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Hugh Grant: Jetzt fängt der Spaß erst an

Für den romantischen Verführer wird er langsam zu alt. Und so gefällt es Hugh Grant, sich selbstironisch zu demontieren. In der Popkomödie "Mitten ins Herz" zum Beispiel.

Von Till Raether

Jeder Mann, der heute um die vierzig und nicht von Hause aus Voll-Macho ist, muss sich fragen, wie viel Hugh Grant in ihm steckt. Ja, wir haben seit "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" so getan, als fänden wir diesen affektiert vor sich hin stotternden, wuschelhaarigen Engländer mit der Hühnerbrust und dem Welpenblick abschreckend und peinlich, doch in Wahrheit haben wir ihn studiert und uns gefragt: Wie macht der das? Und wie können wir das nachmachen, denn wäre unser Leben nicht leichter und voll von schönen Frauen, wenn wir von ihm lernten, wie man Schüchternheit in Verführungskraft verwandelt?

Es war gar nicht so einfach, als Mann in den 90er Jahren erwachsen zu werden. Die alten Rollenmodelle waren alle durch. Wir wollten cooler und witziger sein als der dauerbetroffene "Neue Mann", aber verständnisvoller und nicht so oberflächlich wie die Yuppies mit ihren damals noch sehr großen "Motorola"-Handys. Und dann kam Hugh, und mit ihm kamen die goldenen Jahre des Mannes als sexy Trottel. Damals sprach er von seinem Hass aufs Berühmtsein, nannte sich "einen der faulsten Menschen Londons", umschrieb seine Lebensphilosophie mit den Worten "Lass dich nicht erwischen!" Kein Wunder, dass er uns damals so angesprochen hat: "Ewiger Student war meine Bestimmung", hat er einmal gesagt. Von "Vier Hochzeiten" (1994) bis zu "Notting Hill" (1999) melkte er gnadenlos die Nummer des scheinbar ungeschickten, in Wahrheit aber sehr zielstrebigen Herzensbrechers.

Dann allerdings ließ er seine Wuschelhaare abschneiden, versuchte sich als scheinbar zynischer Schurke, in Wahrheit aber liebenswürdiger Herzensbrecher in "About a Boy" und den "Brigdet Jones"-Filmen neu zu erfinden, ohne irgendjemanden davon wirklich zu überzeugen, hatte noch einmal einen Erfolg mit dem Ensemble-Film "Tatsächlich... Liebe", machte ansonsten aber den Eindruck, hauptberuflich von Liz Hurley getrennt zu sein. Die 90er Jahre waren vorbei, die Welt schien keinen Bedarf mehr an Hugh Grant zu haben. Nachdem der zweite Teil von "Bridget Jones" abgedreht war, sagte er: "Die Wahrheit ist: Wenn das hier vorbei ist, habe ich keinen neuen Vertrag, kein neues Engagement. Ich weiß nicht, was ich machen werde. Eigentlich wollte ich schon immer meinen eigenen Film drehen. Doch ich bin zu faul. Nicht kreativ genug. Und zu feige."

Hugh Grant machte nun jahrelang Strandurlaub mit Jemima Khan, was ihm das Aussehen eines vor etwa einer Stunde in den Ofen geschobenen Truthahns bescherte. Seine Trennung von der Ex-Frau eines reichen Kricket-Stars fand nun parallel zum Kinostart von "Mitten ins Herz" statt, seiner ersten Hauptrolle seit fünf Jahren. Grant ist 46 - und er ist alt geworden. In einer Szene spielt er nachdenklich mit der überschüssigen Haut unter seinem Kinn und sagt: "I'm a happy has-been", ich bin glücklich, weg vom Fenster zu sein. In Hollywood heißt es, "Mitten ins Herz" sei vermutlich Grants letzter romantischer Film, das Publikum wolle jüngere Stars sehen und keine alten Knacker. Manche sagen ihm ein Karriereende voraus, wie Cary Grant es hatte: mehrere Jahrzehnte ohne Filme, aber mit sehr viel Golf und lukrativen 20-Minuten-Auftritten als Stargast auf Ärztekongressen.

In "Mitten ins Herz" mimt Hugh Grant einen ausgebrannten Popstar, der in den 80er Jahren einen einzigen Hit hatte und heute nur noch in Retroshows auftritt. Es ist die tragischste Rolle, die er je gespielt hat, sein lustigster Film seit langem, und Grant, der sonst immer den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen schien, hat sich nicht geschont: Bekennend unmusikalisch, hat er das Singen, Klavierspielen und - in Maßen - Tanzen gelernt, um den Altstar Alex Fletcher glaubhaft darstellen zu können. Zum Vorschein kommen eine überraschend gefällige Gesangsstimme, ein paar unbeschreiblich lächerliche Dance-Moves - und zum ersten Mal überhaupt hat man als Zuschauer das Gefühl, als wäre Hugh Grant endlich ganz bei sich. Zwar weist er jeden Verdacht, seine Darstellung könne etwas mit ihm selbst zu tun haben, auf bewährt selbstironische Art zurück: "Man sagt, Schauspielerei basiere darauf, vergangene Emotionen aus seinem Innersten hervorzuholen; ich habe jedoch keine erwähnenswerten Emotionen." Es habe da mal ein totes Meerschweinchen gegeben, aber das sei einfach zu lange her. Doch wenn er in "Mitten ins Herz" durch alberne 80er-Jahre-Videos hampelt und bei Klassentreffen seinen Hintern in viel zu engen Hosen vor mit ihm gealterten weiblichen Fans schwenkt, wirkt er locker und befreit wie noch nie. Das Problem an der Selbstironie, die sich so viele abgeguckt haben von Hugh Grant, war immer ihre Botschaft: Ich finde mich so super, dass ich es mir problemlos erlauben kann, Witze über mich selbst zu reißen. Die Selbstparodie, die Hugh Grant nun in seiner Rolle als gescheitertes One-Hit-Wonder präsentiert, ist vielschichtiger, sie deutet an, dass hier jemand seiner eigenen Tricks und Kniffe müde geworden ist und sie deshalb der Lächerlichkeit preisgibt. Es wirkt wie ein Reinigungsritual. Und ist nicht so manche festgefahrene Karriere durch eine gezielte Selbstparodie zur rechten Zeit gerettet worden? John Travolta in "Pulp Fiction", Michael Douglas in "Wonder Boys"?

Bleibt nur die Frage: Was ist mit den verkorksten Männern der Generation Hugh, die irgendwann wirklich glaubten, es würde reichen, die eigenen Schwächen möglichst süß aussehen zu lassen? Es scheint, als könnten wir nach all den Jahren doch noch einmal was lernen vom sexy Trottel, nämlich: sich einzugestehen, dass man eigentlich eine ziemlich lächerliche Figur ist. Und wer weiß, was alles möglich ist, wenn man das erst mal akzeptiert hat.

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