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BJÖRN ANDRESEN: »Tadzio war ein lästiger Schatten«

Als blond gelocktes Objekt der Begierde in dem Kultfilm »Tod in Venedig« wurde Björn Andresen weltberühmt - und verschwand wenig später von der internationalen Bühne. Der heute 47-Jährige im stern-Interview.

Als er das Restaurant betritt, ist es ein bisschen so, als würde man einen alten Bekannten wiedersehen. Nur das blonde Haar ist grau und das Gesicht härter geworden. Und er sieht in seiner abgewetzten Lederjacke und den alten Jeans mittlerweile aus wie ein in die Jahre gekommener Rockmusiker, der zu viel raucht und zu wenig schläft. »Das ist doch der Junge aus ,Tod in Venedig«», flüstert der Garderobier, als Björn Andresen in das Stockholmer Traditionslokal Prinsen kommt. 31 Jahre ist es her, dass der Schwede in Luchino Viscontis Filmklassiker den hübschen Jungen Tadzio aus vornehmer polnischer Familie gespielt hat. Andresen entschuldigt sich höflich für die zehnminütige Verspätung. «Ich habe verschlafen», sagt er, «denn zwei Dinge hasse ich wirklich: ins Bett gehen und wieder aufstehen.» Ohne in die Karte zu blicken, bestellt er Bier und Salat.

Sie haben dieses Restaurant für unser Treffen ausgesucht. Warum?

Meine Eltern haben sich hier kennen gelernt, später war ich dann auch oft zu Gast, wie viele Künstler. Das Essen ist sehr gut. Aber inzwischen ist es sehr teuer geworden. Ich kann mir das nicht mehr leisten.

Aber durch den Tadzio sind Sie doch sicher reich geworden.

Von der Gage, eher ein Schmerzensgeld, ist schon lange nichts mehr übrig. Ein Prozent meines Ruhms, den ich nach dem »Tod in Venedig« hatte, in Geld - und ich würde heute anders leben. Nicht in einer 46-Quadratmeter-Wohnung, mit meiner Lebensgefährtin, ihren beiden Töchtern, einem Hund, einem Hamster und einer Katze.

Sie waren sehr jung, als Visconti Sie für die Thomas-Mann-Verfilmung entdeckte.

Ich war 15 Jahre und ging noch zur Schule. Ein Jahr zuvor hatte meine Großmutter, bei der ich aufwuchs, mich zu Probeaufnahmen geschickt, und ich bekam eine kleine Rolle in dem Spielfilm »A Swedish Love Story«. Darüber kam ich dann zum Casting für »Tod in Venedig«. Natürlich fand ich es ziemlich aufregend, in einem Kinofilm mitzuwirken, schon um die Mädchen zu beeindrucken. Aber ich hätte lieber mit Christopher Lee in einem Horrorfilm gespielt oder einfach Musik gemacht. Seit meinem sechsten Lebensjahr spiele ich Klavier und Gitarre. Meine Oma drängte mich aber zu dieser Rolle, und sie war später sehr stolz - ehrlicherweise weniger auf mich als vielmehr auf die Popularität. Sie konnte jetzt beim Friseur anrufen und bekam sofort einen Termin, wenn sie sagte: »Ich bin die Oma von Björn Andresen.«

Was lief dann schief? Sie waren durch die Rolle auf einen Schlag weltberühmt, bekamen viele Angebote und hätten international Karriere machen können.

Ich wollte eigentlich nie Schauspieler werden! Und der Rummel nach dem Film machte mir eher Angst. Auf einer Werbetour in Tokio zum Beispiel versuchten Leute, mir Locken aus den Haaren zu schneiden, verfolgten mich regelrecht. Völlig verrückt. Keiner hatte mich auf solche Szenen vorbereitet. Ich war einfach viel zu jung. Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt, hätte ich die Rolle nie angenommen.

Aber den einen oder anderen Vorteil hatte das Berühmtsein doch auch.

