"Anonyma" "Und dann bedienten sich die beiden"


Es ist ein düsteres Kapitel des Zweiten Weltkriegs: Zehntausende Frauen wurden 1945 von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt. "Anonyma", das Tagebuch einer jungen Berlinerin, und dessen aktuelle Kinoverfilmung machten einigen Mut, im stern über ihr Leid zu sprechen.
Von Anja Lösel

Sie will nur schnell einen Kerzendocht aus der Wohnung holen. Geht ein paar Schritte raus aus dem sicheren Keller. Und schon ist es passiert. "Ich höre Schritte hinter mir. Da stehen zwei blutjunge russische Soldaten. Dem einen purzelt eine Weinflasche aus der Uniformjacke, der andere zerrt mich zu Boden. Ich bin starr vor Angst. Und dann bedienen sich die beiden. Abwechselnd. Mit vorgehaltener Pistole."

Mehr als 60 Jahre lang hat Ingeborg Bullert geschwiegen. Aus Scham, dass sie vergewaltigt wurde, damals, 1945 in Berlin, in den Wirren des zu Ende gehenden Krieges. Sie fühlte sich schuldig. Hatte Angst vor der Häme und Verachtung der anderen. Wollte sich nicht "Flittchen" und "Russenmatratze" schimpfen lassen. Dann lieber ruhig bleiben und alles für sich behalten. Nicht mal ihrer Mutter hat sie es gesagt, obwohl die was ahnte und ihr ansah, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Kein Wort. Zu niemandem.

Doch dann kam das Buch "Anonyma: Eine Frau in Berlin". Eine Offenbarung für Ingeborg Bullert. Unendlich erleichtert war sie, als sie 2003 das Tagebuch der unbekannten Berlinerin in die Hände bekam. Plötzlich war da eine, die alles genau so beschrieb, wie auch sie es erlebt hatte.

Höchste Zeit zu sprechen

Jetzt ist Ingeborg Bullert 83 Jahre alt und will endlich sprechen. Es ist höchste Zeit. Angespannt sitzt sie in ihrem orangeroten 70er-Jahre-Wohnzimmer, eine schlanke, elegante Frau, die immer noch manchmal als Schauspielerin arbeitet. Es ist wie eine Erlösung. Sie redet und redet, kann gar nicht mehr aufhören. Von Bomben und Granaten, von Angst und Hunger. Von ihrem kleinen Sohn Axel, der mitten in dieses Chaos hineingeboren wurde, am 11. April 1945. Und von dem bislang Unaussprechlichen: der Vergewaltigung.

Genau wie der Anonyma ist es ihr ergangen. Auch die wollte nur kurz mal aus dem schützenden Keller. "Da haben sie mich. Die beiden haben hier gelauert. Ich schreie, schreie ... Hinter mir klappt dumpf die Kellertür zu."

Es ist Freitag, der 27. April 1945, als die junge Berlinerin das notiert. Chaotische Zustände in Berlin, nichts zu essen, weder Wasser noch Strom, alles ist zusammengebrochen. Die Rote Armee marschiert ein und schnappt sich, was sie kriegen kann: Uhren, Alkohol - und Frauen. Alle leben in Angst, verstecken sich in Kellern und auf Dachböden. Und werden doch aufgestöbert, gedemütigt, vergewaltigt.

"Was kommt da noch über uns?"

Was Tausende von Frauen erlebten, damals, am Ende des Zweiten Weltkrieges, hat sie in ihrem Tagebuch notiert. "Nun sitze ich hier am Küchentisch, hab soeben den Füllhalter neu mit Tinte gefüllt und schreibe, schreibe, schreibe mir allen Wirrsinn aus dem Kopf und Herz. Was mag das werden? Was kommt da noch über uns? Mir ist so klebrig, ich mag gar nichts mehr anfassen, mag die eigene Haut nicht anrühren."

