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Was macht eigentlich...: ...Erich Böhme?

Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur setzte ab 1990 mit "Talk im Turm" Maßstäbe für intelligente politische Diskussionsrunden.

Herr Böhme, auf ihrem alten Sender Sat 1 wird sonntagabends wieder getalkt. Haben Sie mal reingeschaut?

Das macht doch diese Frau...

...Rust.

Genau. Ich hab ihren "Talk der Woche" nur einmal gesehen, da will ich mir kein Urteil erlauben. Sie werden mich ohnehin nicht dazu bringen, dass ich über Kollegen herziehe.

Sagen Sie doch was Nettes: Welche Talkshow sehen Sie gern?

Keine. Das tu ich mir nicht an, ich hab die Nase voll. Nur bei der Sandra Maischberger werde ich schwach, bei ihren Einzelinterviews auf n-tv. Das macht sie hervorragend. Aber ich will sie nicht zu sehr loben, sonst wird sie größenwahnsinnig.

Bei "Talk im Turm" konnten Sie beide nicht so gut miteinander. Frau Maischberger hat es als Co-Moderatorin an Ihrer Seite nicht lange ausgehalten.

Ich hab sie rausgeekelt, dazu stehe ich. Ein alter Esel und eine junge Gans passen nicht zusammen. Das hat sie inzwischen eingesehen. Heute sind wir befreundet.

Ein älterer Herr, der gemütlich seine Brille schwenkt und leicht hessisch redet, wäre heute kein Zugpferd mehr für Sat 1.

Heute bin ich definitiv zu alt, um den Fernseh-August zu geben, aber als Sat 1 mich 1998 rauswarf, stand ich noch im Saft. Die Quoten stimmten, doch der damalige Chef Fred Kogel war auf dem Jugendtripp.

Den Tiefpunkt erreichten Sie zwei Jahre später, bei "Talk in Berlin". Sie wollten den österreichischen Populisten Jörg Haider entzaubern - und scheiterten. Ärgert Sie das heute noch?

Natürlich. Dem bin ich auf den Leim gegangen. Ich hätte nicht gedacht, dass er Fakten abstreitet und dreist behauptet: "Hab i net gesagt."

Sie gelten als eitel.

Dazu stehe ich. Ich genieß es, wenn der Wirt sagt: "Guten Abend, Herr Böhme", und nicht: "Da hinten ist noch ein Tisch frei." Aber es hat nachgelassen mit der Eitelkeit.

1999 erkrankten Sie an Krebs und erholten sich wieder. Vor zwei Jahren kehrte die Krankheit zurück. Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe den Krebs besiegt. Aber natürlich bin ich geschwächt. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei.

Haben Sie noch Träume?

Oh, ja. Ich möchte noch was sehen von der Welt. Ich kenne Indien nicht. Und nach Peru will ich, wo der liebe Gott um die Gipfel pfeift.

Wie viel Zeit verbringen Sie in Ihrem Haus in Südfrankreich?

Das ist das Schöne am Ruhestand: so viel ich will. Meine Frau und ich schwimmen, lesen, ich schreibe brav meine Kolumne für die "Sächsische Zeitung". Wenn wir Lust haben, fliegen wir nach Hamburg.

Genießen Sie es, dass Sie nicht mehr täglich einen Berg Zeitungen lesen müssen?

Ich tu's immer noch. Alte Journalistenkrankheit. Wenn in Frankreich der Postbote nicht zeitig da ist, stehe ich am Tor. Ich brauche meine "FAZ", die "Süddeutsche", "Bild", "taz", "Herald Tribune" - und das wunderbare "Hamburger Abendblatt".

Und die "Berliner Zeitung"?

Ach, die hätte ich fast vergessen. Die hab ich nicht abonniert, die kommt einfach so. Das ist mir geblieben aus meiner Zeit als Herausgeber.

Sie haben heute noch gar nicht die Brille abgenommen, sie hin- und hergeschwenkt oder am Bügel gekaut.

Die sitzt fest. Ich habe nicht mehr die halbe Brille, sondern eine mit eingeschliffenen Gläsern - ich kann damit lesen und bewahre trotzdem Weitblick.

Interview: Alexander Kühn / print