ZDF Jugend trifft Seniorenstadl


Ist das ZDF eine große Seniorengemeinde, ein Rentner-Sender? Der 20-jährige stern.de-Mitarbeiter Tobias Fülbeck hat sich eine Woche durch das Programm gezappt. Zwischen Johannes B. Kerner und Carmen Nebel fand er überraschend einige Perlen.
Von Tobias Fülbeck

Ich bin ein junger Mensch, 20 Jahre alt. Mich möchte das ZDF gerne als Stammzuschauer gewinnen. Ich gebe dem Mainzer Sender eine Chance: Ich habe in den letzten sieben Tagen zehn Sendungen geschaut, ausschließlich im ZDF. Die Auswahl fiel auf eine bunte Mischung aus Information, Unterhaltung und Spielfilmen.

"Ich möchte von dir wissen, warum du mich so selten in den Arm genommen hast?", fragt Christine (48) ihre Mutter. Die 37°-Reportage "Mama, das war's" skizziert die Funkstille zwischen Vätern und Söhnen, Müttern und Töchtern - ruhig inszeniert, mit sparsam dosierter Musik und Charakteren, die ernst genommen und nicht der Lächerlichkeit Preis gegeben werden. Diese Qualität sucht man bei den Privaten vergeblich. Selbst die Quoten sind ordentlich. 7,2 Prozent der 14- bis 49-Jährigen schauen zu. Ein Erfolg. Zumal der ZDF-Durchschnitt bei der junger Zielgruppe bei nur 6,7 Prozent liegt und Simon Gosejohann zeitgleich auf Pro Sieben mit nackten Tatsachen auch nur 7,7 Prozent holt.

Ein bisschen Talk mit "Johannes B. Kerner"! Welche Krankenkasse ist am besten für mich geeignet? JBK bietet keine neuen Aspekte. Nachdem ich mir einen Kaffee gekocht habe, fragt Kerner in die Expertenrunde: "Was ist denn mit den ganzen chronisch Kranken, mit den Rheumatikern, mit den Leuten, die auf Pflege angewiesen sind, mit den Älteren? Es werden immer mehr, weil wir immer älter werden!" Okay, da bringt auch Koffein nichts mehr. Ich schalte den Fernseher aus. Dieter Nuhr kam erst um kurz vor Mitternacht. Schade

Küchenschlacht"-Kandidat Heiko war beim Iron Man dabei, erzählt Chefkoch Horst Lichter und fügt hinzu: "Ich habe ja auch einmal beim Iron Man very hard teilgenommen: Acht Stunden Bügeln am Stück. Das war in meiner ersten Ehe." Nicht einmal das Publikum im Studio lacht. Anschließend erklärt Heiko: "Ich koche heute Pene mit Gemüsesoße." Lichter: "Peni?" Heiko: "Ne, Pene." Lichter: "Ah, du meinst Penne." Goldig, diese Küchenschlacht der Vollprofis

Na also. Das ZDF setzt bei "Leute heute" auf einen bunten Mix mit boulevardesken Themensprüngen vom schweren Schicksalsschlag Peter Alexanders (Tod der Tochter) zu Victoria von Schweden, die Namenstag hat. Robbie Williams hat sich als ein kleines Mädchen verkleinert und Pamela Anderson hat bei Prêt-à-Porter ihre Brustwarzen gezeigt. Person der Woche: Tokio Hotel-Sänger Bill Kaulitz. Warum? Weil er eine neue Haarpracht hat. "Leute heute" könnte auch "Exclusiv-Das Starmagazin" heißen. Mich stört das nicht...

Es dauert lange, bis ich in der Sendung "Willkommen bei Carmen Nebel" den ersten Stargast kenne. Die sind alle so alt. Aber dann: Luca Toni ist da. In Gestalt von Comedian Matze Knoop, der mit seinem Lied "Numero Uno" auftrat – und neben der schier endlos prustenden und gackernden Carmen Nebel etwas deplatziert wirkte. So etwas Lustiges hatte Nebel wohl bisher nicht gesehen. Doch ihre Freude und ihr Lachen wirkten so authentisch wie die Lippen von Chiara Ohoven.

Eine düstere Stimme begrüßt mich bei "Terra X" zu dramatischen Klängen im Hintergrund. Nachgestellte Szenen entführen mich in die Welt des Malers Leonardo da Vinci. Hat er uns einen geheimen Code hinterlassen? Gutes Infotainment. Und sieh an: Auf einmal stimmen sogar die Quoten. Starke 11,2 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe.

