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TV-Zweiteiler von "Anonyma. Eine Frau in Berlin": Das Grauen aushalten, um zu überleben

Der TV-Zweiteiler "Anonyma - eine Frau in Berlin" wühlt auf, was lange verdrängt war: Aus Scham haben Zehntausende Frauen, die von Soldaten der Roten Armee 1945 vergewaltigt wurden, geschwiegen. Eine Betroffene spricht über ihr Leid und die befreiende Offenbarung.

Von Anja Lösel

Mehr als 60 Jahre lang hat sie geschwiegen. Aus Scham. Wie Tausende von anderen Frauen, die vergewaltigt wurden, damals 1945 in Berlin, in den Wirren des zu Ende gehenden Krieges. Ingeborg Bullert fühlte sich schuldig. Hatte Angst vor der Häme und Verachtung der anderen. Wollte sich nicht "Flittchen" und "Russenmatratze" schimpfen lassen. Lieber ruhig bleiben und alles für sich behalten. Kein Wort. Zu niemandem. Doch dann kam das Buch: "Anonyma. Eine Frau in Berlin". Eine Offenbarung für Ingeborg Bullert. Unendlich erleichtert war sie, als sie das Tagebuch der unbekannten Berlinerin in die Hände bekam. Plötzlich war da eine, die alles genau so beschrieb, wie auch sie es erlebt hatte. Eine, über die sie auch hergefallen waren, einfach so, als sei sie ein Stück Dreck. Vor Bomben und Granaten hatte sich Ingeborg Bullert in einen Keller in Berlin-Wilmersdorf geflüchtet. Leben im dunklen Loch, mit ihrem gerade geborenen Säugling, der Mutter und den anderen Hausbewohnern auf engsten Raum. Immer die Angst, dass sie kommen, die Russen, und sich rächen an den Deutschen, die so viel Unheil über die Welt gebracht hatten. Um das Kind zu versorgen, brauchte sie eine Kerze. Dazu musste sie aber raus aus dem Keller, in die Wohnung. Sie schlich los, ins Treppenhaus. Und dann passierte es.

Vergewaltigung mit vorgehaltener Pistole

"Ich hörte Schritte hinter mir. Da stehen zwei blutjunge, russische Soldaten. Dem einen purzelt eine Weinflasche aus der Uniformjacke, der andere zerrt mich zu Boden. Ich bin starr vor Angst. Und dann bedienen sich die beiden. Abwechselnd. Mit vorgehaltener Pistole." Später hat sie sich oft gefragt: Kann das denn alles so geschehen sein? War das ein schrecklicher Traum? "Ich habe nicht geschrien, mich nicht gewehrt." Lieber alles ausgehalten, um nicht erschossen zu werden. So wie die Anonyma, die in ihrem Tagebuch schreibt: "Ich weiß nur, dass ich überleben will - ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier."

Jetzt ist Ingeborg Bullert 85 Jahre alt und kann sprechen über das, was sie erlebt hat. Wie eine Erlösung brach es vor zwei Jahren aus ihr heraus, als sie nach der Lektüre des Buches zuerst für eine Fernseh-Dokumentation, dann für den stern offen über alles redete. Über Bomben und Granaten, Angst und Hunger. Über ihren kleinen Sohn Axel, der mitten in dieses Chaos hineingeboren wurde, am 11. April 1945. Und vor allem über das Unaussprechliche: die Vergewaltigung. Genau wie der Anonyma ist es ihr ergangen. Auch die wollte nur kurz mal aus dem schützenden Keller. "Da haben sie mich. Die beiden haben hier gelauert. Ich schreie, schreie.... Hinter mir klappt dumpf die Kellertür zu." Es ist Freitag, der 27. April 1945, als die anonyme junge Berlinerin das notiert. Chaotische Zustände in Berlin, nichts zu essen, weder Wasser noch Strom, alles ist zusammengebrochen. Die Rote Armee marschiert ein und schnappt sich, was sie kriegen kann: Uhren, Alkohol - und Frauen. Alle leben in Angst, verstecken sich in Kellern und auf Dachböden. Und werden doch aufgestöbert, gedemütigt, vergewaltigt.

Was Tausende von Berlinerinnen erlebten, damals, am Ende des Zweiten Weltkrieges, hat sie in ihrem Tagebuch notiert. "Nun sitze ich hier am Küchentisch, hab soeben den Füllhalter neu mit Tinte gefüllt und schreibe, schreibe, schreibe mir allen Wirrsinn aus dem Kopf und Herz. Was mag das werden? Was kommt da noch über uns? Mir ist so klebrig, ich mag gar nichts mehr anfassen, mag die eigene Haut nicht anrühren."

