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Interview mit Lady Colin Campbell: "Diana hat kein Vermächtnis hinterlassen"

Mit dem Enthüllungsbuch "The Real Diana" nährt die Lady Di-Kennerin Lady Colin Campbell die Klatschsucht der High-Society-Liebhaber. Im stern.de-Interview entzaubert sie die Königin der Herzen und spricht von ihr als anrüchige Person.

Lady Colin Campbell hat noch nie besonders viel Rücksicht genommen. Schon gar nicht auf Diana, Prinzessin von Wales. Knapp ein Jahr nach deren Tod am 31. August 1997 veröffentlichte Lady Colin Campbell das Buch "The Real Diana", voll mit Geschichten über Dianas Liebhaber, über ihre Wutanfälle, Bulimie-Episoden und sogar einer angeblichen Abtreibung. Lady Colin Campbell besteht darauf, dass dies alles auf langjährigen Recherchen in den Kreisen der königlichen Familie beruht. Ihre Kritiker beschuldigen sie, unbewiesene Gerüchte aufzuschreiben.

Diese Anschuldigungen lassen Lady Colin Campbell kalt. Es ist nicht das erste Mal, das sie als Person im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen steht. Die 1949 in Jamaika geborene Britin war schon umstritten, als sie auf die Welt kam. Damals konnten die Ärzte sich nicht einigen, welches Geschlecht das Baby einer wohlhabenden Geschäftsfamilie hatte. Ihre Schamlippen waren zusammengewachsen, die Klitoris zu groß. Auf der Geburtsurkunde war Lady Colin Campbell ein Junge namens George William. Erst mit 21 Jahren wurde sie durch eine kosmetische Operation auch offiziell zur Frau. Ihre tiefe, rauchige Stimme behielt sie. Kaum operiert heiratete sie den britischen Aristokraten Lord Colin Campbell. Die stürmische Ehe dauerte kein Jahr, aber den Namen behielt sie.

Die Heirat war die Eintrittskarte für Lady Colin Campbell in High Society und Adelskreise. Nach eigenen Angaben ist sie mit Mitgliedern der Familie Kashoggi ebenso befreundet wie mit diversen Lords und Ladys aus England. Sie liebt es, mit Namen und Adelstiteln um sich zu werfen. In ihren Büchern wirkt das unsympathisch. In persona ist sie eine überraschend angenehme und bescheidene Erscheinung, die sofort damit beginnt, die neuesten Klatschgeschichten der Adligen zu erzählen, immer unterbrochen von einem herzlichen Lachen.

Sie lebt in einem Stadthaus südlich der Themse, dessen Wände mit Bildern von Picasso, Miró und Porträts der jungen Colin Campbell geschmückt sind. Sie verfolgt die Vorbereitungen für die Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag des Todes Dianas am 31. August mit Interesse. Eingeladen ist sie natürlich nicht.

Hatten Sie damals, im September 1997, eine Einladung zum Begräbnis von Diana?

Nein, ich hatte eine sehr wechselnde Beziehung zu Diana. Wir sprachen eine Weile nicht miteinander, als ich mich weigerte, das Buch für sie zu schreiben, das sie schließlich mit Andrew Morton verfasste ("Diana - ihre wahre Geschichte in ihren eigenen Worten"). Das hat sich später wieder gegeben. Ich mochte sie, aber ich war nie ihre Freundin.

Wie erlebten Sie Diana, als Sie die Prinzessin das erste Mal trafen?

Sie war sehr charmant. Ich erinnere mich, dass sie anfangs ein bisschen scheu war in der neuen Umgebung, in die sie eingeheiratet hatte. Sie bewegte sich zwischen Menschen, von denen sie bisher nur gelesen hatte. Die haben auf sie herabgeschaut. Sie war die Neue. Aber sie war immer sehr freundlich und wirkte stets natürlich. Mit der Zeit hat sie sich in ihr eigenes Image verliebt - und das war gefährlich.

Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Diana starb?

