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Chanel-Kollektion: Merci Karl, aber echt!

Fuß-Täschchen, Tennis-Look und noch mehr: Beim Pariser Défilé für die Chanel-Kollektion zeigte Designer Karl Lagerfeld mal wieder, dass er nicht nur einen Trend setzen kann, sondern auch zehn auf einmal. Ein Dankeschön von stern.de-Autorin Elke Reinhold.

Ich muss es jetzt einmal sagen: Ich. Bin. Ein. Fan. Von. Chanel. Es ist einfach so. Bin ich damit gleichzeitig auch ein Fan von Karl Lagerfeld? Ja! Aber: Es gibt Karl Lagerfeld und Karl Lagerfeld. Beide sprühen vor Talent und Energie, geben witzige Interviews und sind aus der Welt der Mode partout nicht wegzudenken. Der eine entwirft messerscharfe Lederoutfits für Fendi, schmale Silhouetten und romantisch angehauchte Chiffonkreationen für seine eigene Linie, billige H&M-Fummel in Millionenauflage und bringt daneben noch CDs, Disneyland-T-Shirts, Diätbücher, Canderel-Verpackungen etcetera heraus. Der andere macht Chanel. Der ist mir am liebsten. Weil er sich dort seit nun bald 25 Jahren immer wieder selbst übertrifft und vier mal im Jahr eine Mode kreiert, die fast jede Frau auf diesem Planeten seufzen lässt: "Ach, wäre ich doch nur eine Chanel-Kundin." Und das bei all dem, was der andere Lagerfeld noch macht. Das kann eben nur der eine.

Lästereien über Karl

Beide mussten sich in letzter Zeit öfter mal ärgern: Zuerst schrieb die ehemalige Vogue-Redakteurin Alicia Drake ein Buch über die Pariser Modewelt der 70er Jahre, in dem sie an seiner vornehmen Abstammung zweifelte und sich über die Rivalität zwischen dem jungen Karl und dem etwa gleichaltrigen Yves Saint Laurent ausließ. So etwas macht man in der Szene nicht. Und jetzt bringt Arnaud Maillard, fünfzehn Jahre lang einer seiner engsten Mitarbeiter, eine Art Tagebuch mit dem Titel "Merci Karl" heraus. Unter dem Vorwand abgrundtiefer Bewunderung ergießt sich der heute 35-Jährige auf 260 Seiten über seine Abenteuer im Schattendasein. Lustig ist eigentlich nur eine einzige Passage, nämlich die, wo Lagerfeld einer aufmüpfigen Atelierchefin mit einer Zeichnung, auf der er dieselbe als geköpfte Marie Antoinette skizziert hatte, die bevorstehende Entlassung ankündigt. Naja, und dann war ja Anfang des Jahres noch dieser Film, "Lagerfeld Confidential", angekündigt als ein echter Einblick in den Alltag des Allmächtigen, das Extrakt von 300 Filmstunden und jahrelanger Recherche. Nur die dämlichsten Blogschreiber haben das geglaubt, alle anderen wissen: Die Wahrheit über Karl Lagerfeld wird die Welt NIE erfahren.

Muss sie auch nicht. Hauptsache, er bleibt noch ganz lange bei Chanel. Die Show der Sommerkollektion 2008, die stets den Höhepunkt der Pariser Prêt-à-Porter-Woche markiert, war wie so oft in letzter Zeit die erste echt "stylishe" Veranstaltung der Woche: Weil die Kollektion mit dem Namen "Sommernächte" ohne Krampf und spektakuläres Getue einfach so lässig ist, dass es kracht. Jeans in allen möglichen Deklinierungen, vom Slip über den Badeanzug und den Trenchcoat bis zum Overall, verwaschen, bestickt, mit Tweed verschmolzen, dazu silbrige Accessoires, Taschen in Schleifenform, Keilstiefeletten und Fußtäschchen, dazwischen ein paar Männeroutfits, wohl aber wieder nur als Accessoire und nicht als Beginn einer neuen Ära. Dann eine Serie im Tennis-Look, mit sexy Shorts und bunt gestreiften Tops, lässige Kleine Schwarze, durch die lange Sautoir-Ketten so durchgefädelt sind, dass sie endlich nicht mehr runterrutschen, transparente Chiffonröcke über knappen Shorts und Minis.

"Ohne Amerika wären wir alle Terroristen - oder Kommunisten"

Sogar das "Stars & Stripes"-Thema, das ja nicht jedermanns Sache ist, aber in der Sommermode bei mehreren Labels prangen wird, hat bei Chanel etwas verblüffend Sympathisches. Der Look wäre auch was für nach 9/11 gewesen, als sich viele Modemacher bei den amerikanischen Kundinnen mit Us-Flaggen-Design anbiedern wollten. Aber Lagerfeld macht es eben jetzt, mit typischer polarisierender Begründung: "Weil der Dollar schwach ist! Und ohne Amerika wären wir alle Terroristen - oder Kommunisten!" Das kann man natürlich auch anders sehen, aber das interessiert einen Karl Lagerfeld nicht.

Sein Auftritt am Ende der Show blieb diesmal erstaunlich kurz. Zumal der Applaus groß war. Vielleicht ist's seine Art des Abschiednehmens von einem Kollegen, der dem Haus Chanel noch doppelt so lang verbunden war wie er selbst: Jacques Helleu, langjähriger Artdirektor von Chanel Parfums und Chanel Horlogerie, der Uhrenabteilung, war eine Woche zuvor mit 69 Jahren überraschend gestorben. Ein halbes Jahrhundert lang hat Helleu, intern "das Auge" genannt, den Auftritt und das Image von Chanel entscheidend mitgeprägt. Wäre schön, wenn auch Karl Lagerfeld es noch weitere 25 Jahre machte.

Elke Reinhold