Der Film wühlt auf, was lange verdrängt war

Martha H. hieß sie, war Journalistin, aber ihren Namen mochte sie nicht preisgeben. Zu peinlich, zu beschämend war das alles. Nach dem Krieg veröffentlichte sie ihr Tagebuch. Beachtet wurde es erst, als sie schon tot war. Max Färberböck ("Aimée und Jaguar") hat einen Film daraus gemacht, mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Leider bleiben seine Bilder blass vor der Wucht und Sprachgewalt des Tagebuches und vor dem Grauen der Wirklichkeit. Trotzdem ist es ein wichtiger Film, denn er wühlt auf, was viel zu lang verdrängt und vergessen war. Die Langfassung ist nun in zwei Teilen am Montag und Mittwoch im ZDF zu sehen. Ingeborg Bullert ist nicht ins Kino gegangen, als der Film vor zwei Jahren Premiere hatte. Wird sie ihn sich nun im Fernsehen angucken? "Ich weiß es noch nicht", sagt sie. "Eigentlich will ich das alles gar nicht sehen." Sie hat abgeschlossen mit der schrecklichen Vergangenheit, kann heute darüber sprechen, ohne dass die Bilder sie hinterher im Schlaf verfolgen. Aber was passierte damals, vor zwei Jahren, als sie ihre Geschichte im stern offenbarte? "Bei einigen Freunden war es sicher so, dass sie dachten: Oh, die arme Frau, die hat ja viel mitgemacht. Die haben mich danach ernster genommen.", sagt sie. "Aber die meisten sprachen mich gar nicht darauf an, sie wollten mich wohl schonen."

Und sonst? Nur Positives. Eine Schulfreundin meldete sich nach über 70 Jahren wieder bei ihr. "Das war sehr bewegend, ich war zu Tränen gerührt." Eine andere Freundin "hatte ein vergleichbares Schicksal wie ich, nur in Ostpreußen". Sie arbeitete als Tänzerin am Theater in Königsberg, und "ich hatte immer Sorge: Was ist wohl aus der Sonja geworden." Es geht ihr gut, sie lebt nun in den USA.

Der Gestank von Gaul und Tabak

Würde sie Frauen, die Ähnliches erlebt haben, raten, zu reden? "Auf jeden Fall", sagt Ingeborg Bullert. Ihr hat es geholfen, sie konnte das Erlebte verarbeiten und ihren Frieden machen. Viele Frauen wurden damals zynisch. Sprachen von "Essen anschlafen" und trösteten sich gegenseitig mit flapsigen Sprüchen wie: "Lieber ein Russki aufm Bauch als ein Ami aufm Kopp". Und heulten doch nachts in die Kissen in dem Gefühl, büßen zu müssen für die Untaten ihrer Männer an der Front und der Deutschen generell. Rund 100.000 Frauen erwischte "es" 1945 in den Tagen der Anarchie, als die Rote Armee in Berlin einmarschierte, viele mehrmals. Genaue Zahlen gibt es nicht, wird es wohl nie geben. Denn wer hätte da zählen, registrieren, aufzeichnen sollen? Wie gruselig es war, beschreibt die Anonyma drastisch: "Gestank von Gaul und Tabak. Ich reiße die Augen auf. Geschickt klemmen die fremden Hände mir die Kiefer auseinander. Aug in Auge. Dann lässt der über mir aus seinem Mund bedächtig den angesammelten Speichel in meinen Mund fallen." Sie will sich nicht kaputt machen lassen und heckt einen Plan aus. "Verdammt! Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu habe ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Fremdsprache?" Sie hält Ausschau nach einem Beschützer. Und findet einen Major, "großer, schlanker Typ, brünett, in sauberer Uniform." Er ist leidlich nett, bringt Eier und Mehl, auch mal ein Fläschchen Tokajer. Sie gibt ihm ihren Körper – und erhält dafür Schutz und einige Annehmlichkeiten. "Die Sprache von Brot, Speck und Heringen ist international verständlich." Am Ende mag die Anonyma ihn sogar. Ein klein wenig jedenfalls. Tausende von Frauen haben es so gemacht. Es war das kleinste Übel. Lieber einen erdulden, als jeden Tag in Angst und Schrecken leben vor den marodierenden, betrunkenen Horden.

Den Schrecken sogar mit Witz beschrieben

Und doch: Dass eine den Schrecken beschreiben konnte, während um sie herum die Welt zusammenbrach, dazu noch packend und sogar mit Witz, schien vielen unglaublich und unfassbar. Sie zweifelten an der Echtheit des Tagebuches, der Frau, einfach an allem. Ingeborg Bullert hat nie daran gezweifelt. Es erzählt ja ihre Geschichte, und dass die wahr ist, daran gibt es nichts zu rütteln. Vielleicht ermutigt der Fernsehfilm ja noch mehr Frauen, sich zu offenbaren. Aber wer wirklich wissen will, wie es war, der sollte das Buch lesen. Unbedingt! Das ZDF zeigt den Film als Zweiteiler am Montag, den 10. Mai und am Mittwoch, den 12. Mai jeweils von 20.15 bis 21.40 Uhr.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(