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Meryl Streep: Die Göttliche

Sie ist einfach die Beste. Seit fast 30 Jahren. Jetzt zelebriert sie in "Der Teufel trägt Prada" eine launische Horror-Chefin. Meryl Streep über weibliche Macht und Ohnmacht.

Mrs. Streep, Sie waren 13-mal für den Oscar nominiert und bekamen ihn zweimal. Wie viel Macht haben Sie im Filmgeschäft?

Ich habe keine Macht. Echte Macht in der Filmindustrie bedeutet Geld, und das habe ich nicht. Aber ich besitze großen Einfluss auf den künstlerischen Bereich. Und ich scheue mich nicht, mir beim Regisseur Gehör zu verschaffen, weil ich das aus meiner Anfangszeit so gewohnt bin. In "Die durch die Hölle gehen", einem meiner ersten Filme, war meine Figur noch nicht komplett ausgearbeitet, und der Regisseur Michael Cimino sagte: "Nun, was denkst du, was sie sagen würde?" Ich hatte also einen Freifahrtschein und konnte sagen, was ich wollte. Bei "Kramer gegen Kramer" ließ man mich sogar meinen eigenen Text schreiben. Deshalb dachte ich in meinen jungen Jahren: "Wow! Bei einem Bühnenstück musst du dich genau an die Textvorlage halten, aber beim Kino kannst du machen, was du willst. Freiheit!" Aber dann habe ich bei der "Geliebten des französischen Leutnants" mit Harold Pinter gearbeitet, und er sagte verärgert: "Zwischen diesen beiden Sätzen steht ein Komma. Und du hast keine Pause gemacht." Ohohoh! Ein komplett anderes Ding!

Wie wichtig sind Oscars für die künstlerische Macht?

Wenn man sie wie ich zu einem frühen Zeitpunkt bekommt, helfen sie, dich zu etablieren. Viel wichtiger ist jedoch, ob der Regisseur deinen Standpunkt respektiert oder nicht. Regisseure sind clever. Die riechen, ob es dir nur um deine eigene Rolle, deine Karriere geht. Oder ob du den Film als Ganzes im Blick hast. Ich diene immer dem Ganzen. Grüble darüber, wie mein kleiner Teil zum Großen passt. Ich will nicht mit Regisseuren über die Farbe meines Kleides diskutieren.

Mal abgesehen von der Schauspielerei: Beeinflussen Sie einen Film auch anderweitig?

Ja. Ich schlage schon mal Leute für andere Rollen vor. Es gibt auch Filme, die nur finanziert werden, wenn ich meine Teilnahme zusage. Diese Macht zu akzeptieren hilft mir aber nicht wirklich weiter. Ich will ja nur Schauspielerin sein, keine Regisseurin, keine Produzentin. Was ich am meisten liebe: Mir einen Charakter in einem Kontext auszumalen. Das will ich tun, dafür werde ich bezahlt! Meistens jedenfalls. Als ich kürzlich fürs Theater Mutter Courage gespielt habe, gab's dafür 700 Dollar die Woche. Davon konnte ich nicht mal meinen New Yorker Parkplatz bezahlen.

In New York spielt Ihr neuer Film "Der Teufel trägt Prada". Sie geben die Chefredakteurin eines Modemagazins wie eine stets mies gelaunte Diktatorin: herablassend, kalt, bedrohlich. Müssen Frauen heute so sein, um an der Spitze zu stehen?

Nein. Heutzutage gibt es viele mächtige Frauen. Aber wir nehmen nur Notiz von den Ungeheuern. Damit bestätigen wir nur den Mythos über die schreckenerregenden, boshaften Frauen an der Macht. Weil wir eine Kultur sind, die immer schon Angst vor Frauen hatte.

Warum finden wir diese mächtigen Frauen trotzdem so faszinierend?

Um das zu beantworten, müsste man einen Psychologen fragen. In den USA verachtet man Frauen, die sich anmaßen, Anführer zu sein. Aber das gibt es auch anderswo. Das Auftauchen von weiblichen Chefs wirkt sehr destabilisierend und führt zu mehr Fundamentalismus. Die wesentliche Grundlage jeder Art von Fundamentalismus ist doch: Der Mann ist der Boss, keine Frage. Egal, um was für einen Gott es sich dreht. Man hat Angst vor dem anderen Geschlecht.

