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Ungewohnter Dietmar Bär: "Tatort"-Mime brilliert als prügelnder Familienvater

Ein packendes ARD-Drama über häusliche Gewalt: "Kehrtwende". Dietmar Bär gelingt das Kunststück, den Täter so zu spielen, dass man trotz seiner Gewaltausbrüche Sympathie für ihn empfindet.

Der nette "Tatort"-Kommissar Dietmar Bär (50) präsentiert sich in einer anderen Rolle - als prügelnder Familienvater. Er ist kaum wiederzuerkennen: kein Bart, dafür voller Haarschopf (sein eigener, kein Toupet!) und ein ganz anderes Mienenspiel. "Ich wollte mal wieder etwas anderes machen, ich will nicht festgelegt sein", sagt Bär über das ARD-Drama "Kehrtwende", das an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) zu sehen ist. Der WDR hat ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Es ist jedoch keine Dietmar-Bär-Show draus geworden - im Mittelpunkt des Fernsehfilms "Kehrtwende" steht das Thema häusliche Gewalt.

Der von Bär verkörperte Thomas Schäfer wird als Gymnasiallehrer, Chorleiter und stellvertretender Schuldirektor allseits respektiert. Vielleicht tritt er manchmal etwas zu barsch und autoritär auf und nervt - typisch Lehrer! - seine Umgebung damit, dass er alles besser weiß. Aber kaum einer ahnt, wie sehr dieser Mann wirklich unter Druck steht.

Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, rastet er leicht aus. In der Schule kann er sich gerade noch beherrschen, zu Hause nicht mehr. Dort bringt den Perfektionisten vor allem das kreative Durcheinander seiner Frau Viola (Inka Friedrich) auf die Palme - und dann schlägt er zu. Auch der 13 Jahre alte Sohn Sven lebt in ständiger Angst vor ihm, weil ihm immer mal wieder "die Hand ausrutscht". Nur die fast 18-jährige Tochter Sofia ist vor ihm sicher.

Sobald der Vater das Haus betritt, herrscht ein Klima der Angst. Mit Hilfe einer Freundin, der Anwältin Gisa, erkennt Viola schließlich, dass es so nicht weitergehen kann, und zieht mit Sven und Sofia aus. Sven hasst den Vater mittlerweile und will auf keinen Fall mehr zurück. Sofia dagegen bringt es nicht über sich, alle Verbindungen abzubrechen. Die unsichere Mutter ist hin- und hergerissen und gibt sich selbst eine Mitschuld: "Ich bring ihn mit meinem Chaos zur Weißglut."

Schäfer entschließt sich zu einem Anti-Gewalt-Training und kämpft um seine Familie. "Er ist ja kein schlicht gestrickter Mensch", sagt Bär. Es sei ein Irrtum zu glauben, dass sich Gewalt auf Unterschichtfamilien beschränke. "Das Thema ist wahrscheinlich viel wichtiger, als man denkt. Ich halte es für ein Tabu in unserer ach so offenen Gesellschaft und bin überzeugt davon, dass die Dunkelziffer hoch ist."

Die große Stärke des Films unter der Regie von Dror Zahavi ist, dass er Klischees konsequent meidet. Jede Figur wirkt glaubwürdig, und auch der prügelnde Vater hat sympathische Seiten, was es der Familie gerade so schwer macht, sich von ihm zu lösen. Ob die Schäfers die "Kehrtwende" schaffen werden, bleibt am Ende offen. Die Möglichkeit ist da, aber ein endgültiger Bruch scheint wahrscheinlicher. Sven ist in jedem Fall dauerhaft geschädigt und übernimmt das aggressive Verhalten seines Vaters. So ergibt sich ein vielschichtiges, realitätsnahes Bild, ohne dass die Spannung darunter auch nur vorübergehend leidet. Besser kann man ein brisantes gesellschaftliches Thema kaum im Fernsehen umsetzen.

Von Christoph Driessen, DPA / DPA