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TV-Tipp 18.9.: "5 Broken Cameras": Für alle, die den Hass verstehen wollen

Ein Palästinenser filmt jahrelang die Grenzkonflikte zwischen seinem Dorf und israelischen Siedlern und Soldaten. Sehr subjektiv, aber ganz nah dran. Unser TV-Tipp des Tages.

Fünf Kameras werden im Laufe der fünfjährigen Dreharbeiten zerstört: Filmemacher Emad Burnat (r) und sein Freund Phil

Fünf Kameras werden im Laufe der fünfjährigen Dreharbeiten zerstört: Filmemacher Emad Burnat (r) und sein Freund Phil

"It's an endless cycle!" - Emad Burnat

"5 Broken Cameras"
23.15 Uhr, WDR

DOKU Irgendwann, so in der Mitte des Films, war der Hass plötzlich da. Der Hass auf Israel. Auf alles Israelische. Es war so leicht gewesen zu hassen. David kämpft gegen Goliath. Menschen in ziviler Alltagskleidung stehen bis an die Zähne bewaffneten Soldaten gegenüber. Gut und Böse sind so klar verteilt.

"5 Broken Cameras" ist eine Dokumentation, die mit Vorsicht zu genießen ist, aber unbedingt genossen werden sollte. Gerade weil sie subjektiv ist, gerade weil sie mit objektiver Berichterstattung nichts am Hut hat. Das liegt in der Natur der Sache begründet. Sämtliche Filmaufnahmen stammen vom Palästinenser Emad Burnat, der mit seinen Videokameras jahrelang die Grenzkonflikte zwischen seinem Dorf und den heranrückenden israelischen Siedlern und Soldaten gefilmt hat. Es fliegen Steine, es fließt Blut, Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben, am Ende sterben Menschen.

Wir sehen ausschließlich die eine, die palästinensischer Seite. Ganz nah sind wir dran. Am Alltag der Dorfbewohner und von Burnats Familie. Wenn auf der Straße gefeiert und getanzt wird. Wenn die Söhne gebadet werden. Wenn die Dorfbewohner Demonstrationen gegen die Siedlungspolitik Israels, gegen den Zaun, veranstalten. Die filmische Dramaturgie reißt mich mit. Israelis kommen mit Bulldozern. Reißen Bäume mitsamt ihren Wurzeln aus der Erde. Ich sehe Olivenbäume brennen. "Das waren die Siedler!" ruft einer. Und ich glaube ihm. Bedrohlich ragen die halbfertigen Hochhäuser dieser Landnehmer in den Himmel. Graue Gerippe, die immer näher kommen, bedrohlich nah, und auf ihrem Weg die Natur unter sich begraben.

Ich brauche eine Weile, um die Bilder, ihre Wirkung und den Hass, den ich spüre, einordnen zu können. "5 Broken Cameras" als das zu akzeptieren, was der Film ist, und mir hinzuzudenken, was fehlt. Die Gewalt von der anderen Seite zum Beispiel. Denn Gewalttaten zeigt Burnat nur dann, wenn die eine, die israelische Seite, sie begeht. Die Kamera fängt die Gesichter der israelischen Soldaten und der Siedler zwar ein, aber sie bleiben gesichtslos. Die Israelis sind im diesen Film DER GEGNER. Das enthumanisierte Andere. Anonym, uniform, bar jeglicher Individualität. Und so stark wie eine Naturgewalt.

Objektiv ist das natürlich Schwachsinn. Aber so ist es, wie Burnat und seine Familie Israel sehen. Und langsam ahne ich, warum der Frieden noch immer so unendlich fern ist dort unten im Nahen Osten. Der Hass in mir ist langsam verraucht. Stattdessen spüre ich - Hoffnungslosigkeit.

PS: An dieser Stelle möchte ich gerne den Blog "Mein Israel-my Germany" meiner Kollegin Sophie Albers Ben Chamo empfehlen, die gemeinsam mit ihrem Mann Avi dort über Israel schreibt.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Alisa, das Meermädchen"
22.25 Uhr, 3Sat


GROSSSTADTMÄRCHEN Teenagerin Alisa (Mariya Shalaeva) zaubert sich nach Moskau, wo sie ihren Prinzen aus dem Fluss zieht… Russlands Antwort auf "Amélie" ist witzig, verschroben, traurig und surreal, inspiriert von H. C. Andersens "Kleiner Meerjungfrau". (bis 0.20)

"Kindkind"
21.45 Uhr, Arte


MINISERIE Der Fund eines verstümmelten Toten erschüttert ein Küstenkaff bei Calais. In der Nähe wird die Rackerbande um einen Kindkind genannten 12-jährigen Rotzlöffel (Alane Delhaye) gesichtet. - Der Vierteiler aus Flandern porträtiert abgrundtief schräge Typen. Teil 1 und 2. (bis 23.25)

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