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Interview: "Er sucht das nie gelebte Paradies"

Der Kinder- und Familienpsychologe Wolfgang Bergmann hat sich in seinem Buch "Das Drama des modernen Kindes" auch mit den seelischen Nöten des Popstars Michael Jackson beschäftigt.

stern: Ist Jackson ein Kinderschänder?

Wolfgang Bergmann: Das weiß ich nicht. Ich traue der amerikanischen Justiz nicht, sobald eine Fernsehkamera dabei ist. In seiner ganzen Entwicklung - von seiner Magersucht bis zu seinen Liveshows - gibt es Hinweise auf päderastische Motive. Trotzdem muss man zwei Formen des sexuellen Missbrauchs voneinander unterscheiden: gewaltsamen Missbrauch und die subtilere Form. Dass er Gewalt angewendet hat, schließe ich eigentlich aus.

Wieso das?

Er will keinen Sex, sondern Berührung. Er sehnt sich nach Harmonie. Er will mit dem anderen verschmelzen und ein großes Eins sein. In diesen Gesten liegt auch hohe Sensibilität und Zärtlichkeit. Jackson ist im Grunde selbst noch ein gedemütigtes, geschlagenes Kind.

Michael Jackson ist 45 - wie passt das zusammen?

Er stammt aus einem sehr autoritären und extrem leistungsbezogenen Elternhaus.

Joe Jackson, Michael Jacksons Vater, hat behauptet, er habe seinen Sohn nie geschlagen, sondern "nur mit einem Gürtel ausgepeitscht".

Da sehen Sie diese extrem zynische, menschenverachtende, kalte Haltung seines Vaters. Daran kann eine Jungenseele zerbrechen. Ein kindlicher Körper, der geschlagen und erniedrigt wird, hat nicht mehr die Kraft, sich der Welt zu stellen und erwachsen zu werden.

Und deshalb lebt Jackson auf dem Niveau eines zehnjährigen Kindes?

Vielleicht sogar auf dem Niveau eines Fünfjährigen. Das ist die Beschwörung des nie gelebten kindlichen Paradieses. Wir können nur dann erwachsen werden, wenn wir als Kinder einmal im Paradies waren. Also umsorgt, bewundert und bestaunt wurden, von Großtante, Vater und Mutter. Erst wenn wir das Paradies der Kindheit verlassen und uns der realen Welt stellen, werden wir erwachsen.

Also ist Jackson nie erwachsen geworden, weil er nie Kind sein durfte?

Genau, er hat das Paradies des Kindseins nie kennen gelernt, sondern wurde im Gegenteil sehr früh von seinem Vater gebrochen und erniedrigt. Er hat nie Sicherheit gespürt. Deswegen hetzt er von einer Bestätigung zur anderen. Er will permanent im Mittelpunkt stehen, weil er nicht glauben kann, dass man ihn wirklich liebt.

Welche Funktion haben dabei die Kinder, von denen Jackson zugegeben hat, dass er mit ihnen im Bett lag?

Diese Kinder sind seine Spielgefährten, sie sind sein verzweifelter Versuch, das Paradies doch noch finden zu können. Nicht auf der sexuellen Ebene, sondern sozusagen von Kind zu Kind.

Wo liegt die Grenze zwischen Kuscheln und Missbrauch?

Bei gewaltsamem Missbrauch sind die Grenzen eindeutig. Bei Menschen, die in erster Linie Harmonie, Wärme und Einheit suchen, ist diese Frage viel schwieriger zu beantworten: Erwachsene Menschen entwickeln normalerweise ein sehr feines Gespür dafür, wann die Grenze zwischen Kuscheln und sexuellem Übergriff überschritten wird. Menschen, die wie Michael Jackson nie erwachsen wurden, tun sich damit schwerer, weil sie gar keinen Unterschied machen zwischen sich und dem anderen. Sie denken ganz egoistisch: Was für mich gut ist, muss auch für den anderen gut sein. Sie vereinnahmen das Kind - und dann droht ihm Gefahr.

Wie passen aber Jacksons sexuell besetzten Posen auf der Bühne dazu, etwa der berühmte Griff zwischen die Beine? Sind das nicht die Posen eines Erwachsenen?

Das ist kompliziert. In seinen Auftritten will Michael Jackson ja immer seinen Körper und seine Geschlechtlichkeit überwinden: Er ist eigentlich negroider Herkunft, aber sein Gesicht ist bleich. Er ist ein Mann, aber er wirkt knabenhaft und androgyn. Er entzieht sich allen Versuchen, als Mann identifizierbar zu sein. Aber durch seine Männlichkeitsposen versucht er gleichzeitig, ein Geheimnis aufzubauen. Als wollte er sagen: Schaut her, ich habe einen Penis. Aber es ist nicht mein Penis, denn ich bin mehr als ein Mann. Ich bin das Licht, ich bin alles!

Versteht Michael Jackson eigentlich, was man ihm vorwirft?

Ich vermute nein. Er könnte tief davon überzeugt sein, den Kindern etwas Gutes zu tun. Er denkt ja: Ich hole das Kind in einen Raum der Harmonie und der Einheit - was soll daran Schlimmes sein? Ein fatales Missverständnis. In seiner Egozentriertheit übersieht er, welche Folgen er anrichtet.

Kann Jackson selbst ein guter Vater sein?

Ja, aber eher im Sinne eines liebevollen Spielgefährten. Spätestens in der Pubertät dürfte seinen Kindern ein wirklich starker Gegenpol fehlen, mit dem sie kämpfen und sich dadurch identifizieren können.

Ist Michael Jackson noch zu helfen?

Jedem Menschen ist zu helfen. Allerdings glaube ich nicht, dass man Jackson noch in die Lage versetzen kann, eine reife und erwachsene Identität zu entwickeln. Dafür ist es zu spät - und sein Trauma des kalten Vaters ist dafür zu übermächtig.

Hat er Todessehnsucht?

Ich würde das für sehr wahrscheinlich halten. Michael Jackson ist ein Mensch, der nie sein Gesicht angesehen hat und darin eine frohe Zufriedenheit fand. Ich sehe in seinem Gesicht eine tiefe Trostlosigkeit, die immer dazu führen kann, dass ein Mensch sich ganz abwendet vom Leben.

Tobias Schmitz / print