Marta H. hieß sie, war Journalistin, aber ihren Namen mochte sie nicht preisgeben. Zu peinlich, zu beschämend war das alles. Als "Anonyma: Eine Frau in Berlin" wird ihr Tagebuch 1954 zuerst in einer englischen Übersetzung und 1959 endlich auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Beachtet wurde es erst, als die Autorin schon tot war und Hans Magnus Enzensberger 2003 eine Neuauflage herausgab.

Jetzt hat Max Färberböck ("Aimée und Jaguar") einen Film daraus gemacht, mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Leider bleiben seine Kinobilder blass vor der Wucht und Sprachgewalt des Tagebuchs, vor dem Grauen der Wirklichkeit. Trotzdem ist es ein wichtiger Film, denn er wühlt erneut auf, was viel zu lange verdrängt und vergessen war.

Keine Zeitzeugen

"Ich glaube kaum, dass ein Mann sich wirklich vorstellen kann, was eine Vergewaltigung ist", sagt Färberböck. "So weit reicht meine Fantasie nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie das Leben einer Frau für immer verändert." Er hat Zeitzeuginnen gesucht, um von dem Leid aus erster Hand zu erfahren und wenigstens ein bisschen zu begreifen. Vergebens. Er fand keine. Vielleicht, weil er ein Mann ist. "Ich habe gemerkt, dass sich immer wieder Frauen hingeben mussten, um ihre Würde zu retten."

Aber es gibt sie: Frauen, die das Grauen in Berlin erlebt haben, das auch Marta H., die Anonyma, erlebte. Frauen, die sprechen wollen. Wie Ingeborg Bullert.

Sie hat sich oft gefragt: Kann das denn alles so geschehen sein? War das ein Traum? "Ich habe nicht geschrien, mich nicht gewehrt." Lieber alles ausgehalten, um nicht erschossen zu werden.

Es verging eine Weile, bis sie wieder hinunter in den Keller gehen konnte. "Meine Mutter hat sofort gefragt: Was ist denn mit dir? Du siehst ja ganz blass aus. Aber ich habe nichts erzählt. Auch später nicht. Ich habe nie darüber gesprochen."

Die Frauen schämten sich

So ging es den meisten. Sie schämten sich. Hielten sich selbst für schuldig. Wenn sie doch redeten, mussten sie sich Sprüche anhören wie: "Du hast doch auch deinen Spaß gehabt" oder "Hab dich nicht so, die paar Minuten". Also hielten sie den Mund.

"Pralle Breitschädel, kurzgeschoren, wohlgenährt, unbekümmert", so beschreibt die Anonyma die sowjetischen Soldaten, die 1945 nach Berlin kamen, in die Häuser eindrangen, plünderten und vergewaltigten. Genaue Zahlen gibt es nicht, wird es nie geben. Denn wer hätte da zählen, registrieren, aufzeichnen sollen?

Nur die Filmerin Helke Sander wagte eine Schätzung. Für ihre Dokumentation "BeFreier und Befreite" sichtete sie Krankenbücher der Charité, rechnete die Zahlen hoch auf ganz Berlin und kam auf mehr als 110.000 vergewaltigte Frauen und Mädchen. Das sind fast acht Prozent der 1,4 Millionen Frauen, die damals in Berlin lebten. Die meisten davon traf es mehrmals, die Rotarmisten standen buchstäblich Schlange, obwohl Stadtkommandant Nikolai Bersarin den Soldaten streng verboten hatte, sich an deutschen Frauen zu vergreifen.

Geduldete Abtreibung

Viele der Frauen hatten später mit Geschlechtskrankheiten zu kämpfen. Geschätzte 20 Prozent der Vergewaltigten wurden schwanger. Ohne viele Worte darüber zu verlieren, nahmen die Ärzte in der Charité reihenweise Abtreibungen vor. Erlaubt war das nicht, aber geduldet. Wahrscheinlich kamen mehr als 1000 "Russenkinder" zur Welt.

"Olle Kamellen", bekam Helke Sander noch in den 90er Jahren zu hören, als sie Details recherchieren wollte. Erst das Buch der Anonyma rüttelte ein paar Menschen auf. Der Kinofilm wird es ebenfalls tun.

