Die Aufregung um das prestigeträchtigste Filmfestival Deutschlands reißt nicht ab. Wie unter anderem die "Tagesschau" meldet, fand am Donnerstagmorgen (26. Februar) im Kanzleramt eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung zur Berlinale statt - eine Entscheidung über die Zukunft der Intendantin Tricia Tuttle (Jahrgang 1970) blieb jedoch aus. Die Gespräche über die künftige Ausrichtung des Festivals werden in den kommenden Tagen fortgesetzt, wie ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (61) mitteilte.
Der Anlass für die Krisensitzung liegt in den Ereignissen der vergangenen Tage. Bei der Preisverleihung am Sonntag hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib (geb. 1989) in seiner Dankesrede die Bundesregierung scharf angegriffen und ihr vorgeworfen, "Partner des Völkermords in Gaza zu sein". Bundesumweltminister Carsten Schneider (50) verließ daraufhin demonstrativ den Saal.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner fordert klare Linie
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (53) machte am Mittwoch im Abgeordnetenhaus seine Position deutlich. "Für mich ist sehr, sehr klar, dass Antisemitismus, Israel- und Judenhass keine politische Meinung ist", betonte der CDU-Politiker. Er räumte zwar ein: "Die Berlinale ist auch ein politisches Festival, das war sie schon immer." Doch er zog eine klare Grenze: "Antisemitismus, Israelfeindlichkeit und Judenhass sind inakzeptabel. Und unsere Bühnen der Berlinale dürfen für solche Propaganda nicht genutzt werden."
Wegner ärgerte sich darüber, dass positive Aspekte des Festivals nun in den Hintergrund rückten. "Damit schaden diese Filmschaffenden unserer Berlinale", kritisierte er.
Große Unterstützung für Tuttle
Während die Politik über die Zukunft des Festivals berät, formiert sich hinter den Kulissen Widerstand gegen eine mögliche Absetzung der Intendantin. Mehr als 500 Mitarbeitende der Berlinale stellten sich in einem offenen Brief hinter ihre Chefin. "Wir - das Team der Berlinale ... - kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin", heißt es in der Erklärung.
Das Team lobte Tuttles Führungsstil und ihr künstlerisches Gespür. "Wir hoffen, dass diese Nachricht klarmacht, wie sehr wir Tricia schätzen. Sie hat eine Loyalität im Team geweckt, die zeigt, wie sehr uns allen die Zukunft der Berlinale und des Kinos am Herzen liegt." Vor dem Kanzleramt demonstrierten mehrere Mitarbeitende mit Schildern, auf denen "Team Tricia" stand.
Wie unter anderem "Variety" meldet, sprachen sich zudem mehr als tausend Filmschaffende in einem offenen Brief gegen eine Abberufung aus. Der Deutsche Kulturrat forderte Weimer auf, sich für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen und die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern. Die Äußerungen Alkhatibs teile der Kulturrat zwar ausdrücklich nicht, sie seien aber von der Meinungsfreiheit gedeckt.