschiedliche Datenströme einfließen lassen und Verkehrssituationen simulieren. Mithilfe dieses Virtual Twins kann ich verkehrspolitische Maßnahmen simulieren und Konsequenzen ablesen. So könnte man digital einen Platz komplett umgestalten, daraus beispielsweise einen Park machen und dann schauen, wie sich der Verkehr entwickelt.

Vermutlich nicht so gut?

Durch die Implementierung einer neuen Maßnahme wird auf dem Platz vermutlich zunächst ein Durcheinander entstehen. Mit unserer Software könnten Sie dann simulieren, welche begleitenden Maßnahmen dieses Chaos verhindern können. Welche Auswirkungen hat etwa eine Fahrradstraße? Wie können Nahverkehrslösungen oder eine geänderte Ampelschaltung weiterhelfen? Wir können hier klar ermitteln, welche Auswirkungen bestimmte Maßnahmen haben und ableiten, ob gesetzte Zielvorgaben umsetzbar sind.  

Welche Rolle werden Fahrräder einnehmen? Vor allem mit zusätzlicher elektrischer Unterstützung erschließen sie schnell auch große Distanzen in der Stadt.

Wir bringen derzeit ein neues Produkt – den Bicycle Planner – auf den Markt. Mit diesem Tool können Kommunen intelligent Fahrradwege planen: Sowohl effiziente Radschnellwege zwischen Kommunen als auch verbesserte Infrastrukturen auf städtischen Routen. Ich glaube, dass das Fahrrad innerhalb der Stadt einen großen Stellenwert einnehmen wird, denn es verbindet die Trends Gesundheit und Umweltbewusstsein. Skandinavien und die Niederlande zeigen ja längst, was eine vernünftige Infrastruktur in puncto Akzeptanz der Bevölkerung ausmacht. Rad-Potential sehe ich für den Individualverkehr, aber auch für den Transport von Paketen. Hinzu werden Kleinstfahrzeuge zwischen Rad und Pkw kommen. Und zu vergessen ist auch nicht die nächste Technologiestufe: Drohnen werden in Zukunft Pakete transportieren und schließlich irgendwann auch Personen. Am Ende wird es darum gehen, einen attraktiven Mix aus den neuen Möglichkeiten zu schaffen.

Verkehr ist ein Thema für Städte, ein anderes ist die Luftqualität. Vielleicht sogar ein drängendes, denn hier gibt es klare Vorgaben auf EU-Ebene.

Städte müssen das Nachhaltigkeitsthema sehr ernst nehmen. Viele haben ein Problem mit der Luftqualität. In unserem digitalen Zwilling sehen Städte direkt abgebildet, wie sich der jeweilige Verkehr und die Stausituation auf die Luftqualität auswirkt. Wenn man das klar visualisiert bekommt, begreift man schnell, wo der Schuh drückt. In den letzten Jahren sind viele Verantwortliche für das Problem sensibilisiert worden, man hat den Handlungszwang erkannt. Auch die Öffentlichkeit fordert neue Ansätze. 

Wir haben jetzt von den Städten gesprochen und dabei die Innenstadt gemeint. Im Pendlerverkehr ist der ÖPNV weiterhin essenziell. Welche Trends sehen Sie hier?

Der Nahverkehr steht vor großen Herausforderungen, heute durch Covid, in der Zukunft sicher durch mehr Home-Office. Corona hat in Deutschland dazu geführt, dass die Stadtrandlagen im Grünen wieder attraktiver geworden sind. Der Öffentliche Nahverkehr hat eine Chance, wenn er es schafft, die ländlichen Räume intelligenter an Metropolen anzubinden. Dazu wird der ÖPNV in Zukunft nicht mehr rein öffentlich sein, sondern mit privaten Anbietern zusammenarbeiten. Autonome Fahrzeuge und Shared Mobility bieten perspektivisch die Chance, auch ländliche Regionen vernünftig und barrierefrei in den öffentlichen Verkehr einzubinden. Intermodale Lösungen – ob Bus, Bahn oder Robotaxi – werden die Attraktivität ländlicher Regionen steigern.

Eine abschließende Frage, wie sind Sie eigentlich unterwegs?

Ich war sehr autoaffin bevor ich zur PTV gekommen bin. Das hat sich in den letzten anderthalb Jahren gewandelt, weil ich natürlich Probleme anders realisiere als zuvor. Dieses "Sehen, wie sich Dinge auswirken" hat meine Perspektive verändert. Seit einem Jahr fahre ich ein reines E-Auto, dies hat natürlich auch mein Nutzungsverhalten geändert. Ich war vorher eher sportlich unterwegs. Mit dem E-Auto fahre ich wesentlich entspannter und vorausschauender. Natürlich wird das Auto ein wichtiges Verkehrsmittel bleiben, sein Stellenwert wird aber abnehmen, insbesondere in den Metropolen.


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