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TV-Tipps 30.4: "Nina Hagen - Godmother of Punk": Punkerin, Christin, Masturbationserklärerin

Nina Hagen ist einfach nicht zu fassen. Der Dokumentarfilm "Nina Hagen - Godmother of Punk" versucht es erst gar nicht - und ist gerade deshalb unser TV-Tipp des Tages.

Hier war der Farbfilm definitiv eingelegt: Punkerin, Christin, Dissidentin, Masturbationserklärerin, Mutter - die zahlreichen Rollen der Nina Hagen

Hier war der Farbfilm definitiv eingelegt: Punkerin, Christin, Dissidentin, Masturbationserklärerin, Mutter - die zahlreichen Rollen der Nina Hagen

"Nina Hagen - Godmother of Punk"
20.15 Uhr, Einsfestival
MUSIKDOKU "War das nun schon mein Leben? / Meine schöne Phantasie!! / Meine Schaltstellen sind hinüber / Ich schalt' die Glotze an / Happiness, Flutsch-Flutsch! Fun fun!". 1978 besang Nina Hagen den "TV-Glotzer" - Medienkritik im Punkformat. Heute ist das immer noch verdammt gute Musik, schockt aber sicher niemanden mehr. Denn es ist verdammt schwer geworden, jemanden im 21. Jahrhundert noch richtig zu schocken. Paparazzi werden arbeitslos, weil die Stars ihre Nackideibilder gleich persönlich twittern. Popikonen wie Lady Gaga lassen sich auf der Bühne ankotzen. Und Punk gehört längst zum akzeptierten Establishment - zumindest musikalisch.

Da muss man schon zum Christentum konvertieren, um wirklich noch die Gemüter zu erregen. Nina Hagen hat das getan, vor fünf Jahren, mit 54 Jahren. Ausgerechnet Nina Hagen! Die Dame, die immer gegen verstaubte Rollenklischees gekämpft und über Drogentrips gesungen hat, über lesbische Liebe und Abtreibung! Die Frau, die 1979 im österreichischen Fernsehen verschiedene Masturbationsstellungen vorgeführt hat.

Wie passt da eine Gospelplatte "Personal Jesus" ins Bild? Wie ausführliche Interviews mit dem Sender Bibel-TV? Ist es die reine Lust an der Provokation, echte Spiritualität oder der Spaß daran, etwas Neues auszuprobieren?

Wahrscheinlich alles und nichts davon. Gerade das ist ja das Schöne an der Doku "Nina Hagen - Godmother of Punk", die ursprünglich 2011 in der "Arte"-Reihe "Summer of Girls" ausgestrahlt wurde: Sie quetscht die Hagen nicht in eine Schublade, ja, versucht es auch gar nicht. Weil wir sowieso nie sicher sein können, ob die Musikerin das, was sie gerade im Brustton der Überzeugung von sich gibt, wirklich ernst meint oder uns alle an der Nase herumführt. Nur eins, das ahnen wir: Um Provokation nur um der Provokation willen geht es der Hagen nicht. Für den Rest müssen wir schon unser eigenes Oberstübchen bemühen.

PS: Im Anschluss gleich weitergucken und zuhören: Es läuft der Rockpalast mit einem Konzert der Nina Hagen Band Aufzeichnung aus der Dortmunder Westfalenhalle vom 9. Dezember 1978.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"There Will Be Blood"
20.15 Uhr, Arte
EPOS Kalifornien, 1898: Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) träumt vom schwarzen Gold. Mit seinem Adoptivsohn im Schlepptau überrumpelt er ahnungslose Farmer, luchst ihnen ihre Ländereien ab und beginnt unter unmenschlichen Anstrengungen mit den Bohrungen. Bald fließt das erste Öl. Ohne Rücksicht auf Verluste mehrt Plainview Reichtum, Macht und Feinde. Der Prediger Eli sammelt die Unzufriedenen um sich und fordert Buße... Ein Riese von einem Film: Paul Thomas Anderson zeichnet Aufstieg und Fall eines seelischen Krüppels in Bildern von biblischer Wucht. Day-Lewis gewann den Oscar, der Sound von Radiohead-Musiker Jonny Greenwood hallt lange nach. (bis 22.50)

"Hair"
22.25 Uhr, 3Sat

MUSICAL Ende der 60er: Bevor Farmerssohn Claude (John Savage) den Dienst in Vietnam antritt, will er New York sehen. Im Central Park trifft er eine Hippieclique, die sein Leben verändern soll. - Nostalgiealarm: Hier ist der Mond im siebten Haus und Jupiter ganz nah bei Mars... (bis 0.20)

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