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TV-Kritik zu Günther Jauch: Eine Frage des Formats

Es war ein vermeintlich "weiches" Thema, das Günther Jauch nun endlich einmal eine erfolgreiche Sendung beschert hat: der Umgang mit der Krankheit Alzheimer. Die Fragen waren klug, der Informationsgehalt fürs Fernsehen erstaunlich, die Gäste gut ausgewählt - nur eine Frage blieb offen.

Von Christoph Forsthoff

Respekt, Günther Jauch: Viel gescholten in den letzten Wochen, bewies der 55-Jährige gestern Abend nicht nur eine große Sensibilität bei seinen Fragen, sondern bot mit seiner Sendung auch einen wirklich gelungenen, bisweilen gar vertiefenden Überblick zum "Schicksal Alzheimer". Noch weit größere Hochachtung galt allerdings Gerhard Bräuer, denn der ehemalige Zahnarzt, bei dem vor gut einem Jahr die Demenzerkrankung diagnostiziert worden ist, stellte sich den einfühlsam formulierten, und doch in ihrer Unmissverständlichkeit eben auch unausweichlichen Fragen mit bewundernswerter Offenheit. Ob er sich vorstellen könne, irgendwann einmal seine Familie nicht mehr zu erkennen? "Das kann ich mir vorstellen", gab der 59-Jährige zu. "Ich weiß, dass die Krankheit nicht umkehrbar ist." Da stiegen auch hartgesottenen TV-Zuschauern die Tränen in die Augen...

... ohne dass Jauch indes diese Sendung als Mitleids- und Betroffenheitsstunde inszeniert hätte. Nein, im Mittelpunkt stand die Information: dass in 50 Jahren 2,5 Millionen Deutsche an Alzheimer erkrankt sein werden; dass Demente derzeit seitens des Leistungskatalogs der Pflegeversicherung gar nicht als pflegebedürftig gelten; dass zwei Drittel bis drei Viertel der Pflegeleistungen heutzutage von den Angehörigen der Erkrankten erbracht werden, wie Oliver Peters aufzeigte. Auch dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ging es um Aufklärung: Nicht allein anhand von Kernspintomografie-Bildern seines Patienten Bräuer, die den Schrumpfungsprozess des Gehirns nachvollziehbar machten, sondern auch in puncto Betreuung. "Wir werden das Pflegeproblem nicht mit Pflegeheimen lösen", stellte der Oberarzt der Berliner Charité ganz nüchtern fest. Entscheidend seien Entlastungen für pflegende Angehörige – "viele wissen aber gar nicht, wie sie zu diesen Angeboten kommen."

Gunter Sachs? "Eine Flasche"

Welche Auswirkungen die dadurch resultierenden Überforderungen für Kinder haben können, die sich um die Betreuung ihrer demenzkranken Eltern kümmern, darüber hat Britta Nagel ein Buch geschrieben. Und die Journalistin gab offen zu, dass sie nach fünf Jahren heimischer Pflege ihrer an Alzheimer leidenden Mutter "einfach nicht mehr konnte" – und dennoch habe sie "sehr große Schuldgefühle" gehabt, als sie ihre Mutter dann in ein Heim gegeben habe. Und doch machte die Autorin in den Antworten auf die klugen Nachfragen Jauchs auch deutlich, dass es sich bei solch einer Entscheidung eben keineswegs um ein Abschieben handelt – "meine Mutter ist regelrecht aufgeblüht im Heim"; oder dass solch ein Lebensumbruchs auch einen zwischenmenschlichen Wert bergen könne: "Manchmal kommen Angehörige ihren Eltern oder auch dem Partner sehr viel näher durch die Krankheit."

Schilderungen, die nahe gingen – aber auch Mut machten, wenn Bräuer etwa mit Blick auf den Freitod von Gunter Sachs (der Lebemann hatte sich im Mai das Leben genommen, weil er glaubte, an Alzheimer erkrankt zu sein) knallhart feststellte: "Das ist eine Flasche." Denn natürlich könne man trotz der Diagnose auch weiterhin ein glücklicher Mensch sein. Gesundheitsminister Daniel Bahr sah in dieser "Kurzschlussreaktion" denn auch das völlig falsche Signal an die Gesellschaft im Umgang mit der Krankheit. Ja, eine Gesellschaft zeige ihr Gesicht, wie sie mit Kindern und Senioren umgehe, ergänzte Manuela Schwesig: "Jeder in unserem Land muss in Würde alt werden." Kurz war zwischen der Arbeits- und Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns und dem Bundespolitiker einmal die Debatte um eine solidarische Bürgerversicherung und die Grenzen der Pflegeversicherung aufgeflackert, aber es war an diesem Abend schlicht der falsche Ort für Polit-Debatten.

Mal wieder kein echtes Streitgespräch

Und dass Jauch am Ende dazwischen ging, als die SPD-Frau mit dem FDP-Mann noch in eine Runde des üblichen Politikergezänks vor laufenden Kameras einsteigen wollte: Auch das war ein Eingriff des Moderators im richtigen Moment. Und doch verdeutlichte es zugleich eine andere Tatsache: Von einer Talkshow, einem echten Streitgespräch gar, war diese Sendung weiter entfernt als je zuvor. Aber vielleicht sollte ihr Erfolg gerade deshalb den ARD-Oberen Anlass gegeben, über das Format für ihr Zugpferd nachzudenken. Talkshows gibt’s derzeit schließlich genug im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

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