Großbritannien Botschaft: "Frisch geklaut"


Sie tragen gefälschte Markenklamotten, mögen tiefer gelegte Autos, HipHop und blauen Eyeliner. Die so genannten "Chavs" hängen in Parks und Busstationen herum. Großbritanniens selbst ernannte "Underclass" erobert die Teenieszene der Insel.

Eigentlich war alles nur als Spaß gedacht: Lucy und Kellie, zwei 17-jährige Britinnen, trugen blauen Eyeliner auf, banden sich die Haare zum Zopf zusammen und zogen sich die Kapuze ihrer Trainingsjacke über den Kopf. Das Video, das die beiden von ihrer Verwandlung drehten, stellten sie unter dem Titel "Wie man ein perfekter Chav wird" auf die Internetplattform "YouTube". Etwa 33.000 Zuschauer waren begeistert. Viele lobten diesen "urkomischen Einblick" in einen Trend der britischen Jugendkultur. Andere fragten: "Was um Himmels Willen ist ein Chav?"

Chavs sind Gruppentiere

Der Chav ist - ebenso wie seine weibliche Form, die Chavette - ein Phänomen, das vor etwa zwei Jahren entstand. Die Herkunft des Slangworts geht auf das Wort "Chavi" aus der Roma-Sprache zurück, was so viel wie "Junge" heißt. Chavs zeichnen sich durch eine Vorliebe für billige Fälschungen von Markenkleidung, klobige Turnschuhe und auffälligen Modeschmuck aus. Sie mögen HipHop, tiefer gelegte Autos, vornehmlich Ford Fiesta oder Escort, sowie die neuesten Handys und MP3-Player. Chavs sind Herdentiere. Sie lieben es, in Gruppen an Busstationen und in Parks herumzuhängen.

Es gibt auch Gelegenheitsnachahmer. Darunter Promis wie das Busenmodel Katie Price, der Fußballer Wayne Rooney, die Rapper 50 Cent und Eminem - und in letzter Zeit sogar die Sängerin Britney Spears. David und Victoria Beckham gelten sogar als derart "chavvy", dass die populäre Website "ChavScum" "ChavScum" das Paar gar nicht erst in seine Wertungsskala aufgenommen hat, sondern außer Konkurrenz laufen lässt.

Mode aus der kriminellen Szene

"Chavs hängen in der Gegend herum und wollen Ärger machen. Jeder hat Angst vor ihnen", sagt der 14-jährige Londoner Charlie. Einige Modetrends der Chavs sind tatsächlich der kriminellen Szene entlehnt: Wenn Jungs ihre Jeans so niedrig tragen, dass ihre Unterhosen zu sehen sind, ist dies durch Kriminelle inspiriert, die bei ihrer Verhaftung den Gürtel abnehmen mussten. Auch der jüngste Chav-Trend spielt auf das Verbrechermilieu an: Chavs lassen absichtlich Preisschilder an Kleidungsstücken. Die Botschaft: "Frisch geklaut".

Viel Make-up, Tönungscreme und große Ohrringe gelten als sichere Merkmale der Chavette. Auch ein strenger Zopf ist typisch und heißt unter Spöttern "Croydon-Facelift" - eine Anspielung auf den Londoner Arme-Leute-Vorort Croydon. So amüsant sich Websites über die Chavs auch lesen: Kritiker stört die oft abfällige Verwendung des Wortes. Diese Lästerei sei eine Form des "sozialen Rassismus", urteilte die "Times". Und eine Doktorarbeit kam zu dem Schluss, das Wort sei Ausdruck der Klassenschranken, die Großbritannien immer noch stark prägten.

Frage des Geschmacks

Jugendliche grenzen sich jedoch seit jeher durch Mode und Musik voneinander ab. "Jemanden einen Chav zu nennen, ist keine Beleidigung", sagt die 24-jährige Alexia. "Es geht darum, seinen Platz zu finden." Neben den Chavs gibt es die schwarz gekleideten Goths, die piekfeinen Poshs und die Indie-Kids, deren bekanntester Vertreter der Rocker Pete Doherty ist.

Doch Chavs kommen nicht unbedingt aus einer bestimmten Schicht. "Chav zu sein, ist eine Frage des Geschmacks. Es geht eigentlich nicht um Bildung und Geld", erklärte Alexia. So hat selbst das britische Königshaus einen Vertreter dieser Spezies. "Prinz Harry und seine Chavistokratie" schrieb das "Tatler"-Magazin einmal über den hohen Alkoholkonsum des Partyprinzen. Saufgelage gelten nämlich auch als typisch "chavvy".

Kathrin Klette/DPA DPA

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