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Web-TV: Ehrensenf, Rocketboom und Co.

Das Fernsehen der Zukunft findet im Internet statt - die innovativsten Comedy-Formate findet man jenseits der großen TV-Anstalten. Wie sich die kreativen Spaßmacher im Netz ausleben - stern.de stellt sie vor.

Von Kathrin Buchner

Jeden Tag ist Katrin im Netz zu sehen. Mit ihrem leicht schwäbischen Dialekt führt die hübsche Brünette knapp fünf Minuten per Videoblog durch die virtuelle Welt der Computerspiele, kommentiert Merkels Osterurlaub, entdeckt komische Gadgets wie antibakterielle Handschuhe für U-Bahnfahrer oder gibt Tipps, welche Filme man sich im Flieger zur besonderen Freude seines von Flugangst geplagten Sitznachbarn anguckt - nämlich "Die Nacht der lebenden Toten". Selbstironisch, komisch und vor allem schlagfertig, diese Eigenschaften schätzen die Fans an Katrin. Und es werden täglich mehr.

Seit "Ehrensenf, übrigens ein Anagramm von "Fernsehen", im November vergangenen Jahres im Internet gestartet ist, schnellt die Zuschauerzahl rasant in die Höhe. 270.000 Klicks im Monat waren es noch bis Dezember, im März sind es bereits 1,6 Millionen. Jedes Video wird in der Woche 20.000 Mal heruntergeladen. Damit ist "Ehrensenf" der erfolgreichste und bekannteste Videoblog Deutschlands. "Dass es so schnell so gut läuft, damit hätten wir nicht gerechnet", sagt Carola Sayer.

Ehemalige Mitarbeiter der "Wochenshow"

Für dieses Projekt gründete die ehemalige Fernsehredakteurin mit ihrem Geschäftspartner, dem Comedyautor Rainer Bender, im vergangenen Jahr die Produktionsfirma "ravenrocker". Kennen gelernt hatten sich die beiden während ihrer gemeinsamen Zeit als Mitarbeiter der legendären Comedysendung "Wochenshow". "Wir denken, dass Fernsehen im Internet die Zukunft ist. Besonders reizvoll dabei ist, jeden Schritt selbst entscheiden zu können", beschreibt Sayer ihre Motivation.

Es begann in einer Küche

Ehrensenf wird noch vorwiegend durch Eigenkapital finanziert. Zum Start bauten die beiden die Büroküche zu einem Studio aus, besorgten sich Kamera und Schnittprogramm und fanden nach einem Casting auch ihre Moderatorin Katrin.

Echte Pionierarbeit, denn Vorbilder gab es zumindest in Deutschland keine.

Vorbild Amanda Congdon

Das amerikanische Pendant zu Katrin ist blond, ebenso schlagfertig und mittlerweile fast eine Berühmtheit, zumindest unter Netzjunkies. Die 26-jährige Amanda Congdon ist schon seit Oktober 2004 täglich im Internet zu sehen. In knallengen T-Shirts vor einer riesigen Weltkarte sitzend performt die aufgedrehte Blondine ihre One-Woman-Show namens "Rocketboom": Mal zoomt sie sich per Webcam in das Verkehrschaos in einer indischen Großstadt, mal berichtet sie von einer Videobloggerkonferenz und besonders gerne zieht sie frauenfeindliche Äußerungen von Republikaner-Abgeordneten durch den Kakao. Im Gegensatz zu ihrer deutschen Kollegin Katrin wirft sich Amanda mit ihrer Kamera auch mal selbst ins Getümmel von New York und dokumentiert Straßenparaden.

Unterstützt wird Congdon von ihrem Produzenten, dem 35-jährigen Michael Baron. Rund 250.000 regelmäßige Zuschauer hat "Rocketboom" und gerade ist den beiden ein finanzieller Coup gelungen: Bei Ebay versteigerten sie für 40.000 Dollar einen Wochenblock Werbezeit an den Geldautomatenhersteller TRM.

Davon träumt die Ehrensenf-Crew noch. Doch leben Bender und Sayer von früheren Gagen. Doch seit dem Gewinn des renommierten Lead Award als Webfeature des Jahres bewegt sich langsam etwas: Erste Werbekunden melden sich, Kooperationen mit anderen Online-Portalen sind in Planung.

Professionele Herangehensweise

Täglich investieren Bender und Sayer rund 20 Stunden Arbeitszeit für das rund fünfminütige Endprodukt. In dieser professionellen Herangehensweise liegt sicher auch ihr Erfolg begründet. Vor allem unterscheidet es "Ehrensenf" von den zigmillionen anderen Videoblogs, die sich im Netz tummeln.

Auf jeden Fall befriedigt "Ehrensenf" das steigende Bedürfnis nach individuellem Medienkonsum. Eine wachsende Anzahl an Zuschauern hat keine Lust mehr, sich von konventionellen Fernsehprogrammen die Inhalte und ihren Tagesablauf diktieren zu lassen. Digitale Festplattenrekorder, Video-on-Demand und Videoblogs machen es möglich, ohne lästige Werbepausen genau das zu sehen, nach was einem der Sinn steht. Und zwar ohne lästige Werbepausen.

Internet erlebt den zweiten Frühling

Dank immer größeren Bandbreiten im Netz und neuen mobilen Geräten werden Fernsehinhalte mehr und mehr vom Fernseher abgekoppelt. Experten rechnen sogar damit, dass den großen TV-Anstalten ein ähnliches Schicksal blüht wie der Musikindustrie, wo Downloads die klassischen Vertriebswege immer mehr ersetzen. Mehr als 800 Millionen Werbe-Euro haben die Privatsender in den vergangenen vier Jahren verloren. Seit den boomenden New-Economy-Jahren ging es stetig bergab. Im Gegensatz zum Internet, das derzeit einen zweiten Frühling erlebt.

Und wenn nur ein winziger Bruchteil der ehemaligen Fernsehmillionen für "Ehrensenf" abfällt, verabschiedet uns Katrin weiterhin so charmant in den Tag; "Das war Ehrensenf. Ich bin Katrin. Tschüss."

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