Zugegeben: Ich habe nur kurz bei "Barbara Wood: Karibisches Geheimnis" reingeschaut. 90 Minuten TV-Schmonzette geht nämlich gar nicht. Klischee-Charaktere stolzieren durch die sterile Postkartenidylle und schluchzen dabei manchmal. Gerade einmal unterdurschnittliche fünf Prozent junge Zuschauer konnten das ertragen. Wenigstens einen Grund zum Schmunzeln gab es: Das ZDF umgeht Schleichwerbung, in dem ein Apple-Bildschirm mit einem Birnenlogo beklebt wird. Originell! Eigentlich kann man dem ZDF keinen Vorwurf machen, dieses Format am Sonntagabend zu senden. Schließlich ist die Konkurrenz mit Krimis und Hollywood-Blockbustern stets sehr gut aufgestellt. Das ZDF füllt die Lücke mit seichter Unterhaltung.

Fünf Minuten der neuen Telenovela "Alisa", Folge elf: Ein Mann im silbernen Auto fährt die hübsche Alissa an. Die fällt hin, weint. Der Mann im Auto, natürlich Arzt, leistet erste Hilfe. Es folgen hölzerne Dialoge. "Alles in Ordnung?" Alissa weint noch mehr. Der Mann will nicht, dass sie traurig ist und lädt sie zum Essen ein. Nun ja: Alisa – was ein Name! - ist eine Frauensendung. Frauen mögen das, oder? Aber waren die Schauspieler bei der Vorgänger-Telenovela auch so schlecht?

Das Magazin "WISO" ist super. Unter anderem bietet das Magazin eine investigative Reportage zum "Nicht-Rentner-Thema" Abzocke mit Spam-SMS. "Wiso ermittelt" ist eine locker präsentierte Rubrik, mit einer Prise Humor. Das hätte ich nicht erwartet.

Ich bin von den "heute"-Nachrichten enttäuscht. Nur ein Beispiel: Statt erläuternder Infografiken zur Veranschaulichung der Jugendkriminalitäts-Statistik gibt es ein 24-sekündiges Statement von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Dieses ist auf Grund lauter "Eh" und "Ähs" völlig unverständlich. Wieso wird so ein schlechter O-Ton ausgewählt? Eine abgespeckte "heute"-Sendung würde ausreichen. So wie die "Tagesschau" es vormacht: die gleichen Themen, anschaulicher aufbereitet, und das um fünf Minuten kürzer. Kein Wunder, dass mehr junge Zuschauer einschalten.

Mein Fazit nach einer Woche mit dem ZDF: Es gab sie wirklich, die unzumutbaren Sendungen für Jugendliche: das Senioren-Fernsehen. Beispiele sind etwa die "Küchenschlacht", in der man nicht Kochen lernt und Horst Lichter nervt, oder "Willkommen bei Carmen Nebel", dem Musikantenstadl mit einer weiblichen Moderatorin. Doch es gab auch Lichtblicke. Das ZDF sollte sich auf seine Stärken besinnen. Mit spannend erzählten Reportagen wie 37-Grad oder guten Informations-Sendungen wie "WISO" erreicht man mehr junge Leute, als wenn man zwanghaft bei Jugendlichen anbiedert und Telenovelas wie "Alisa" oder Kopien der privaten Konkurrenz sendet. Die Verantwortlichen müssten mehr Mut für neue Formate beweisen, einen mit Hape Kerkeling vergleichbaren Moderator und Entertainer verpflichten, weniger Geld für die Vermarktung von Event-Mehrteilern ausgeben und mehr US-Spielfilme zeigen. Dass man mit letzteren erfolgreich sein kann, hat der Januar dieses Jahres gezeigt. Da sahen überdurchschnittlich viele junge Zuschauer die Filme "Sentinel", "Inside Man" und "Harry Potter". Zum Schluss lasse ich noch mal die Zahlen sprechen: Bei den 14- bis 29-Jährigen hat das ZDF am Dienstag, 17. März, im Tagesdurchschnitt 2,9 Prozent geholt. Das ist der schlechteste Wert aller Sender. RTL verbuchte am gleichen Tag 22,8 Prozent ProSieben holte 15,9 Prozent, RTL2 gute 8,1 Prozent. Selbst das Erste lag mit 6 Prozent deutlich vor dem Mainzer Sender. Die jungen Zuschauer sind die Zuschauer von morgen. Es sieht düster aus für das ZDF


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