Klar, ich durfte bei der Londoner Premiere von »Tod in Venedig« der Queen die Hand schütteln und ging auf dem Filmfest von Cannes mit Jack Nicholson zum Lunch. Das hat natürlich Spaß gemacht. Irgendwie fühlte ich mich wie in einem James-Bond-Film - aufregende Menschen, Champagner und Rolls-Royce. Das war das Beste am Tadzio. Wobei, so ganz verstanden habe ich die Aufregung nie. Die Leute überschlugen sich, wie toll ich in der Rolle gewesen sei. Aber mal im Ernst, ich spreche ja nicht mal eine Zeile Dialog.

Aber Sie ließen sich doch vermarkten.

Die PR-Leute, meine Familie, Visconti - alle versuchten mit Macht, aus mir einen Star zu machen. Ich drehte einen Werbefilm für Schokolade, sogar singen musste ich: »Love is here«, ein schrecklicher Titel. Obwohl ich eine Platte aufgehoben habe, schäme ich mich noch heute für dieses Werk. Um all dem zu entgehen, bin ich erst mal nach Kopenhagen gegangen und habe eine Zeit lang gar nicht mehr geschauspielert.

Sie kamen aber nach Stockholm zurück. Drehten in schwedischen Film- und Fernsehproduktionen, traten im Theater auf.

Ich habe sogar mal in einer Seifenoper den Bösen gespielt, das brachte Spaß, weil es nichts mit Tadzio zu tun hatte. Aber angenommen habe ich die Jobs im Grunde nur wegen des Geldes. Ich lernte meine Frau kennen, plötzlich war Familie ein Thema. Ich fühlte mich verantwortlich und dachte, jetzt musst du was Ordentliches lernen. Also ging ich auf die Schauspielschule, bekam auch Angebote. Aber dann gab es auf einmal keine Familie mehr. Mein Sohn starb, meine Frau und ich trennten uns, und unsere Tochter blieb bei ihr. Es gab plötzlich keinen Grund mehr, sich weiter zu quälen, deshalb habe ich vor elf Jahren praktisch ganz mit der Schauspielerei aufgehört.

Ihren Traum, sich als Musiker zu etablieren, konnten Sie nicht wahr machen?

Keiner wollte mich doch als Musiker ernst nehmen. Einmal arrangierte ich zwar die Musik für ein Musical, das sehr gute Kritiken bekam. Aber das interessierte keinen. Für die Leute blieb ich immer nur Tadzio. Wenn irgendwo ein Engelsgesicht gebraucht wurde, rief man mich. Dabei ist Musik mein Leben.

Es kursierten viele Gerüchte über Sie: Sie sollten in den Drogensumpf abgerutscht oder tödlich verunglückt sein, in New York als Zeuge in einem Mordfall vor Gericht gestanden und sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben.

Weil ich kaum Interviews gegeben habe, haben sich die Leute einfach Dinge ausgedacht. Die Wahrheit ist: Ich war nie drogenabhängig, schwul oder in New York. Und ich lebe auch noch.

Sie werden in drei Jahren 50. Angst vor dem Alter?

Falten oder graue Haare machen mir keine Sorgen. Angst vor dem Alter verstehe ich als Angst vor der Einsamkeit. Ich bin endlich ein bisschen erwachsen geworden, habe zum ersten Mal in meinem Leben einen richtigen Job und habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich arbeite als privater Musiklehrer und unterrichte an einer Schule; das ist zwar anstrengend und wird schlecht bezahlt, aber es macht Spaß. Daneben spiele ich in einem Tanzorchester Piano, auch nicht die Erfüllung, aber es bringt was ein. Und ich rocke zum Vergnügen in einer Garagenband. Nebenbei arbeite ich mit einem Freund an einem Musical. Es geht mir gut. Aber das Wichtigste: Ich habe eine tolle Frau, die Ordnung in mein Leben gebracht hat, Ruhe und Frieden.

Würden Sie den Tadzio noch mal spielen?

Tadzio war zwar kein Trauma, aber doch ein lästiger Schatten. Ein Leben ohne ihn wäre auf jeden Fall leichter gewesen, aber auch weniger interessant.

Interview: Bianca Lang