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NEW YORK: Leere Betten, große Sorgen

Die Schockwellen des Anschlags auf das World Trade Center in New York haben den Tourismus der 8-Millionen-Metropole ins Mark getroffen. Die Buchungen sind ins Bodenlose gestürzt.

Die Schockwellen des Anschlags auf das World Trade Center in New York haben den Tourismus der 8-Millionen- Metropole ins Mark getroffen. Die Buchungen sind ins Bodenlose gestürzt, die Zahl der Stornierungen ist immens. »Einen solchen Einbruch habe ich noch nie erlebt«, sagt Ian Schrager. Er ist Chef der Royalton und Paramount Hotels, illustrer Luxusorte, an denen sich normalerweise die Größen aus Show, Film und Business tummeln. Jetzt herrscht dort gähnende Leere. Das Plaza-Hotel, eine der teuersten und nobelsten Adressen der Stadt, ist kurz davor, seinen berühmten Oak Room vorübergehend zu schließen - es geht ja keiner hin. Niemand vermag zu sagen, wie lange die Krise dauern wird.

Der Hälfte der Hotelangestellten droht die Entlassung

Rund 70 000 Hotelzimmer zählt Manhattan und 18 000 Restaurants, insgesamt steht dort in Tourismus und Gastronomie weit über eine Viertelmillion Menschen in Lohn und Brot. Nun, nach dem Anschlag vom 11. September, sind die Hotelmanager von steilen Sorgenfalten gezeichnet. Jeder zweite der 30 000 Hotelangestellten muss durch die Auswirkungen des Anschlags um seinen Job fürchten.

Desaster: drastisch eingeschränkte Flugpläne und Angst der Reisenden

Jonathan M. Tisch, Chef von Loews Hotel, fasst die Misere bündig zusammen: »Die meisten der Gäste kommen mit dem Flugzeug nach New York. Wenn aber die Flugzeuge nicht fliegen, kann niemand in unsere Hotels kommen. Wenn niemand in unseren Hotels ist, geht niemand in die Restaurants oder zum Einkaufen.« Niemand kann derzeit genau sagen, wann die stark eingeschränkten Flugpläne, neben der Angst der potenziellen Reisenden der zweite Kern der Krise, wieder auf Normalmaß hochgefahren werden sollen.

Ganze zwei Personen lauschen dem Pianisten im Plaza

Das mondäne New York Palace Hotel an der Madison Avenue zählt 1 058 Betten. Jetzt stehen drei Viertel aller Zimmer leer. Dabei hatten viele Hotels, durch die lahmende Wirtschaft eh schon gebeutelt, so sehr auf ein gutes viertes Quartal in Folge der zuletzt wieder anziehenden Konjunktur gesetzt. Aus der Traum. Das Essex House etwa war am 11. September noch bis zum Jahresende ausgebucht, Mitte dieser Woche lag die Auslastung gerade mal bei 35 Prozent. In der bildschönen Lobby des Plaza perlt ein einsamer Pianist Songs von Irving Berlin für ganze zwei Menschen, leergefegt ist auch der berühmte Rainbow Room im Rockefeller Center.

»Wie soll das nur weitergehen?«

Im Crowne Plaza at the United Nations, fünf Fußminuten vom Sitz der Vereinten Nationen entfernt, langweilen sich Gepäckträger und Barkeeper. »Jetzt haben sie auch noch die UN-Vollversammlung abgesagt«, jammert Ken und wischt die eh schon blitzblanke Theke. »Normalerweise wäre jetzt hier der Teufel los, mir wird ja schon das Bier in der Leitung schal, wie soll das nur weitergehen.«

Shows am Broadway werden abgesetzt – keiner will sie sehen

Die Stadt ist wild entschlossen, den indirekt von dem Anschlag betroffenen Betrieben unter die Arme zu greifen. »Wir müssen uns natürlich auch und gerade um die Restaurants kümmern, sie gehen durch eine schwere Zeit, hoffentlich nur für einen Übergang«, sagt Bürgermeister Rudolph Giuliani. Gleiches gelte für den Broadway. Dort kommt man derzeit völlig problemlos und stressfrei an Karten, die sonst »so schwer zu finden sind wie Goldstaub«, wie die »New York Times« schrieb. Vier der wichtigsten Shows werden dort abgesetzt, ein finanzielles Desaster für das Business.

Firmensitz-Improvisation: Hotel als Ersatz fürs World Trade Center

All der leere Platz in den Hotels hat für einige aber auch etwas Gutes. Manch leer gefegtes Hotel wird zur vorübergehenden Heimstatt für Firmen, die ihre Büros im World Trade Center oder seiner unmittelbaren Nähe hatten. In den 660 Zimmern des Sheraton Manhattan an der 7th Avenue etwa surren und klingeln jetzt die Drucker und Telefone der Investmentbank Lehmann Brothers. Matratzen und Betten sind zunächst einmal für die nächsten Monate ausgelagert. Wo sonst müde Touristen sich betten, ackern nun Scharen von Bankern. Auch so etwas ist Ausweis der hohen Improvisationskunst, mit der New York seiner schweren Krise Herr zu werden versucht.

Martin Bialecki