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TV-Tipps des Tages für den 18.1. Die rasante Leere der Moderne

Der expressionistische Maler Egon Schiele prägte die Kunst der Belle Époque
Der expressionistische Maler Egon Schiele prägte die Kunst der Belle Époque
© ZDF und Robert Neumüller/Dorfilm
In diesem Jahr jährt sich der Erste Weltkrieg zum 100. Mal. In einer tollen Doku-Reihe erklärt 3Sat, wie es zu der Urkatastrophe kommen konnte. "Der taumelnde Kontinent" - unser TV-Tipp des Tages.

"Der taumelnde Kontinent"
22.10 Uhr, 3Sat

DOKU In diesem Jahr werden unzählige Artikel und Fernsehdokumentationen anlässlich des vor 100 Jahren ausgebrochenen Ersten Weltkriegs über uns hereinprasseln. Wir werden mit Bergen toter Soldaten konfrontiert, Giftgas, Frontverläufen und Friedensverhandlungen. Viel spannender ist jedoch zu wissen, wie es zu diesem verheerenden Krieg kommen konnte, den Historiker als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnen. In einer dreiteiligen Dokumentation widmet sich 3Sat genau dieser Frage. Und zieht für die Antwort nicht Bündnissysteme oder die Ermordung des österreichischen Thronfolgers heran, sondern holt weit aus.

Um zu verstehen, wie der hoch entwickelte Kontitent in Krieg und Chaos versinken konnte, befasst sich der für die Dokumentation verantwortliche Historiker Philipp Blom mit Gesellschaft und Kultur der Belle Époque, also den drei Jahrzehnten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In dieser Periode erlebte Europa einen beispiellosen Wandel. Die Moderne setzte ein und produzierte ein Sinnvakuum: Kunst und Wissenschaft zertrümmerten alte Gewissheiten und Autoritäten, konnten jedoch nichts an deren Stelle setzen. Zeitgleich sorgten Wirtschaft und Industrie für einen rasanten Aufschwung, der überall zu großen sozialen Ungleichheiten führte. Anhand der fünf wichtigsten Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich-Ungarn und Russland zeigt der Historiker die großen gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüche auf, die der Wandel auslöste.

Blom stützt sich dabei auf viel Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenes Filmmaterial, mischt aber aktuelle Bilder drunter. Damit möchte er Parallelen aufzeigen zwischen der Belle Époque und der Gegenwart. Die daraus resultierende Bilderflut ist bisweilen etwas verwirrend und überfordert den Zuschauer. Auch wenn sein Ansatz dadurch etwas überambitioniert daherkommt: Philipp Blom ist die informativere und unterhaltsame Alternative zu Guido Knopp Geschichtsfernsehen.

Durch diesen Dreiteiler (Folge 2 am Sonntag um 22.30 Uhr, Folge 3 am Montag um 22.25 Uhr) versteht man endlich, wieso die Gesellschaften Europas um 1914 so überhitzt waren, dass sich die Spannungen fast zwangsläufig in einem Krieg entladen musste.
Ein TV-Tipp von Carsten Heidböhmer, Redakteur bei stern.de


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