Ich war in meinem Landhaus in Dorsetshire und wurde um zwei Uhr morgens angerufen mit der Nachricht, dass Diana in einen Unfall in Paris verwickelt war. Dodi war tot. Und dann habe ich die ganze restliche Nacht für den Nachrichtensender CNN die laufenden Entwicklungen kommentiert.

Was haben Sie gefühlt?

Als ihr Tod bestätigt wurde, war ich natürlich traurig - das war wohl jeder, der ein Herz hat. Ich fühlte Mitleid mit Charles und den Jungs. Es war ein wirklich trauriges Ereignis, aber es war sicher keine Staats-Trägodie.

Bald wird in London die Anhörung beginnen, die noch einmal die Untersuchungen zu dem Unfall in Paris aufrollen wird. Mohammed al-Fayed glaubt noch immer, dass Diana und sein Sohn Dodi ermordet wurden. Was denken Sie?

Ich glaube nicht, dass es eine solche Verschwörung gab. Warum sollte irgendjemand eine Frau umbringen, der bereits Selbstmord begangen hatte? Diana war auf dem Weg, eine anrüchige Person zu werden. Halbnackt auf einer Yacht im Mittelmeer herumzulümmeln, mit einem Mann, der seine Zunge in ihren Hals steckte - ziemt sich das für eine Lady, besonders für die Mutter des zukünftigen Königs? Ich bitte Sie!

Aber das Bild von Diana war doch für viele ein anderes. Sie wurde bewundert für ihre unkomplizierte Art, mit der sie anderen Menschen begegnete, für ihre Arbeit mit Hilfsorganisationen. Ihr wird zugeschrieben, das Königshaus entstaubt zu haben.

Meiner Meinung nach hat sie da nur etwas beschleunigt, was sowieso passiert wäre. Prinzessin Anne arbeitete schon seit Jahren mit Hilfsorganisationen, ohne große Formalitäten. Diana hat sich nur besser vermarktet. Sie war ein PR-Genie, sie sprach ständig mit Journalisten. Aber oft nur, um Negatives zu verbreiten.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, dass sie das Ansehen der königlichen Familie in den Schmutz gezogen hat. Auch, wenn sie das niemals zugegeben hätte - aber ihre Geständnisse schadeten der britischen Krone. Bevor Diana auftauchte mochte das Volk seine königliche Familie. Die Windsors waren ein bisschen altmodisch, ein bisschen irrelevant vielleicht, aber niemand lachte über sie. Und niemand dachte, dass sie fürchterliche Menschen seien, die versuchen, das Leben von Jungfrauen zu stehlen, nachdem sie diese erobert hatten. Das änderte sich, nachdem Diana ihr Enthüllungs-Interview gegeben hatte. Und alles nur, weil ihr Mann sie betrog. Dabei hat sie selber mindestens vier Liebhaber gehabt.

Hat Diana nicht vor allem versucht, sich aus einer unglücklichen Ehe zu befreien?

Ja, das stimmt, sie wollte die Märchengeschichte ein für alle mal zerstören, das hat sie mir selber gesagt. Und das kann ich verstehen. Aber sie hätte auch diskreter vorgehen können. Sie hat Prinz Charles in ihren Büchern zu einem Monster gemacht. Das war unnötig. Sie hat dadurch viel zerstört.

Was ist Dianas Vermächtnis zehn Jahre nach ihrem Tod?

Ich glaube nicht, dass sie ein Vermächtnis hinterlassen hat. Schauen Sie, sie war eine gute Mutter für ihre zwei Jungs. Aber sie hat kein Penizillin entdeckt oder so etwas, ihre Arbeit für Hilfsorganisationen war ziemlich gewöhnlich. Ihre größte Errungenschaft war ihr Ruhm. Sie ist eine bedeutende Berühmtheit ihrer Zeit. Aber wer den Verlauf der Geschichte kennt, weiß, dass eine solche Popularität sehr schnell vergeht.

Interview: Cornelia Fuchs
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