Es war ein Donnerstagmorgen, der in die britische Geschichte eingehen dürfte: Gegen 8 Uhr Ortszeit nahmen Beamte der Thames Valley Police Andrew Mountbatten-Windsor (66) auf dem königlichen Landsitz Sandringham in Norfolk fest - ausgerechnet an seinem 66. Geburtstag.
Der Vorwurf: Amtsmissbrauch, im britischen Recht als "misconduct in public office" bekannt. Nach rund elf Stunden in Polizeigewahrsam wurde der Bruder von König Charles (77) am Abend aus der Polizeistation Aylsham entlassen, wie die "Daily Mail" und die BBC übereinstimmend berichten.
Weder der König noch der Buckingham-Palast sollen vorab über die Festnahme informiert worden sein. Die Thames Valley Police bestätigte am Abend, dass der Festgenommene "unter laufenden Ermittlungen freigelassen" wurde.
Was wird Andrew vorgeworfen?
Im Kern geht es um die Frage, ob Andrew in seiner früheren Funktion als britischer Handelsgesandter - ein Amt, das er von 2001 bis 2011 ausübte - vertrauliche Regierungsdokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein (1953-2019) weitergegeben hat. Laut "Daily Mail" sollen sich die betreffenden Unterlagen auf Investitionsmöglichkeiten in Afghanistan und Südostasien bezogen haben. Sie sollen erst nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 weitergeleitet worden sein.
Zusätzlich, so berichtet die BBC, sollen die Vorwürfe auch die Weitergabe eines vertraulichen Briefings des britischen Finanzministeriums an einen persönlichen Geschäftskontakt umfassen. BBC-Korrespondent Daniel Sandford erklärte dazu, es müsse davon ausgegangen werden, dass die Ermittlungen sich auf Dokumente aus den sogenannten Epstein-Akten stützten. Sandford wies allerdings auch darauf hin, dass die Akten rund drei Millionen Dokumente umfassten und die Polizei möglicherweise Material untersuche, das bislang nicht öffentlich bekannt sei.
Durchsuchungen an zwei Standorten
Zeitgleich mit der Festnahme durchsuchten Ermittler zwei Anwesen: das Wood Farm genannte Gebäude auf dem Sandringham-Gelände, in dem Andrew seit Kurzem vorübergehend wohnt, sowie die Royal Lodge in Windsor, seinen langjährigen Wohnsitz. Dort waren laut BBC uniformierte Beamte zur Sicherung des Geländes im Einsatz. Die Ermittler suchten nach Geräten, Akten und Dokumenten, die für die Untersuchung relevant sein könnten. Die Durchsuchungen in Norfolk seien mittlerweile abgeschlossen, teilte die Thames Valley Police mit. In Windsor sollen sie noch laufen.
Dal Babu, ein ehemaliger Chief Superintendent der Metropolitan Police, erklärte der BBC, dass die Festnahme den Ermittlern ermögliche, auf Computerausrüstung, Dateien, Fotos und weitere Beweismittel zuzugreifen. Es könnten auch Durchsuchungen weiterer Räumlichkeiten, die Andrew gehören oder von ihm genutzt werden, durchgeführt werden.
Was bedeutet "Amtsmissbrauch" nach britischem Recht?
Der Tatbestand "misconduct in public office" ist einer der komplexesten im englischen Recht. Laut der britischen Staatsanwaltschaft (Crown Prosecution Service, CPS) bezeichnet er den schwerwiegenden, vorsätzlichen Missbrauch von Befugnissen oder Pflichten eines öffentlichen Amts. Die Ermittler müssen vier Punkte klären: War der Beschuldigte Inhaber eines öffentlichen Amtes? Hat er vorsätzlich gehandelt? War die Handlung ein Vertrauensbruch gegenüber der Öffentlichkeit? Und geschah dies ohne vertretbare Rechtfertigung?
Der Anwalt Marcus Johnstone von PCD Solicitors betonte gegenüber der "Daily Mail", die Ermittler müssten eindeutige Beweise finden, dass Andrew seine Position bewusst ausgenutzt habe - was leichter gesagt als getan sei.
Was droht Andrew bei einer Verurteilung?
Der Straftatbestand des Amtsmissbrauchs wird in Großbritannien mit bis zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe geahndet. Allerdings fielen die Urteile in jüngeren Fällen deutlich milder aus, wie die "Daily Mail" berichtet. Die Entscheidung über eine mögliche Anklage trifft der Director of Public Prosecutions, Stephen Parkinson (Leiter der britischen Staatsanwaltschaft). Bis es so weit kommt, könnten allerdings Wochen oder gar Monate vergehen, da die Ermittler potenziell Millionen von Dokumenten, Nachrichten und Dateien sichten müssen.
Andrew hat jedes Fehlverhalten im Zusammenhang mit Epstein stets bestritten. Eine Freilassung unter Ermittlungsvorbehalt schließt weitere Befragungen zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus.
Wie reagiert die Königsfamilie?
König Charles veröffentlichte noch am selben Tag der Festnahme ein Statement. Darin erklärte er, er habe die Nachricht über die Festnahme seines Bruders mit "tiefster Besorgnis" aufgenommen. Wörtlich sagte der Monarch: "Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen." Er betonte, die Ermittlungen hätten seine volle Unterstützung und Kooperation. Zugleich stellte der König klar, dass es ihm nicht zustehe, sich weiter zu der Angelegenheit zu äußern.
Auch Prinz William (43) und Prinzessin Kate (44) bekundeten laut "Daily Mail" ihre Unterstützung für das Statement des Königs.
Wer bezahlt Andrews Anwälte?
Unterdessen wird auch die Frage der Anwaltskosten zum Politikum. Wie "The Daily Telegraph" berichtet, will der Buckingham-Palast sicherstellen, dass die Steuerzahler nicht für Andrews juristische Verteidigung aufkommen müssen. Sollte der ehemalige Herzog von York nicht in der Lage sein, seine Anwälte selbst zu bezahlen, werde die finanzielle Last jedenfalls nicht aus öffentlichen Mitteln getragen, so eine gut informierte Quelle gegenüber der Zeitung.
Aus welchem Topf das Königshaus die Mittel stattdessen nehmen würde, blieb offen. Quellen der Zeitung deuteten allerdings an, dass auch König Charles die Rechnungen seines jüngeren Bruders nicht persönlich übernehmen werde.