Was macht eigentlich... ...Richard Thomas?


Der Schauspieler führte als ältester Sohn der Farmer-Familie Walton durch die heile Fernsehwelt. Unvergesslich, wie sich am Ende jeder Folge seine Geschwister zum Schlafen verabschiedeten – "Gute Nacht, John-Boy".

Rund 30 Jahre liegt jetzt Ihr letzter Serienauftritt als „John-Boy“ zurück. Seitdem haben Sie in rund 60 Filmen und TV-Produktionen gespielt – in den Köpfen der Zuschauer aber bleiben Sie "John-Boy". Nervt das nicht?

Nein. John-Boy hat mich weltweit bekannt gemacht. Ohne ihn wäre meine berufliche Laufbahn sicher anders verlaufen.

Trotzdem haben Sie "Die Waltons" nach fünf Jahren verlassen.

Ich war Anfang zwanzig, als die Dreharbeiten begannen. Nach fünf Jahren und 122 Episoden wollte ich beruflich weiterkommen, denn an ein Ende der Serie war wegen des großen Erfolges nicht zu denken. Mein Ausstieg kam genau richtig, die meisten der anderen Schauspieler hatten es später schwer, den Waltons-Ballast loszuwerden.

Und das ist Ihnen erspart geblieben?

Ich habe konstant weitergearbeitet, in Film und Fernsehen. Aber auch im Theater. Soeben habe ich eine USA-Tournee mit dem Stück "Twelve Angry Men" beendet. Theater ist für mich die schönste Form der Schauspielerei, auch wenn man dabei viel weniger Geld verdient als beim Film.

John-Boy war ja eigentlich ein Weichei. Was fanden Sie an der Rolle so spannend?

Weichei ist vielleicht etwas übertrieben, er war ein sensibler junger Mann. Ich bin immer noch stolz auf die Rolle, denn John-Boy war der erste männliche Hauptdarsteller einer TV-Serie, der nicht den harten Helden geben musste. Bis dahin gab es Serien über unverwüstliche Polizisten oder knüppelharte Anwälte. John- Boy war der erste Antiheld, ein Mann, der auch mal Schwäche zeigen durfte. Ich finde das eine sehr schöne Botschaft.

John und Olivia Walton hatten sieben Kinder Sie sind ebenfalls Vater von sieben Kindern ...

Reiner Zufall. Ich habe fünf leibliche Kinder und bin Ziehvater von zwei Stiefkindern. Und wie John-Boy schreibe auch ich Gedichte, habe schon drei Bände veröffentlicht. Kunst ist überhaupt meine große Leidenschaft.

Welches sind denn die gravierendsten Unterschiede zwischen der Fernsehfamilie und dem echten Leben?

Der Familiensinn, den die Waltons vorgelebt haben, ist heute kaum noch zu finden. Dass drei Generationen unter einem Dach leben, ist selten geworden. Mich sprechen oft Leute auf der Straße an und bedauern, dass das Fernsehen keine familienfreundlichen Serien mehr produziert, die Großeltern, Eltern und Kinder gemeinsam gucken können. Ich finde das auch schade, aber unsere Fernsehkultur ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Es geht fast nur noch um Mord, Terror und Betrug.

Gucken Sie sich mit der Familie alte "Waltons"-Folgen an?

Hin und wieder, sehr zur Belustigung meines jüngsten Sohnes Montana James, der sich schlapp lacht, wenn er mich als John-Boy in Latzhosen sieht.

Rufen Sie denn wenigstens vor dem Schlafen auch die Namen aller Familienange- hörigen durchs Haus und wünschen sich eine gute Nacht – wie zum Schluss jeder Folge?

Meine Kinder haben das früher gelegentlich gemacht, aber seit die ältesten aus dem Haus sind, ist das aus der Mode gekommen.

Haben Sie noch Zeit für Hobbys?

Mein größtes Hobby ist nach wie vor meine Familie, ich verbringe fast meine gesamte Freizeit mit ihr daheim in New York. Gelegentlich engagiere ich mich noch als Sprecher für das "Better Hearing Institute", da ich seit meinem 30. Lebensjahr aufgrund einer Nervenstörung selbst ein Hörgerät trage. Ansonsten lese ich gerne, höre Jazzmusik oder koche. Mein Privatleben ist alles andere als spektakulär. Ich mag es schlicht – ganz im Sinne von John-Boy Walton.

Interview: Andres Renner

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