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WAS MACHT EIGENTLICH ...: Jamal al-Dura

Die Bilder des Vaters mit seinem sterbenden Sohn Mohammed gingen im September 2000 um die Welt: Die beiden waren in einen Schusswechsel zwischen Israelis und Palästinensern gekommen

Die Bilder des Vaters mit seinem sterbenden Sohn Mohammed gingen im September 2000 um die Welt: Die beiden waren in einen Schusswechsel zwischen Israelis und Palästinensern gekommen.

Zur Person:

Jamal al-Dura, 37, mit seiner Frau Amal am Grab des Sohnes. Mohammed war das zweitälteste ihrer sieben Kinder; er starb am 30. September 2000. Das lange Sterben des Jungen - der Kugelhagel zwischen Israelis und Palästinensern dauerte 45 Minuten - wurde später im Fernsehen immer wieder gezeigt, ebenso die verzweifelten Rufe des Vaters nach Hilfe. Der Junge wurde gezielt von israelischen Scharfschützen getötet.

Wieso waren Sie an jenem Samstag auf der Straße?

Ich wollte einen Jeep kaufen und hatte Mohammed gebeten, mich zu begleiten. Als wir zu meinem Wagen zurückkamen, hörten wir Schüsse. Wir gerieten zwischen die Fronten. Dann kauerten wir uns hinter eine Betonröhre und schrien die Soldaten an, sie sollten aufhören. Aber selbst als wir getroffen waren, schossen sie weiter.

Wie lange dauerte der Kugelhagel?

45 Minuten. Eine Kugel traf Mohammed in die Brust, in der Bauchgegend waren sämtliche Organe zerfetzt. Außerdem wurde er an Bein und Hüfte getroffen. Die Schüsse hörten erst auf, als ich mich tot stellte. Ich werde nie vergessen, wie er sich an mich klammerte. Sein ganzer Körper zitterte. Ich versuchte, ihn zu schützen, sodass die Kugeln meine Arme trafen und nicht seinen Körper. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe die ganze Zeit nur geschrien.

Wie geht Ihre Frau mit dem Tod von Mohammed um?

Es ist sehr schwer für sie. Es ist einfach unerträglich, dass dein Kind so lange leiden musste und du nicht helfen konntest. Aber es tröstet sie ein wenig, dass die Kinder in palästinensischen Schulen jetzt ein Lied über unseren Sohn lernen - »Mohammed«.

Sie selbst wurden an Arm und Beinen verletzt, lagen zwei Monate in einem jordanischen Krankenhaus. König Abdullah soll Sie besucht haben?

Ja. Er hat sogar Blut für mich gespendet und erklärt, dass er sein Blut mit meinem mischen wolle. Viele Jordanier folgten diesem Beispiel, kamen ins Krankenhaus und spendeten Blut für verletzte Palästinenser.

Wie verarbeiten Sie Mohammeds Tod?

Während des Ramadans beispielsweise habe ich all das gemacht, was einst mein Sohn getan hat - um ihn zu ehren. Er ging gern in die Moschee und betete. Mir war das früher nicht so wichtig, aber nun tue ich das für ihn.

Können Sie mit Ihren Verletzungen überhaupt noch arbeiten?

Nein, ich bin verkrüppelt. Meine Beine sind zu schwach, und mein Arm besteht zur Hälfte nur noch aus Metall. Vor der Tragödie habe ich auf Baustellen in Israel gearbeitet. Mein Chef rief mich nach dieser Geschichte an und wollte meine Medikamente bezahlen. Er hat mir auch angeboten, wieder für ihn arbeiten zu können, aber es geht nicht.

Und was machen Sie jetzt?

Ich habe mich freiwillig gemeldet, um Propaganda für die palästinensische Sache zu machen. Die Delegation der palästinensischen Selbstverwaltung hat mich im August mit nach Durban genommen, um auf der UN-Konferenz gegen Rassismus auf meinen Fall aufmerksam zu machen.

Und womit verdienen Sie Ihr Geld?

Ich bekomme von der palästinensischen Selbstverwaltung im Monat 1000 Schekel, etwa 500 Mark. Das ist sehr wenig, denn ich habe noch sechs Kinder. Das reicht gerade für Wasser und Strom. Eine Zeit lang habe ich Spenden aus Jordanien bekommen, aber das ist jetzt auch vorbei.

Nach dem Tod Mohammeds sollen Sie gesagt haben, der Wahnsinn dieses Krieges müsse endlich aufhören.

Ja, ich war fast ein Friedensaktivist. Früher war ich froh, Arbeit in Israel zu haben, und ich habe immer versucht, beide Seiten zu überzeugen, dass wir endlich in Frieden leben müssen. Aber jetzt glaube ich, dass die Israelis in Wirklichkeit gar keinen Frieden haben wollen.

Interview: Mira Avrech

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