Auch Ingrid Holzhüter, heute 71, ist eine der Frauen, die nicht länger schweigen wollen. 1945 ist sie zwar nicht vergewaltigt worden, aber ihr Leben wurde trotzdem zerstört. Die Achtjährige musste mehrmals zusehen, wie ihre Mutter sich "freiwillig" opferte, um das Kind zu schützen. Wie sie "über den nächsten Tisch geschmissen" und ihr "die Kleider vom Leib gerissen" wurden. "Vor allem die Geräusche bekomme ich nie wieder aus dem Kopf."

Einmal entkam Ingrid Holzhüter nur knapp. Ein Mann "hatte sich schon entblößt, und es war sehr deutlich zu erkennen, was er vorhatte. Dieses Bild werde ich nie mehr los", sagt sie.

Mit Hass aufgeladen

"Spaß haben die Soldaten dabei nicht", glaubt die Schauspielerin Nina Hoss, die im Film die Anonyma spielt, blass, ernst und entschlossen. "Es geht um Demütigung. Wenn ich die feindlichen Frauen vergewaltige, erniedrige ich auch die Männer." Sie kann das sogar ein wenig verstehen. "Bei den Dreharbeiten sagten die russischen Kollegen: 'Was meint ihr, was unsere Großväter erlebt haben!' Die können nicht vergessen, was ihnen von den Deutschen zugefügt wurde. Die Rote Armee durchquerte ja ihr eigenes verwüstetes Land, bevor sie in Berlin ankam. Es ist begreiflich, dass die Soldaten mit Hass aufgeladen waren."

Für die Frauen gab es damals eigentlich nur drei Möglichkeiten: mitmachen, verstecken oder freiwillig aus dem Leben gehen. Die Anonyma fand noch eine vierte: aktiv werden, einen Plan aushecken. Nach ihrer dritten Vergewaltigung ist sie so zermürbt und zerstört, dass sie beschließt, etwas zu tun. "Verdammt! Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu habe ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Fremdsprache?"

Es wird dann ein Major, "ein großer, schlanker Typ, brünett, in sauberer Uniform". Er ist leidlich nett, bringt Eier und Mehl, auch mal ein Fläschchen Tokajer. Sie gibt ihm ihren Körper - und erhält dafür Schutz und einige Annehmlichkeiten. "Die Sprache von Brot, Speck und Heringen ist international verständlich." Am Ende mag die Anonyma ihn sogar. Ein klein wenig jedenfalls.

Tausende von Frauen haben es so gemacht. Es war das kleinste Übel. Lieber einen erdulden als jeden Tag in Angst und Schrecken leben vor den marodierenden, betrunkenen Horden.

Der Beschützer war "wenigstens nur einer"

Um ihr Kind und auch sich selbst vor noch Schlimmerem zu bewahren, tat Ingrid Holzhüters Mutter genau das Gleiche: Sie suchte sich einen Beschützer. Ließ sich mit einem Kommandanten ein, der sie schon länger umworben, ihr immer wieder Mehl oder Eier vor die Tür gelegt hatte. Warum also nicht? "Da hatten wir wenigstens nur diesen einen Besatzer", sagt Ingrid Holzhüter.

Zu ertragen war das nur mit Galgenhumor. Viele Frauen wurden zynisch. Sprachen von "Essen anschlafen" und "Schändungsschuhen". Trösteten sich gegenseitig mit flapsigen Sprüchen wie: "Lieber ein Russki aufm Bauch als ein Ami aufm Kopp." Und heulten doch nachts in die Kissen in dem Gefühl, büßen zu müssen für die Untaten ihrer Männer an der Front und der Deutschen generell.

Überhaupt: die Männer. Die aus dem Krieg zurückkehrten, konnten mit dieser Art von Witzen nichts anfangen und begriffen nicht die Verzweiflung, die dahinter steckte. Auch Gerd, der Freund der Anonyma, ist fassungslos: "Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden, ihr alle miteinander hier im Haus. Alle Maßstäbe sind euch abhanden gekommen." Er flieht ins Schweigen. Will nicht wissen, nicht zuhören, nicht begreifen. Und nimmt damit das kollektive Nicht-darüber-reden-Können der Nachkriegszeit vorweg.

