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TV-Tipp 24.9.: Doku "Die Wohnung": Verstörende Freundschaft

Im Nachlass seiner Oma findet ein Filmemacher aus Tel Aviv seltsame Briefe. Seine Großeltern schrieben sich mit einem Nazionalsozialisten - auch nach dem Krieg. Seine Spurensuche müssen Sie sehen.

Spuren eines vergangenen Lebens: Arnon Goldfinger durchsucht die Hinterlassenschaften seiner Großmutter

Spuren eines vergangenen Lebens: Arnon Goldfinger durchsucht die Hinterlassenschaften seiner Großmutter

"Die Wohnung"
0.15 Uhr, SWR
DOKU Schon wieder eine Doku in den TV-Tipps? Schon wieder das Thema Holocaust? Ja! Weil diese einfach großartig ist. Sie werden es wahrscheinlich schon gemerkt haben: Ich liebe Dokumentationen, die mich mit auf eine Schatzsuche nehmen. In denen am Anfang ein Mysterium steht, wir mit dem Erzähler Detektiv spielen und uns langsam der Auflösung nähern. "Searching for Sugarman" fällt mir da als Paradebeispiel ein. Und nun diese Dokumentation von Regisseur Arnon Goldfinger.

Am Anfang steht eine Wohnungsauflösung in Tel Aviv: Arnons Großmutter ist gestorben, nun muss die Familie sortieren. Was soll bleiben, was kann weg? Zwischen unzähligen Briefen und Fotos macht Arnon einen seltsamen Fund. Seine Großeltern, überzeugte Zionisten, die noch rechtzeitig vor dem Holocaust nach Palästina auswanderten, hatten all die Jahre über einen Artikel aus einem der schlimmsten Nazi-Propaganda-Blätter überhaupt aufbewahrt, einen Reisebericht mit dem Titel "Ein Nazi reist nach Palästina".

Kurze Zeit später wird dem Filmemacher klar: Arnons Großeltern waren es, die eben diesen Nazi, Leopold von Mildenstein und seine Frau, im Frühjahr 1933 auf der Reise von Deutschland nach Palästina begleitet hatten. So war eine Freundschaft zwischen den beiden Paaren gewachsen, die selbst nach dem Krieg, nach dem Holocaust, nach sechs Millionen toten Juden, nicht abgerissen war. Wie war so etwas nur möglich?

Gegen den ausdrücklichen Rat seiner Mutter beschließt er, tiefer in der Vergangenheit zu graben. So entspinnt sich eine spannende Suche nach der Wahrheit, die den Filmemacher und seine Mutter bis nach Wuppertal, zu der Tochter von Mildensteins, jenes Mannes, der einmal Chef von Adolf Eichman war, führen wird. Dabei könnten Mutter und Sohn nicht unterschiedlicher sein. Die eine, Vertreterin der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden, will vor allem: vergessen, verdrängen, im Hier und Jetzt leben. Die dritte Generation dagegen treibt die Neugier an. Arnon will wissen, was damals passiert ist. Auch wenn die Ergebnisse ihn und andere verletzen und verstören werden.

PS: Im Zeit-Magazin schrieb Goldfinger über seine Spurensuche. Hintergründig und lesenswert!

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Cern"
23.20 Uhr, Arte


DOKU Wenn Pauline Gagnon über ihre Arbeit im Teilchenbeschleuniger Cern im Kanton Genf spricht, spürt man die Begeisterung. Wie bei zwölf weiteren Mitarbeitern, die hier erfreulich verständlich ihre Forschungsmethoden und -ziele erläutern. – Faszinierend und irgendwie entschleunigend. (bis 0.35)

"The Returned"
22.15 Uhr, WDR


SERIE In einem französischen Bergdorf erwachen Tote zum Leben. Sie kehren zurück, als wäre nichts geschehen, und stürzen die Welt der Hinterbliebenen ins Chaos. Ihre Auferstehung bleibt ein Rätsel. Liegt die Erklärung am Grund des nahen Stausees, der sein Wasser verliert? Start von acht Folgen. (bis 0.05)