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Chanel-Show Virginie, die Große: Lagerfelds Nachfolgerin ist erfolgreicher denn je

Chanel Métiers d'Art
Designerin Virginie Viard (vorn rechts) mit ihren Models bei der Métiers d'Art-Präsentation von Chanel
© Juergen Teller für Chanel
Fast zwei Jahre nach Lagerfelds Tod ist seine Nachfolgerin Virginie Viard erfolgreicher denn je. Trotz Corona zeigte sie gerade ihre Métiers d'Art-Kollektion – wenn auch als Geistershow.
Von Cathrin Wißmann

Ihre letzte Chanel-Show erlebt Kristen Stewart wie ein Geisterspiel beim Fußball: Die Hollywood-Schauspielerin ist der einzige Gast. Sie teilt sich die Front Row weder mit anderen Stars, noch mit Moderedakteuren oder Einkäufern. Stattdessen laufen Dutzende Models nur vor ihren Augen über den Laufsteg. Eine Chanel-Show ganz für sie allein. Alles nur ein Traum? Mais non!

Es war das erste Mal, dass das französische Modehaus eine Schau ohne dazugehöriges Schauen-Spektakel veranstaltete. Absagen? Das stand für Chanel wohl nie zur Diskussion. The Show must go on, Corona hin oder her. Doch weil die Infektionszahlen in Frankreich noch immer dramatisch steigen, musste Kreativchefin Virginie Viard Abstriche machen. Statt hunderter Gäste aus aller Welt lud sie nur den Hollywood-Star und Freundin des Hauses zur Präsentation ihrer Métiers d'Art-Show ein.

Es ist die Schau, die traditionell Anfang Dezember stattfindet und die Kunst der 38 Handwerkbetriebe feiert, die Chanel seit den Achtzigern nach und nach dazugekauft hat. Unter der Führung von Karl Lagerfeld fanden die Präsentationen stets an spektakulären Orten auf der Welt statt: in New York, in Schanghai, 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie. Auch Virginie Viard packte für ihre zweite Métiers d'Art-Kollektion die Reiselust, wenn auch nur innerhalb Frankreichs.

Ihre Show fand auf Schloss Chenonceau im Delta der Loire statt, wie Versailles ein beliebter Touristenmagnet. Doch Viard dürfte nicht nur von der spektakulären Architektur des Wasserschlosses begeistert gewesen sein, sondern auch von seiner Geschichte. Hier lebten einst berühmte Frauen, die mit Macht und Einfluss Frankreich prägten. Caterina de' Medici, die vier Jahre lang als Königin herrschte und das Schloss, das heute auch als "Château de Dames" bekannt ist, zu einer Perle der Renaissance machte. Coco Chanel verehrte Caterina de' Medici, beide haben vieles gemeinsam: Nicht nur tragen sie die gleichen Initialen mit ineinander geschlungenen Cs, sondern behaupteten sich auch in einer Männerdomäne.

Virginie Viard war rockig, ohne laut zu sein

Eine Parallele, die wohl auch Virginie Viard gefiel. Denn nach dem Tod von Karl Lagerfeld im Februar 2019 führt sie das berühmteste Modehaus der Welt allein. Anders als viele Designer, die ein Label übernehmen, vollzog sie keinen radikalen Wandel. Kritiker bezweifelten, dass sie an Lagerfelds Erfolg anknüpfen könne. Doch der Hype um die Marke ist ungebrochen, die Umsätze sind stabil. Viard gehört wie Maria Grazia Chiuri von Dior zu einer Reihe von Designerinnen, die sich in der hart umkämpften Modewelt ihren Platz gesichert haben.

Wie das gelingt, schaute sich Viard bei Lagerfeld ab. 30 Jahre lang war sie seine rechte und linke Hand bei Chanel. Sie kam als Praktikantin auf Empfehlung eines Freundes, der als Hofangestellter bei Fürst Rainier III. von Monaco arbeitete. Lagerfeld fand schnell Gefallen an ihr. "Er fragte mich sofort: Was denkst du darüber? Was denkst du über diese Farbe? Ich war anfangs so eingeschüchert", sagt die Designerin über ihre Anfänge bei Chanel.

Enge Mitarbeiter berichten heute, es sei Viards Stilvermögen und ihre ruhige, diskrete Art gewesen, die Lagerfeld fasziniert habe. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass sie nicht dem Bild einer französischen Dame entsprach, sondern eher wie ein Londoner Rockchic-Girl aussah. Sie interessierte sich für Musik, trug viel Schwarz, Röhrenjeans, derbe Boots statt edler High Heels. Sie war rockig, ohne laut zu sein.

Heldinnen in Strumpfhosen – die braucht heute niemand mehr

Ein Stil, den sie bis heute beibehält und der sich in all ihren Kollektionen widerspiegelt. So auch in ihrer Métiers d'Art-Linie für 2021. Ihre Models sahen aus wie selbstbewusste Amazonen, die den Sprung von der Renaissance ins Jetzt vollzogen haben. Sie trugen viel Schwarz in Kombination mit Weiß, graphische Muster, dazu Leder, Samt und glänzende Accessoires. Mal erinnerten ihre Looks an Rüstungen, die mit feinen Perlen und Ketten geschmückt waren, mal an die Kleider von Prinzessinnen mit weiten Röcken und tiefem U-Boot-Ausschnitt. Das Schloss tauchte als handgesticktes Element auf Gürteln und Taschen auf. Stücke, die Liebhaberstatus erreichen werden.

Doch so gelungen die Kollektion auch aussah, eines hätte Virginie Viard besser in den Kleiderkisten der Renaissance gelassen: die Leggings in Rosa, Perlmutt und royalem Blau, die unter den Röcken und Mäntel hervorlugten. Zwar trugen auch Adelige stets bunte Beinkleider zum Wams, aber heute, 500 Jahre später, brauchen Heldinnen keine Strumpfhosen, um ihr Selbstbewusstsein zu zeigen. Selbst im Homeoffice macht man in den Hosen mit unvorteilhaften Farben keine gute Figur.

Dennoch hätte Virginie Viard wohl stehende Ovationen für ihre Kollektion bekommen. Doch statt ohrenbetäubendem Beifall hörte sie nur das Klatschen von Kristen Stewart und ihrem Team. Viard dankte es mit einem herzlichen Lachen. Es hatte nichts zu tun mit dem scheuen Lady Di-Lächeln, das sie normalerweise zeigt, wenn sie nach einer Show vor das Publikum tritt. Denn diesmal ging es nur um ihre Mode, nicht um das Spektakel drum herum. Eine Show, die Kristen Stewart nicht vergessen wird – und auch nicht Virginie Viard.


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