"Die Frauen wurden in eine Heimchenrolle zurückgedrängt. Sie mussten den Mund halten, weil man mit einer beschmutzten Frau ja nicht zusammenleben konnte", sagt Nina Hoss.

Rücksichtslos gegenüber sich selbst

Und dass eine von ihnen so schreiben konnte, während um sie herum die Welt zusammenbrach, dazu noch packend und sogar mit Witz, schien vielen unglaublich und unfassbar. Sie zweifelten. Ist es möglich, in derart hoffnungsloser Situation schonungslos, fast rücksichtslos gegenüber sich selbst den Schrecken zu beschreiben, die Vergewaltigungen und brutalen Überfälle in Keller und Wohnung? Oder war da manipuliert worden?

Ausgerechnet Kurt Marek hatte 1959 die erste Ausgabe des Buches herausgegeben, das schürte das Misstrauen. Denn der Schriftsteller, der im selben Jahr unter dem Pseudonym C. W. Ceram mit "Götter, Gräber und Gelehrte" einen Bestseller gelandet hatte, galt als Meister geschickter Montage. Hatte er womöglich entscheidend mitgeschrieben? War das Tagebuch der Anonyma eine Fälschung?

Der Schriftsteller und Geschichtsexperte Walter Kempowski war um ein Gutachten gebeten worden. Als Erster durfte er 2004 die zwei Schulhefte und eine leinengebundene Kladde sowie die später ausformulierte Langfassung untersuchen, die die Anonyma "auf grauem Kriegspapier" hinterlassen hatte und die Mareks Witwe Hannelore in Obhut genommen hat. Kempowski ging "nachdrücklich davon aus, dass es sich um Originale handelt". Und schrieb: "Die Durchsicht der Handschrift und des Typoskripts ergeben keinen Hinweis darauf, dass Marek - oder irgendeine andere Person - an der Herstellung des Manuskripts mitgewirkt haben."

Ingeborg Bullert und Ingrid Holzhüter haben nie daran gezweifelt. Natürlich ist das Buch echt, es erzählt ja ihre Geschichte, und dass die wahr ist, daran gibt es nichts zu rütteln. Nun hoffen beide, dass der Film noch mehr Frauen ermutigt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sich die Last von der Seele zu reden.

Im Film folgt eine zarte Liebesgeschichte

Fatal wäre es allerdings, wenn beim Kinopublikum der Eindruck entstünde: Die Frauen haben es ja freiwillig gemacht, haben es selbst gewollt. Ausgeschlossen ist das nicht. Denn Max Färberböcks Film macht aus der Zweckgemeinschaft mit dem Major am Ende eine zarte Liebesgeschichte - obwohl davon im Tagebuch nicht die Rede ist. Zwar ist der Anonyma schon mal "katzenwohl" in Gegenwart des Majors, aber das kann auch am Tokajer liegen. Es gibt tatsächlich eine heiße Liebesnacht, aber was bedeutet das schon? Und als der Gönner sich endgültig verabschiedet, ist ihr "ein wenig weh, ein wenig leer zumute". Aber Liebe? Wohl kaum. Sympathie vielleicht und Trauer um die versiegende Essensquelle. Am Ende aber doch Erleichterung, dass er weg ist und sie ihm nicht mehr zu Diensten sein muss.

Egal, ob Liebe oder nicht: Wenn der Film nur einer einzigen Frau hilft, sich zu öffnen und zu sprechen über tief vergrabene Kriegserlebnisse, dann ist es gut. "Ich wundere mich, wie viele Menschen alles vergessen haben", sagt Ingrid Holzhüter. "Kein Mensch, der heute nach Berlin kommt, weiß, was die Menschen hier durchgemacht haben. Die haben ihre Strafe eigentlich dicke abgesessen."

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