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TV-Tipps 14.5: "Werden Sie Deutscher": Ein Kurs in Fleiß und Ordnungsliebe

Wie wird man eigentlich ein richtiger Deutscher? In speziellen Kursen für Migranten wird das Deutschsein geübt. Das stimmt nachdenklich und ist komisch zugleich. Unser TV-Tipp des Tages.

Thomas, Feryal, Kenji, Niara und Emilia diskutieren, ob ein Bürgermeister schwul sein darf.

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"Werden Sie Deutscher"
21.45 Uhr,
DOKU Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal ein Asylantenwohnheim von innen gesehen. Der Anblick dort hat mich wütend gemacht. Viel zu dünne Wände, um im Winter nicht zu frieren. Kein Platz für Privatsphäre. Die Einrichtung - ein Armutszeugnis. "Geht wieder nach Hause!" schien dieser schäbbige Ort, am Rande eines Industriegebiets zwischen einem Tierheim und einem Autofriedhof gelegen, den Leuten entgegen zu rufen. "Ihr seid hier nicht willkommen!"

"Geduldet" heißt dieser Status im Bürokratendeutsch - und das sagt eigentlich schon alles: Zähneknirschend erlauben wir dir für einen Moment zu bleiben, aber glaub ja nicht, dass du bei uns willkommen bist. Fragt sich nur, wie man sich in zu Hause fühlen soll, wer das durchgemacht hat und tatsächlich eine der begehrten Aufenthaltsgenehmigungen bekommt?

Seit 2005 gibt es spezielle Integrationskurse für Menschen, um sich an das "Deutschsein" zu gewöhnen. Mitunter hängen Sozialleistungen davon ab oder gar die Abschiebung. Zehn Monate lang hat Filmemacherin Britt Beyer eine solche Klasse besucht, hat zuvor jeden einzelnen der Schüler zu Hause besucht, um Misstrauen gegenüber der Kamera und dem äußerst intimen Vorhaben abzubauen.

Seitdem ich im Kino einen Trailer für diese Doku gesehen habe, freue ich mich darauf, ihn heute Abend endlich zu sehen. Aus dem, was ich von Ausschnitten weiß, scheint es Beyer gelungen zu sein, nicht nur einen wichtigen, berührenden Film zu drehen, sondern auch augenzwinkernd den Schulalltag der erwachsenen Teilnehmer zu begleiten ohne sie bloßzustellen. Wir lachen mit ihnen über kulturelle Missverständnisse und babyloneske Sprachverwirrungen, nicht über sie.

Spannend scheint auch, wie schonungslos Beyer offenlegt, dass der Lehrplan verkrampft an einem "Deutsch"-Bild festhält, das nur noch in Klischees existiert. Deutsche sind in den Lehrmaterialien natürlich allesamt ordnungsliebend, fleißig und pünktlich. Ähem. Da sollten Sie mal meine Freunde fragen. Oder einen Blick in meine Wohnung werfen...

Es ist eine Sache, auf der Theorieebene über begrenzte Aufnahmekapazitäten zu schwadronieren. Sobald Sie den Menschen direkt gegenüber stehen, sie und ihre Sorgen und Nöte besser kennen lernen, sieht es ganz anders aus. Am besten fangen sie gleich heute Abend damit an!

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"I Like the 90's"
20.15 Uhr, RTL
SHOW Ein Wiedersehen mit allem, was die 90er bunt, lustig und spannend gemacht hat. So viel kann das ja nicht sein. In 5 Ausgaben gräbt sich Jan Köppen ab heute durchs Archiv. Na klar, da warten die TV-Perlen des damals fröhliche Urständ feiernden Privatfernsehens. Wer’s liked...

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo