HOME

Stella Hamberg: Deutschlands spannendste Bildhauerin

Stella Hamberg ist eine Macherin. Mit ihren kraftvollen Bronzeskulpturen hat sie sich eine einzigartige Position in der Kunstszene erobert. Eine Begegnung mit Deutschlands spannendster Bildhauerin.

Von Silke Müller

Fangen wir mal mit einem Bier an. Es ist kurz nach elf, ein sonniger Mittwochvormittag an der Kreuzung Gips- und Auguststraße, und Simon vom Restaurant "Simon" hat die Kaffeemaschine noch nicht angeworfen. Also Bier. Stella Hamberg nimmt einen großen Schluck. Ihre neue Ausstellung in der Berliner Galerie Eigen + Art ein paar Meter weiter war schnell besichtigt: ein Wischmopp und eine Wurzelbürste. Aus Bronze. Ganz im Ernst: Musste das sein?

Als wir uns Wochen zuvor erstmals trafen, arbeitete Stella Hamberg an einer Tonfigur, größer als sie selbst, ein baumstarker Kerl mit riesigen Pranken und ausdrucksvollen Gesichtszügen. Der sollte in Bronze gegossen werden, ebenso wie weitere übermannshohe Figuren. Es gab einen Plan für die Soloschau bei Judy Lybke, dem Mann, der zum Beispiel Neo Rauch groß rausgebracht hat. Seine Galerie Eigen + Art ist eine der besten Adressen weltweit für zeitgenössische Kunst. Alles war klar, die Arbeiten mussten nur noch ausgeführt werden. Doch dann - Chaos. Machtkampf im Atelier, Aufstand der Kreaturen gegen ihre Schöpferin. Alles war zu perfekt. Ordnung, ein kluger Plan, etwas Abgeschlossenes, das kommt bei Stella Hamberg gleich an dritter Stelle hinter Pest und Cholera. "Leben ist Tat", sagt sie. Mit dem Vorschlaghammer schlug sie ihr Werk in Stücke.

Selten so befreit geputzt. Überhaupt, darum ging es: ausmisten, theoretisch und praktisch. Die Reset- Taste drücken. Und dem Werkzeug dafür ein Denkmal setzen. So überführt man Metaphern zurück ins Bildhafte, wo sie ja herkommen. Schrubber und Bürste. "Das ist für mich eine ernste Plastik, mein heiliger Wischmopp. Ich liebe den! Er greift dieses gedankliche Klischee auf und sagt einfach, dass im Scheitern wirklich die Chance liegt, vieles zu verändern." Es musste also sein.

Auftritt der "Berserker"

Bekannt und auch schlagartig erfolgreich wurde Stella Hamberg mit ihren "Berserkern", die sie 2008 unter dem Titel "liebe Hölle" in Lybkes Leipziger Galerie-Dependance ausstellte. Knapp 2,50 Meter große, muskulöse Kerle mit vollen Lippen, großen Nasen, hohen Wangenknochen und schweren Lidern, die mit einer urwüchsigen, schlangenförmigen Materie zu ringen scheinen. Seit Auguste Rodin, der die Bronzeplastik zu einem Höhepunkt geführt und damit auch für lange Zeit erledigt hatte, hat man so was nicht mehr gesehen.

Diese Mischung aus Form und Furor, das ist schon etwas Einmaliges in der aktuellen Kunstszene: eine Könnerin, die ihre überbordende Energie ins Material hineinwirtschaftet und die Ich-Anteile dann mit dem Skalpell wieder herausoperiert. So etwa muss man sich das vorstellen, wenn Stella Hamberg an einer Tonfigur knetet, die in einem anspruchsvollen Abformungs- und Gussprozess zur Bronzeskulptur aufsteigt. "Ich bin nur Werkzeug. Wäre ja schrecklich, wenn ich die ganze Welt mit meiner Befindlichkeit nerven würde. Es geht ums Weglassen - wie in der Poesie. Das Geheimnis, das Rätsel. Wenn ich es vollständig erklären kann, langweilt es mich."

Was treibt diese Frau dazu, morgens um sieben aufzustehen und bis neun oder zehn Uhr abends in dieser riesigen, kalten Halle im Berliner Osten ganz allein vor sich hin zu schuften? Sägen, schweißen, kloppen. Fette Brocken herumwuchten. Die Körperlichkeit des Bildhauens, das Schwitzen, der Staub: "Es entgeht einem was, wenn man das nicht macht."

Das Glück der Arbeit

Man sieht es ihr an, es könnte fast Glück sein. Zufriedenheit klänge einfach zu bequem, zu satt. Stella Hamberg ist alles andere als das. "Man macht in der Kunst immer das, was einem fehlt. Mir fehlt der Dreck, die Unvollkommenheit, das Scheitern. Das Dasein ist eine großartige Tragödie, das will ich auch in der Arbeit spüren, auch das Komisch-Tragische."

So sitzt sie da, trinkt grünen Tee und raucht und haut Sätze raus wie "Anarchie, Alchemie, Poesie - das ist mein Credo" oder "Ich will alles machen dürfen, was ich will". Von der Decke baumelt ein Boxsack. "Ich drehe da manchmal ein paar Runden." Und die Luftpistole, die auf einem Stapel Bücher liegt? "Hundert Schuss, hier im Atelier, dann ist alles okay." Neulich hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt und den Motorradführerschein gemacht. "Ich kaufe mir jetzt eins, eine Rowdymaschine, Yamaha XT 600." Ein wenig wundert sie sich darüber, dass manche Betrachter in den Berserkern Selbstporträts der Künstlerin entdecken. Wirklich, Stella?

Wie sie so über die Gerüste und Materialberge in ihrem Atelier steigt, wirkt sie jungenhaft, breiter Gang auf groben Arbeitsschuhen, abgerockte Jeans, hochgezogene Schultern, kräftige, stark beanspruchte Hände. Sitzt man ihr gegenüber, kommt das Nervöse, Zarte schlagartig durch, und dann dieses bodenlos charmante Lachen. Ihre offene, zupackende Art hat ihr den Weg geebnet, als sie in den 90er Jahren eine Ausbildung als Steinbildhauerin in der Nähe von Frankfurt am Main absolvierte. Vier Jahre blieb sie bei dieser Männerbude. Der Chef verfügte über drei Hunde, zehn Papageien und einen Haufen Polen, hinterm Haus die Hanfplantage, vorm Haus die Grabsteine. Dann musste sie weiter, nach Dresden, an die Hochschule für Bildende Künste, studierte bei Martin Honert und hängte noch zwei Jahre als Meisterschülerin dran. Schon dort fiel sie Judy Lybke auf. Der Galerist mit dem Händchen für Entdeckungen lud sie 2004 zu einer Gruppenausstellung ein, 2008 dann schließlich zum Solo. Im selben Jahr erhielt Stella Hamberg das begehrte Karl Schmidt-Rottluff-Stipendium. Auf die nun eröffnete Schau in Berlin lauerte die Szene wie die Buchkritiker auf das zweite Werk eines literarischen Shootingstars. Stella hat die Erwartungen einfach, nun ja, weggewischt.

Drei Wischmopps

In der Technik, im Umgang mit den unterschiedlichen Materialien macht ihr so schnell keiner was vor. Selbst die Götter der plastischen Handwerkskunst von der Berliner Gießerei Noack begleiten Stella Hambergs Arbeit mit großem Respekt. Hier, wo schon Käthe Kollwitz, Ernst Barlach oder auch Henry Moore ihre berühmten Bronzeplastiken haben gießen lassen, entstehen auch Hambergs Figuren im traditionellen Wachsausschmelzverfahren. Auf engstem Raum formen, gießen, polieren, patinieren und ziselieren hier 35 Fachleute Bronzeplastiken. Eine Frau retuschiert das Wachsmodell für den Wischmopp, der in drei Exemplaren aufgelegt wird und in der Galerie 26.000 Euro kostet (für einen "Berserker" müsste man fast das Fünffache investieren).

In der Halle dröhnt ohrenbetäubender Heavy Metal. Die Espressomaschine spuckt schwarze Lava aus. Die Temperatur erreicht das Niveau einer finnischen Sauna und zwingt zu oralen Sprudelaufgüssen von bis zu zwölf Litern am Tag. Als die Bronze im Ofen auf 1200 Grad erhitzt ist und die beiden Gießer ihre Schutzhelme und Schürzen anziehen, beziehen Stella Hamberg, Werkstattleiter Thorsten Knaak und ein paar Auszubildende nahe der bereitgestellten Form Position. Seit Tausenden von Jahren wird Bronze so verarbeitet, und immer noch ist der Augenblick des Gusses auch für Kenner ein Ereignis. "Geschmolzenes Metall", sagt Stella Hamberg, "ist, wie kurz in das Licht der Sonne zu blicken."

Im September erscheint im Prestel Verlag "Kunstwerkstatt Stella Hamberg", 72 Seiten, 25 Euro; limitierte Vorzugsausgabe mit kleiner Skulptur; Preis voraussichtlich um 600 Euro

print