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Kolumne: "Dieses Jahr schenken wir uns nichts!"

Nichts ist so leicht dahin gesagt wie der folgende Satz: "Du, dieses Jahr schenken wir uns mal nichts zu Weihnachten." Doch nur abgebrühte Charaktere stehen diesen frommen Wunsch bis zum bitteren Heiligabend durch. Gut so.

Von Harald Braun

Jedes Jahr die gleiche Frage: Was schenkt man den Lieben?

Jedes Jahr die gleiche Frage: Was schenkt man den Lieben?

Mit siebzehn Jahren lernte ich, was es heißt, ein Aussätziger zu sein. Ich hatte, passend zu meiner rebellischen Langhaarfrisur und der Lektüre Bukowskis, gerade herausgefunden, dass ich gegen Weihnachten war. Bourgeoiser Blödsinn, dachte ich, und das mit den Geschenken ist sowieso bloß eine Erfindung der Konsumgüterindustrie. Mit der selbstgerechten Konsequenz des Pubertisten verkündete ich also meiner Familie, dass ich nicht die Absicht hegte, in der üblichen Weise am Festgeschehen teilzunehmen. Was übersetzt so viel hieß: Keine Kirchenbesuche mehr und auch keine Geschenke. Für niemanden. Nicht mal für mich. (Es war schon immer mit gewissen Nachteilen verbunden, ein unkorrumpierbarer Idealist sein zu wollen.)

Komischerweise mochte meine Sippe mich trotzdem, was mich im Rückblick wirklich verblüfft. Unter dem Weihnachtsbaum fanden sich jedenfalls diverse bunte Päckchen ein, die mit meinem Namen beschildert waren. Alle hatten etwas für mich besorgt. Meine Eltern sowieso. Doch selbst meine jüngeren Geschwister knapsten damals vom eigenen kargen Taschengeld eine Venyl-LP oder ein RoRoRo-Taschenbuch für mich ab. Ich hingegen stand da mit leeren Händen, und obschon ich zu wissen glaubte, dass mir meine festen Überzeugungen in Sachen Weihnachten keinen großen Spielraum ließen, fühlte ich mich klein, schäbig und sehr nichtswürdig. Heute erinnere mich an diesen Heiligabend mit einer Mischung aus Scham und ähem...noch mehr Scham. Meine Eltern, nachsichtige und geduldige Leute, gingen wortlos über meinen Kleinmut hinweg, meine Geschwister musterten mich wie etwas, das ein Hund auf einem Rasenstück hinterlassen hatte. Ein Desaster.

Inzwischen bin ich etwas älter und immer noch der festen Überzeugung, dass frohe Weihnachten und kostspielige Geschenke nicht unbedingt zusammen gehören. Ich bin allerdings nicht mehr so dumm, diese Ansichten öffentlich zu verbreiten oder mich sogar danach zu richten. Mit Vernunft kommt man gegen Weihnachten nicht an. Zumal sich das Konfliktpotential durch die Verlagerung des Präsente-Problems von der prinzipiell nachsichtigeren "Familie" auf die spürbar empfindlichere "Partnerschaft" durchaus kompliziert hat.

Nichts schenken spart Mühe, Zeit und Geld

Wissen Sie zum Beispiel, was ein Subtext in der Beziehung ist? Ein Subtext ist, wenn Sie sagen würden: "Dieses Jahr, mein Schatz, dieses Jahr ignorieren wir diesen albernen Konsumterror zu Weihnachten. Dieses Jahr schenken wir uns mal nichts! Wir haben doch uns!" Klingt nicht unvernünftig, klingt abgeklärt, klingt wie ein Deal unter Erwachsenen, spart Mühe, Zeit und Geld. Was Sie allerdings wirklich damit ausdrücken, so subtextuell, ist nahezu gleichbedeutend mit ihrer charakterlichen Bankrotterklärung - und der galoppierenden Korrosion ihrer Beziehung. In Wahrheit kommt beim Adressaten eines solchen Vorschlags etwas ganz anderes an: "Er hat einfach keine Lust, sich Gedanken darüber zu machen, was ich mir wünschen und worüber ich mich möglicherweise freuen würde, und außerdem bin ich ihm nicht mal eine verdammte Stehlampe oder ein La Perla-Bustier mehr wert!"

Selbst die größten Pragmatiker ahnen, dass Weihnachtsgeschenke einfach zur Grundausstattung freundlichen Miteinanders gehören. Selbst wenn man im September oder Oktober noch lässig vereinbart hat, in diesem Jahr zugunsten der Welthungerhilfe oder einem Badeurlaub auf Barbados auf die üblichen Geschenk-Rituale zu verzichten, plagt spätestens im November das schlechte Gewissen - oder die pure Angst, am Heiligabend als Einziger mit leeren Händen da zu stehen und zur persona non grata im eigenen Haushalt zu verkommen. "Wir schenken uns nichts!" ist aus diesem Grund vermutlich die soziale Übereinkunft, die in Familie, in Freundschaften oder Beziehungen am häufigsten gebrochen wird. Zum Glück. Nichts ist schließlich so trist wie ein Weihnachtsfest ohne bunte Pakete unter dem Tannenbaum - oder so schön wie die Vorfreude auf die Woche zwischen Weihnachten und Silvester, wenn man das alles wieder umtauschen kann.

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