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Nora Tschirner: Liebeserklärung an ein Paar Schuhe

"Wären Chucks ein Mann, wäre das hier mein Antrag", so gesteht Nora Tschirner den berühmten Turnschuhen ihre Liebe. Und überhaupt: Ihr unangenehme, beziehungsweise "egale", Menschen können ganz leicht punkten - sie müssen einfach Converse anziehen.

Von Nora Tschirner

Ich habe mich in meinem ersten Sommer nach dem Mauerfall im Griechenlandurlaub auf der Insel Patmos in Chucks verliebt, also mit neun. Seitdem führen wir eine feste Beziehung - mit Ruhephasen, aber ohne Krisen. Ich habe selbst um die sieben Paar, wobei trotz all der wunderbaren Farben und "Höhen", die es mittlerweile zu kaufen gibt, meine tiefe Liebe der klassischen knöchelhoch+schwarzweiß-Variante gilt.

Es gibt keinen anderen Schuh mit dem ich mich in so vielen verschiedenen Situationen gleichermaßen wohl und gut angezogen fühle. Normale Turnschuhe trage ich nur zum Sport (den ich nie mache). Aber in Chucks macht einfach alles Spaß: rumstehen, rumsitzen, rumliegen, rumtanzen, Rum drüberkippen.

Andere Schuharten sind entweder wunderschön oder sexy oder turbocool oder abgedreht oder elegant oder nur wahnsinnig praktisch, aber Chucks sind eigentlich nichts von allem. Sie sind die Charakterfresse unter den Sohlentieren, quasi der Johnny-Depp-in-Tim-Burton-Filmen unter den Fußkleidern. Sie versuchen sich weder aufzudrängen noch durch irgendwas zu gefallen und wirken dadurch grundsätzlich irgendwie souveräner, lustiger, unaffektierter, selbstironischer und damit tatsächlich intelligenter als andere Schuhe. Wären Chucks ein Mann, wäre das hier mein Antrag. In den ersten Jahren mussten allerdings Chucksimitate herhalten, ob aus Gründen teenagertypischer Liquiditätsprobleme oder modischer Verpeiltheit ist mir heute nicht mehr ganz klar. Wahrscheinlich eine Mischung.

Fakt ist aus jetziger Sicht: Auf Chucks muss Converse draufstehen sonst nüscht... Eines der wenigen Bekleidungsstücke (wenn nicht das Einzige) bei denen ich zum Markenfetischisten werde. Und wenn der Finger schon mal so schön in der Oberflächlichkeitswunde ruht, muss ich gruseligerweise noch zugeben, wiederholt zu erleben, dass - mir bis dato unangenehme, beziehungsweise egale - Menschen in meinen Augen durchaus an Sympathiewerten zulegen, wenn ich sie zum ersten Mal in Chucks sehe. Das liegt im besten Falle daran, dass Chucks nach wie vor einfach ein Statement sind, dass mit einer gewissen Musik- und Gesellschaftskultur zu tun hat, dass sie sich auf geheimnisvolle Art über Jahrzehnte und Trends hinweg ihren kantigen Charakter bewahren konnten und damit für mich immer noch Identifikationskraft besitzen. Und im schlimmsten Fall daran, dass mir innere Werte grundsätzlich wurscht sind. Und im Allerschlimmsten daran, dass ich ein Schuhfetischist bin.

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