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Interview mit Christopher Ciccone: "Madonna hört nur noch auf sich selbst"

Erst die Trennung, jetzt erscheint auch noch das Enthüllungsbuch ihres Bruders in Deutschland: "Meine Schwester Madonna und ich" heißt das Werk von Christopher Ciccone. Im stern.de-Interview verrät er, warum er Guy Ritchie noch nie leiden konnte, ob Madonna mit Botox nachhilft und wieso beide nicht mehr miteinander sprechen.

New York City, morgens gegen zehn Uhr. In der Lobby im "Maritime Hotel" liegt die "New York Post" aus: "Madonna und ihr Guy lassen sich scheiden", lautet die Schlagzeile des Tages, doch Christopher Ciccone, 48, Madonnas Bruder, beachtet das Blatt nicht weiter, als er zum Interview erscheint. Er bittet auf die Terrasse des Hotels, draußen dürfe er rauchen, sagt er. Seine Stimme ist tief, er klingt wie Johnny Cash. Ciccone, kurzes, dunkles Haar, gemütliches Bäuchlein, hat ein Buch geschrieben, das nun in Deutschland herauskommt: "Meine Schwester Madonna und ich". Es geht darin auch um Madonna und ihren Gatten.

Mr. Ciccone, die Nachricht von der Scheidung Ihrer Schwester kam nicht wirklich überraschend, oder?

Nein, es stand nicht besonders gut um ihre Ehe, die beiden lebten ja schon getrennt. Auch wenn ich Guy Ritchie nicht mag...

...was auf Gegenseitigkeit beruht: Mr. Ritchie mögen Sie nicht, weil Sie homosexuell sind, schreiben Sie.

Ich konnte es damals nicht fassen, dass meine Schwester einen Mann heiratet, der so tickt. Trotzdem hatte ich gehofft, die beiden würden ihre Beziehung wieder in den Griff bekommen, schon wegen der Kinder. Madonna und er sind intelligente Menschen, und intelligente Menschen können Probleme lösen - wenn sie ihre Egos hinten anstellen und nicht immer nur darum kreisen, wer die oder der Beste ist und das Sagen hat. Wenn sie das nicht schaffen, gibt es eine Schlacht. Die beiden wussten: Darauf läuft es hinaus.

Die Ehe ist nicht daran gescheitert, dass Madonna eine angebliche Affäre hat mit Alex Rodriguez, dem Baseball-Spieler der New York Yankees?

Nein. Das ist Blödsinn. Das wäre nicht ihre Art. Und er ist überhaupt nicht ihr Typ. Der ist eher mein Typ.

Ihre Schwester scheint nicht für Beziehungen gemacht zu sein. Ihrem Buch zufolge ist Madonna eine kleine Diktatorin. "Das ist keine Demokratie hier", pflegt sie zu sagen, wenn jemand nicht ihrer Meinung ist. Sie waren über zwei Jahrzehnte ihr Vertrauter, haben ihre Bühnenshows mitgestaltet - wie lebt es sich an ihrer Seite?

Ich war lange in einer außergewöhnlichen Position: Ich war vielleicht so etwas wie ihr Hofnarr, aber ich konnte ihr immer sagen, was ich dachte. Hatten wir kreative Differenzen, hörte sie auf meine Meinung; sie vertraute meinem künstlerischen Instinkt. Aber das änderte sich mit der Zeit. Je älter sie wurde, desto wichtiger wurde ihr die Karriere. Und sie umgab sich lieber mit Menschen, die sagten: Ja, Madonna, alles super, Madonna - auch wenn nichts super war. Sie hörte höchstens noch auf ihren Ehemann.

Guy Ritchie durfte Madonna kritisieren?

Ich schätze schon, auch wenn er sie vor mir nie kritisiert hat. Heute, glaube ich, hört Madonna nur noch auf einen Menschen…

...und dieser Mensch ist sie selbst?

