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Was macht eigentlich...: Rocco Granata

Der Sänger und Komponist landete 1959 mit Marina einen der größten internationalen Hits aller Zeiten. Der Evergreen verkaufte sich bis heute über zehn Millionen Mal

Zur Person:

Der 65-Jährige lebt mit seiner Frau, der Germanistin Rosita, in einem Villenvorort der belgischen Hafenstadt. Die beiden haben zwei Kinder: Sohn Samuel, 36, ist Anwalt, Tochter Jessica, 32, Psychologin. Granata wurde im italienischen Figline Vegliaturo geboren und kam als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Belgien, wo sein Vater als Bergmann arbeitete. Die bescheidenen finanziellen Verhältnisse der Granatas verbesserten sich dramatisch, als Rocco mit dem Song "Marina" zum Weltstar und Millionär wurde. In der Folgezeit füllte er weltweit Konzerthallen, produzierte erfolgreich weitere Platten, spielte in Musikfilmen mit und tritt bis heute in TV-Shows auf

Das Interview mit Rocco Granata führte Albert Eikenaar

Radeln Sie immer noch auf einem Fahrrad durch die Gegend?

Merkwürdige Frage. Sie testen mein Gedächtnis. Aber ich glaube, ich weiß, was Sie meinen.

Ja und?

Als kleiner Junge strampelte ich zu den Festzelten der Jahrmärkte, auf dem Gepäckträger mein Akkordeon. Ich kann Sie beruhigen: Rocco fährt jetzt ein schönes Coupé.

Ihre Karriere fing mit Kinderarbeit an?

Niemand zwang mich. Ein paar Jahre später hatte ich ein eigenes Hobby-Orchester.

Dann ging's richtig los?

Nicht sofort. Tagsüber jobbte ich als Automechaniker. Wir spielten in unserer Freizeit für ein Trinkgeld. Stundenlang live. Ohne Pinkelpause. Wenn meine Jungs doch "mussten", schlichen sie sich weg. Ich improvisierte dann solo eine Melodie.

Marina?

Ohne Text. Ich hörte, wie das Publikum spontan mitsummte. Eines Tages, bei der Drecksarbeit in einer Schmiergrube, fielen mir die richtigen Sätze ein - und der Titel, "Marina": eine Zigarettenmarke.

Die Idee sollte sich auszahlen.

Es dauerte eine Weile, bis "Marina" ein Schlager war. Kein Plattenboss traute sich, das Lied aufzunehmen. Also ließ ich 300 Singles anfertigen und habe sie in Cafés in den Musikboxen platziert. So entstand die Nachfrage.

Über Nacht waren Sie ein Weltstar.

Tatsächlich ging es ruck, zuck los. Ein Jahr später stand ich als kleiner Italiener in der New Yorker Carnegie Hall. "Marina" ist jetzt meine Altersversorgung.

Hängt Ihnen die Schnulze inzwischen nicht zum Hals raus?

Die Bezeichnung Schnulze muss ich zurückweisen. Es ist ein Evergreen. Ich bin stolz auf mein Werk. "Marina" langweilt nie. Das ist das Geheimnis. "Marina" bleibt.

Aber mit Ihrer Karriere sieht es jetzt weniger dauerhaft aus.

Wenn Sie meinen, dass ich meine Schallplattenfirma aufgegeben habe, stimmt das. Ich bin kein Manager, kein Unternehmer. Aber der Sänger und Musiker Granata sitzt nicht still. Ich habe Fernsehauftritte, Konzerte, Galas am laufenden Band. Der Name Granata zählt nach wie vor. Vor allem in Osteuropa bin ich sehr populär.

Wie haben Sie denn alle musikalischen Modewellen überlebt?

Erstens tragen alle meine Songs unverkennbar meinen Stempel, und zweitens erkennen die Menschen mich sofort an meiner nasalen Stimme. Die ist mein Markenzeichen. Künstlerisch gesehen bin ich immer noch quicklebendig. Ich komponiere, arrangiere, produziere - mein Kopf ist eine Liederwerkstatt.

Ihre Laufbahn brachte jedoch nicht nur Sonne, Geld und Chianti.

Unsere Familie wurde hart getroffen, als unsere Tochter Jessica Silvester 1994 bei einem Feuer in einem Antwerpener Hotel schwere Verbrennungen erlitt. 17 Tage lag sie im Koma. Danach drehte sich alles nur noch um Jessica und ihre Heilung. Gottlob hat sie alles gut überstanden.

Sind Sie nach über 50 Jahren in Belgien Italiener geblieben oder Belgier geworden?

Vielleicht bin ich in beiden Ländern ein Fremder. Ich habe keine feste Basis und fühle mich wie ein Baum, der noch gepflanzt werden muss.

In Ihrer Heimat Antwerpen, Hochburg des Fremdenhasses, gelten Sie als Ausländer.

Man weiß, dass ich Italiener bin, aber auch, dass ich hier wie ein Flame lebe. Ich gehöre zu den alteingesessenen italienischen Gastarbeiterfamilien. Dass man uns als Spaghettifresser beschimpfte, fand ich schon damals nicht lustig.

Heute reagiert Antwerpen noch radikaler.

Der Hass richtet sich auf Muslime, Araber. Ich schäme mich dafür.

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