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WAS MACHT EIGENTLICH...: Fikret Alic

Anfang August 1992 fotografierten britische Journalisten den ausgemergelten jungen Muslim in einem serbischen Internierungslager - das Bild ging um die Welt.

Anfang August 1992 fotografierten britische Journalisten den ausgemergelten jungen Muslim in einem serbischen Internierungslager - das Bild ging um die Welt.

Zur Person:

Fikret Alic, 32 lebt mit seiner Frau Aida, 24, und Söhnchen Amir, 2, im norddänischen Hjorring, Alic arbeitet im örtlichen Schlachthof. In den vergangenen zehn Jahren hat er sein altes Gewicht von 86 Kilo wieder erreicht. Als die Aufnahmen in dem serbischen Lager Trnopolje entstanden, war sein Körper bis auf 48 Kilo abgemagert. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Fotos töteten laut Alic serbische Offiziere sieben Menschen, die sie wiedererkannt hatten. Fikret Alic konnte sich verstecken und Tage darauf fliehen. Das Lager wurde einen Monat später auf Betreiben der UN und des Roten Kreuzes geschlossen.

Das Foto, das Sie im Lager Trnopolje zeigt, wurde zum Symbol des Grauens gegen den Krieg in Bosnien.

Als die Journalisten nach Trnopolje kamen, war ich erst seit neun Tagen da. Die Monate davor saß ich in dem Lager Keraterm. Das war die Hölle.

Woran erinnern Sie sich?

Wir wurden mit Ketten und Keulen geschlagen, mit Stromschlägen oder brennenden Zigaretten gequält. Einigen Gefangenen wurde vor unseren Augen die Kehle durchgeschnitten; andere wurden erschossen. Jeden Tag starben in den Baracken mindestens zehn Menschen. Ihre Leichen wurden einfach in einer Ecke aufgestapelt und blieben dort, bis der Verwesungsgeruch nicht mehr auszuhalten war. Dazu kam, dass die Serben Tränengasgranaten durch die Fenster warfen, und wenn wir uns aus den rauchgefüllten Baracken durch Fenster und Türen retten wollten, eröffneten sie mit Maschinengewehren das Feuer auf uns.

Hatten Sie noch Hoffnung, je aus dieser Hölle herauszukommen?

Nein. Der Tod wäre mir damals ein willkommener Freund gewesen. Ich habe versucht die Henker zu provozieren, indem ich sie einfach anlächelte, wenn sie uns quälten. Als das nichts half, habe ich sie mehrmals gebeten, mich zu erschießen. Aber die sagten nur, ich sei die Kugel nicht wert.

Dann gelang Ihnen die Flucht.

Ich besorgte mir Frauenkleidung und konnte mich unter eine Gruppe von Frauen mischen, die in einem Bus aus dem Lager gebracht wurde. Auf der Fahrt wurden wir oft angehalten. Einmal wäre ich fast entdeckt worden, als serbische Soldaten Frauen aus dem Bus holten, um sie zu vergewaltigen. Mit gefälschten Papieren kam ich später nach Dänemark, wo ich mich als Bosnien-Flüchtling zu erkennen gab und aufgenommen wurde.

Glauben Sie, dass Sie den Horror der Lagerzeit irgendwann bewältigt haben?

Ich habe immer noch Albträume, wache nachts schweißgebadet auf. Und ich habe noch Schmerzen. Dänische Ärzte haben mich nach der Flucht untersucht und fanden sechs gebrochene Rippen, der Unterkiefer war gebrochen und alle Zähne ausgeschlagen oder ausgetreten. Meine Nase war gebrochen, und ich hatte einen Schädelbruch. Darüber hinaus zählten die Mediziner bei mir mehr als 100 Narben von Stich-, Schnitt- und Brandwunden.

Hatten Sie je das Bedürfnis nach Rache?

Anfangs wollte ich unsere Peiniger persönlich umbringen. Aber die Verhaftung und Verurteilung des »Schlächters« Dusan Tadic hat diese Gefühle gedämpft. Tadic stammt übrigens aus demselben kleinen Ort wie ich, den kannte ich schon ewig. Außerdem hat mir meine Frau sehr geholfen, wieder Freude am Leben zu haben.

Wie haben Sie sie kennen gelernt?

1998 war ich zu einem Besuch in Bosnien, wollte schauen, wie es in meiner Heimat aussieht. Dort traf ich Aida. Wir haben kurze Zeit später geheiratet. Sie ist das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist. Und als vor zwei Jahren unser Sohn Amir zur Welt kam, habe ich vor Glück geweint.

Wo leben Sie heute?

In Hjörring in Jütland. Dort habe ich bei der größten Firma im Ort, Danish Crown, Arbeit gefunden. Das ist der örtliche Schlachthof. Wir Einwanderer machen halt die Arbeit, die die Dänen nicht haben wollen.

Würden Sie je nach Bosnien zurückgehen?

Ja. Aida spricht kaum Dänisch, und Amir bringen wir Serbokroatisch bei. Spätestens, wenn Amir in ein paar Jahren in die Schule kommt, möchten wir zurück.

Interview: Markus Müller

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