Ich fürchte, ja. Aber es ist normal, dass eine Person, die ein Star werden wollte und seit 25 Jahren ein Megastar ist, irgendwann glaubt, sie sei ganz allein so weit gekommen und habe deshalb immer Recht.

Sie schildern im Buch eine hübsche Episode: Anfang der Neunziger war Ihre Schwester mit dem Schauspieler Warren Beatty zusammen, und Mr. Beatty lud Sie und Madonna zum Essen ein...

...und dann erzählte er von seinem Freund, dem Senator Gary Hart, und dessen Chancen auf das Weiße Haus. Madonna hörte ihm einen Moment zu, dann unterbrach sie ihn: "Wa-a-ren", sagte sie, "mir ist langweilig". Sie war halt mehr an Gesprächen interessiert, die sich um sie drehten. Das änderte sich kurz, als sie Mutter wurde: Madonna hatte die Vorstellung, dass die Welt dadurch eine andere und sie ein neuer Mensch werden würde.

Ein bisschen weicher, gelassener?

Ja, aber mein Gefühl war, dass sie dadurch eher noch kontrollierter wurde, und die Kontrolle richtete sich auf die Kinder.

Madonnas Kinder dürfen nicht fernsehen, sie müssen sich makrobiotisch ernähren.

Ja, das ist alles ziemlich verrückt. Ihre Tochter ist jetzt zwölf, sie kommt in das Alter, in dem Kinder rebellieren. Aber mehr möchte ich zu dem Thema nicht sagen.

Sie beschreiben auch eine Frau, die gern fragt: "Wie sehe ich aus?" Und nichts lieber hören möchte als: "Wundervoll, Madonna!" Selbstsicherheit ist etwas anderes, oder?

Tja, letztlich ist sie auch nur ein Mensch, der von Zeit zu Zeit ein bisschen Bestätigung braucht.

Sie waren früher auf Tourneen ihr Ankleidemann, da Madonna nicht wollte, dass ein Fremder sie nackt sah. Die halbe Welt kennt ihren nackten Körper - ist ihre Schwester letztlich auch ein prüder Mensch?

Ja. Es gibt eine Madonna auf der Bühne und eine Madonna, die zuhause im Pyjama herum läuft. Das sind zwei verschiedene Personen, und wenn die aufeinander treffen, gibt es ein Problem. Die Realität ist: Madonna ist Mutter, und in erster Linie ist sie ein katholisches Mädchen. Die Frau in dem "Sex"-Buch, das war nicht sie, das war nur die Erfindung ihrer Phantasie. Ein Teil des Charakters, der zu sein sie vorgibt.

Sie beide haben heute keinen Kontakt mehr. Was ist geschehen?

Wir sprechen durch unseren Vater miteinander. Ich habe ihr eine E-Mail zu ihrem Geburtstag geschrieben, aber sie hat nicht geantwortet. Sie ist sauer wegen des Buches.

Warum mussten Sie es schreiben? Rache?

Es ist nichts Schlimmes zwischen uns vorgefallen, aber es gab eine Zeit, da war ich sehr wütend auf sie: Sie wollte mich nie bezahlen für all die Arbeit, die ich für sie erledigte. Und dann heiratete sie diesen Mann, der mit mir nicht klar kam. Ich merkte, dass ich mich zurückziehen musste aus dem Schatten, den sie wirft. Sonst wäre ich verrückt geworden. Zwanzig Jahre lang drehte sich alles um sie, und falls sie wissen möchte, wie es mir in dieser Zeit ging, kann sie ja das Buch lesen. Ich habe es mit Abstand und ohne Wut geschrieben, es ging mir nicht darum, sie zu zerstören.

Ihre Schwester ist jetzt 50. Man vergisst das leicht, wenn man sie auf der Bühne sieht: Madonna tanzt zwei Stunden durch, und auch ihr Gesicht wirkt ziemlich jugendlich. Hilft da Dr. Botox nach?

Ihr helfen viel Yoga und ein bisschen plastische Chirurgie.

Interview: Ulrike von Bülow