Jackson-Prozess "Heilige Maria" im Nervenkrieg


Das Warten auf ein Urteil gegen Michael Jackson geht weiter - die Spannungen zwischen Fans, Reportern und Bürgern in Santa Maria werden größer. Im Falle einer Verurteilung macht die Polizei sich auf einiges gefasst.

Mit jedem weiteren Tag ohne ein Urteil im Missbrauchprozess gegen Michael Jackson werden die Nerven in Santa Monica dünner und die Spannungen zwischen Fans und Reportern größer. Mit jedem Wartetag kommt es zu lauteren Schimpftiraden zwischen den Fronten der rund 200 Jackson-Anhänger und der mit 2200 Medienvertretern zahlenmäßig weit überlegenen Presse. In einer eigenen Zeltstadt gehen die akkreditierten Journalisten - mehr als bei den Mordprozessen gegen O.J. Simpson und Scott Peterson zusammen - ihrer Arbeit nach, während die Fans von einem Zaun aus Beleidigungen und Flüche hinüberrufen.

Die Geschworenen haben sich auch am Freitag ohne Entscheidung vertagt. Die Jury muss in der kommenden Woche weiter darüber beraten. Inklusive der sechsten Sitzungsrunde haben die zwölf Geschworenen inzwischen mehr als 28 Stunden hinter geschlossenen Türen getagt. Jackson ist angeklagt, vor gut zwei Jahren einen damals 13 Jahre alten Jungen mit Alkohol gefügig gemacht und sexuell missbraucht zu haben.

Nach über einwöchigen Beratungen kann über den Stand der Urteilsfindung nur spekuliert werden. Fest steht, dass die zwölf Geschworenen - acht Frauen und vier Männer - am Montagmorgen (Ortszeit) ihre Gespräche in Santa Maria fortsetzen sollen. Von offizieller Seite wurde nur bekannt, dass sich das Gremium am letzten Montag mit einer Frage an den Richter wandte. Der Sender CNN teilte am Freitag unter Berufung auf nicht genannte Quellen mit, dass die Jury nun auch einige Zeugenaussagen erneut anhören wollte. Richter Rodney Melville, der während des Prozesses eine strikte Schweigepflicht vorgab, hat keine Einzelheiten über den Stand der Beratungen bekannt gegeben.

"Perfekte Mischung von Sex, Verbrechen und Prominenz"

Der Unterschied etwa zum Simpson-Prozess ist die internationale Dimension. Sowohl Fans als auch Journalisten kommen aus aller Herren Länder; wegen der Zeitverschiebung wird in der Zeltstadt rund um die Uhr gearbeitet. Fernsehsender haben sechs Kilometer Kabel um das Gerichtsgebäude verlegt. Einige Mediensender haben Festleitungen für ihre Telefone legen lassen, weil sie im Falle des Urteilsspruchs einen Zusammenbruch des Mobilnetzes befürchten. "Dieser Prozess ist die perfekte Mischung von Sex, Verbrechen und Prominenz", sagt Jonathan Wilcox, der an der kalifornischen Annenberg-Journalistenschule unterrichtet. "Das macht ihn einzigartig für die Medien."

Viele Jackson-Fans sind der Meinung, dass ihr Idol von den Medien unfair behandelt wird. Eine Fernsehreporterin des Senders Court TV erwirkte am Donnerstag eine Verfügung gegen einen Mann, der seit Monaten vor dem Gerichtsgebäude mit lauten Schmährufen gegen die "lügenden Reporter" protestiert hatte. Die Journalistin Diane Diamond erklärte, der 18-Jährige habe andere Leute dazu aufgestachelt, sie anzugreifen. Sie fühle sich bedroht, ihr Sender habe ihr Leibwächter zur Verfügung gestellt. Vor Gericht erwirkte sie, dass der Fan nun 20 Meter Abstand halten muss.

Die Kalifornierin Dianne Horn wagt sich nur mit Verstärkung von Gleichgesinnten zwischen die wartenden Fans vor den Gitterbarrikaden. Die Vorsitzende eines Verbands, der Missbrauchopfer unterstützt, ist von Jacksons Schuld überzeugt. "Ich werde beschimpft und angegriffen", meint Horn vor allem mit Blick auf die "unhöflichen" Fans aus Europa. "Sie halten Jackson für einen Gott".