Wer hat Sie bei der Figur der teuflischen Chefin inspiriert?

Nicht die echte Anna Wintour, die Chefredakteurin der US-Ausgabe der "Vogue". Ich wusste nichts über sie und traf sie zum ersten Mal bei der Premiere. Doch immer, wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich diesen Film drehe, hieß es gleich: "Oh, die ist so ein Miststück." Ich fand das interessant. Dass die Leute danach hungern, diese Frau zu verabscheuen. Obwohl sie sehr gut und effektiv ihren Job macht. Ich kenne das aus meinem Beruf, weil ich mit weiblichen und männlichen Regisseuren gearbeitet habe. Auch wenn sie die gleiche Anweisung geben - "Bring mir das!" -, wird das völlig unterschiedlich verstanden. Sagt das ein Mann, springt jemand auf und holt das Gewünschte. Das war ganz besonders bei Clint Eastwood so. Kommt die Anordnung dagegen von einer Frau, heißt es: "Was für eine Zicke! Könnte sie nicht wenigstens "bitte" sagen?" Wenn ich das jetzt zu Ihnen sagen würde, wären Sie garantiert beleidigt.

Hat sich das in den letzten Jahren nicht etwas geändert?

Nein! Die Leute wurden eher noch nachtragender. Sogar die fortschrittlichsten, nettesten Menschen mögen einfach keinen Wandel. Vielleicht gewinnen am Ende die Fundamentalisten, und wir kehren alle zur Lebensweise der 50er Jahre zurück.

In einer Filmszene zeigen Sie erstaunlicherweise die weiche Seite der Chefin. Ungeschminkt, den Tränen nahe ...

Ich zeige das nur in einer einzigen Szene im Hotel. Aber das steckt die ganze Zeit in der Figur. Auch wenn sie unter Hochdruck arbeitet oder ihre Mitarbeiter anblafft. Sie ist nur ein Mensch wie alle anderen. Jeder Despot hat eine Seite, die uns überraschen würde und die wir normalerweise nicht sehen dürfen. Die im Büro zu zeigen wäre nicht besonders hilfreich.

Und zu Hause? Sie haben vier Kinder, wie wichtig ist es da, sich durchzusetzen?

Ich war nie gut im Delegieren. Als meine Kinder noch kleiner waren - heute ist meine Tochter Luisa mit 15 die jüngste - , drehte ich normalerweise nur im Sommer. Die Kinder hatten Ferien, und ich konnte sie mit an den Set nehmen. Wir zogen nach Los Angeles, damit ich abends zu Hause war. Mit Kindern dreht sich ja alles um Logistik: Planen für das Ungeplante; jemand bricht sich ein Bein, und du bist 3000 Meilen weit weg. Wenn die Kinder älter werden, sind sie allerdings richtig glücklich, wenn mal keiner zu Hause ist. Dann fragen sie: "Mama, warum machst du nicht mehr Theater? Da bist du jeden Abend und das ganze Wochenende weg!" - "Haltet bloß die Klappe!"

Und Ihr Mann? Wie kommt er damit zurecht, eine starke Frau zu haben?

Das Schreckliche ist: Manche Männer haben klammheimlich überhaupt kein Interesse an ihren Kindern. Mein Mann dagegen hatte sein Bildhauerstudio in der Nähe unseres Hauses und half bei der Kinderbetreuung. Und ich hatte meist eine Haushaltshilfe. Eine Diskussion, die man trotzdem führen muss: Wie beurteilt sich ein Mann selbst? Beurteilt er sich am Ende nach der Position, die er in einer Hierarchie erreicht hat? Oder danach, wie oft seine Kinder sagen: "Mein Vater bedeutet mir alles, er war immer für mich da?" Es dreht sich doch um die Frage: Wie vergleiche ich mich mit anderen Männern? Ich kenn mich da aus, ich habe zwei Brüder!

Interview: Florian Gless und Matthias Schmidt / print