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TV-Serie "Kreutzer kommt" Er kann noch mieser


Christoph Maria Herbst reiht sich als neuer Fernsehkommissar Kreutzer ein in die Riege verschrobener Ermittler, übertrifft diese aber an Boshaftigkeit bei weitem. Das Problem: Die Masche wirkt schnell öde.
Von Dirk Benninghoff

Christoph Maria Herbst legt offensichtlich keinen Wert auf Sympathie. Stromberg war schon ein Kotzbrocken, doch jetzt kommt Kreutzer – und der ist noch schlimmer. Brachte seine offenkundige Dummheit dem Versicherungsmann immerhin noch ein paar Mitleidspunkte ein, so gibt es für Kommissar Kreutzer überhaupt keine mildernden Umstände: Er ist zynisch, chronisch provozierend, sozial kaum verträglich – und auch noch hochintelligent. Kurzum: Der neue TV-Kommissar auf ProSieben ist eine Hassfigur, wie sie das deutsche Fernsehen kein zweites Mal besitzt.

Heute Abend läuft sein erster Fall. Der Spleen des seltsamen Ermittlers: Jeder Fall muss bei "Kreutzer kommt" in höchstens vier Stunden, 37 Minuten und 48 Sekunden gelöst sein. Warum? So richtig klar wird das nicht, es hat irgendwas mit Dreiecken und Winkeln zu tun. Kreutzers Assistentin erläutert es kurz - zu kurz, um es begreifen zu können.

Nachvollziehen kann man auch nicht, warum schon wieder ein kauziger, sozial schwer vermittelbarer Ermittler auf den Bildschirm muss. Fast wünscht man sich mal einen aalglatten Kommissar. Vielleicht sollte irgend ein Sender Markus Lanz in die Spur schicken. Vor skurrilen Cops dagegen kann sich der TV-Zuschauer kaum retten. Dass ein Kommissar arrogant daher kommt und den Spurensicherer nicht mal guten Tag sagt, kennen wir schon vom "Tatort Leipzig". In anderen Dingen erinnert Kreutzer aber eher an Columbo, bloß dass sein Trenchcoat knapper geschnitten ist.

Ein Plot mit Tradition

Der Plot ähnelt dagegen eher an Hercules Poirot. In einem Hotel wird die Sängerin der Bar umgebracht, unter Verdacht stehen Belegschaft und Gäste, die sich Kreutzer einer nach dem anderen vornimmt, bevor er dank messerscharfer Logik und Kombinationsgabe den Mörder ermittelt. Zur großen Auflösung ruft er dann – ganz nach Agatha-Christie-Manier – alle in einen Raum. Zwischendurch gibt es dann allerdings diverse Themen, die für die englischen Klassiker etwas zu deftig gewesen wären. Nichts wird ausgelassen: Es geht um Drogen, Waffenhandel, Ausbeutung Afrikas, reiche Russen, Nutten, Globalisierung.

Kreutzer beleidigt und provoziert, was sein großes verbales Repertoire hergibt. Vorzugsweise Minderheiten nimmt er sich vor, denn davon gibt es einige in dem Pilotfilm. Blinder Musiker, schwarze Musiker, schwuler Kellner, Behinderter – alles dabei im ersten Kreutzer. Ein Fest für den Zyniker. Die Masche langweilt aber schnell. Provokation nutzt sich als Stilmittel in kurzer Zeit ab, wird es für ein Bombardement der Häme missbraucht.

So gibt es nur wenige Höhepunkte, etwa wenn Kreutzer ab und an intelligente Litaneien vom Stapel lässt, gelegentlich einen wirklich guten Spruch klopft oder die hervorragende Leslie Malton als Hotelmanagerin Marga ihm sexuelle Dienste anbietet.

"Ich kann noch mieser", sagt der neue TV-Kommissar einmal. Hoffentlich gilt das nicht auch für die Fortsetzung. Dann sollte man auf keinen Fall einschalten.

"Kreutzer kommt", 20.15 Uhr, ProSieben.


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