"Wir gehen auf Nummer Sicher"

Die Polizei sprach vor dem Gerichtsgebäude mehr als 600 Verwarnungen aus, weil Fans bei Rot über die Straße gingen, laut hupten und den Verkehrsfluss behinderten. Im Falle eines Schuldspruchs macht sie sich aber auf Schlimmeres gefasst. "Wir gehen auf Nummer Sicher", sagte Polizeichef Danny Macagni der "Los Angeles Times". "Wir erlauben den Fans nicht, Steine bei sich zu haben". Um Steine und große Tannenzapfen ist tatsächlich ein Streit entbrannt. Was die Polizei für mögliche Wurfgeschosse hält, sehen die Fans als harmlose Briefbeschwerer für ihre Poster. 200 Polizeibeamte sollen bei der Urteilsverkündung bereit stehen, um mögliche Tumulte beizulegen.

"Wir haben nichts anderes geplant, als den Freispruch von Michael Jackson zu feiern", versichert Fan-Organisator Faisal Malik. Der 30-jährige Kalifornier räumt aber ein, dass einige Fans "sehr verärgert" auf einen Schuldspruch reagieren könnten. Malik gibt der "viel zu großen Journalistenmeute, die uns ihre Kameras ins Gesicht schieben" die Schuld an der wachsenden Anspannung. Als Zeichen für Jacksons Unschuld wollen einige Fans nach der Urteilsverkündung zehn weiße Tauben aufsteigen lassen - eine Taube für jeden Anklagepunkt, in dem der Popstar freigesprochen wird. Einen Schuldspruch ziehen sie gar nicht erst in Betracht. Die aus Südkalifornien angereiste Jackson-Verehrerin Paola Mendoca hatte fest mit einem Freispruch vor dem Wochenende gerechnet. "Wir wollen es heute wissen", sagte sie der "Santa Maria Times". "Das Warten ist einfach sehr stressig - für Michael und für uns."

Größer wird nicht nur die Anspannung, sondern auch der Profit, den einige Bewohner der gewöhnlich verschlafenen Kleinstadt aus dem "Jahrhundertprozess" herausschlagen. "Ich habe bestimmt schon 300.000 Dollar an Jackson verdient", sagte Anwalt Michael Clayton der "San Luis Obispo Tribune". Er hat das Flachdach seiner Kanzlei gegenüber vom Gericht an Fernsehteams vermietet, für täglich 2500 Dollar pro Parzelle. Die Stadtväter veranschlagen ein Plus von über 200.000 Dollar durch Mieteinnahmen und zusätzliche Abgaben der ausgebuchten Hotels. Andere sehen die Situation in der 88.000-Einwohner-Stadt bei weitem nicht so gelassen. Sie klagen über Verkehrsprobleme, die Trauben von Reportern und die Jackson-Fans, die in den Straßen unterwegs sind. Die Presse benehme sich "extrem unhöflich" und belege sogar Privatparkplätze, kritisierte die 50-jährige Kathleen DeVoe.

Pressesprecherin entlassen?

Der Popstar entließ unterdessen seine Pressesprecherin Raymone Bain. Auch Bains Firma sei aufgelöst. "Wir danken Ihnen für Ihre Dienste" hieß es in der im Internet veröffentlichten Mitteilung. Bain erklärte dagegen, sie sei nicht entlassen worden. Sie arbeite direkt für Jackson und nur der könne sie entlassen, sagte sie in einem Telefoninterview. "Ich bin nicht von Michael Jackson gefeuert worden." Nach einer Pressekonferenz Bains hatte Jacksons Anwalt Thomas Mesereau am Mittwoch eine vom Gericht gebilligte Erklärung abgegeben, dass er niemandem gestattet habe, im Namen Jacksons Erklärungen abzugeben. Mesereau steht unter Schweigepflicht.

Jacksons Vater, Joe Jackson, sagte am Donnerstag einem CNN-Reporter, dass es dem Popstar soweit gut gehe. Er würde auf seiner Neverland-Ranch voll gespannter Ungeduld auf das Urteil warten. Der Angeklagte wurde zuletzt am Mittwoch bei einem Krankenhausbesuch in einer Ortschaft nahe seiner Neverland-Ranch in der Öffentlichkeit gesehen.

"Der Mann braucht Hilfe"

Konzert-Manager Marcel Avram (67), der 25 Jahre lang eng mit Michael Jackson befreundet war, hat dessen Einstellung zu Kindern "immer für falsch" gehalten. "Es gab keine Tournee, bei der er keine Kinder um sich geschart hatte, sie schliefen ja auch in seiner Hotelsuite", sagte er in einem Interview der Illustrierten "Bunte". Er habe Jackson dieses immer vorgehalten. "Er entgegnete stets, dass er sich keinerlei Schuld bewusst sei". Avram rechnet mit einem Freispruch für den "King of Pop". "Wenn er nicht ins Gefängnis muss, wovon ich ausgehe, empfehle ich ihm sofort eine Therapie. Der Mann braucht Hilfe."

AP/DPA AP DPA

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