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Mode-Trend: Professionelle Talentjagd

Wenn Modehäuser nach frischem Personal suchen, fragen sie Kenner der Szene. Denn hier sind Sachverstand und Diplomatie gefragt.

Von Viola Keeve

Für jemanden, der undercover Talente aufspüren will, zieht Jutta Ohms verdammt viele Blicke auf sich. Auf der Mailänder Schuhmesse Micam etwa trägt sie eine pinkfarbene Bluse, Jeans, Trenchcoat und dazu einen Cowboyhut. Und weil sie auf der Berliner Nachwuchsmodenschau Beck's Fashion Experience vis-à-vis von Barbara Becker in der ersten Reihe sitzt, halten sie manche für eine Schauspielerin, deren Name einem gerade nicht einfällt.

Jutta Ohms sitzt ganz vorn, weil das Modebusiness ihr Zuhause ist und sie international einen exzellenten Ruf besitzt. Sie ist Mittlerin zwischen Kreativkräften und Firmen, die neues Personal für hoch dotierte Positionen suchen. Die 41-Jährige fühlt sich in die Seelen von Kreativen ein, weiß aber auch um den Druck, der auf Unternehmen lastet, wenn sie mit einem Personaleinkauf gleichermaßen Image und Bilanzen befeuern müssen.

In wirtschaftlich stürmischen Zeiten haben selbst traditionsreiche Häuser Probleme. Da sind mutige, stilsichere Schnittmacher gefragt, die auch Management-Fähigkeiten besitzen. Einfallsreich und effizient müssen sie sein und bitte möglichst schnell verfügbar. Eine schwierige Aufgabe, für die die Bosse der Modewelt Headhunter wie Ohms bezahlen. Den Begriff Kopfjäger findet die gelernte Designerin und Personalberaterin für ihre Dienstleistungen unpassend, vielmehr treffe die englische Bezeichnung "recruiting" zu, also ein gezieltes Anwerben und Einstellen.

Diskretion als wichtigste Tugend

"Unternehmen erwecken gern den Anschein, sie müssten sich nie um Bewerber bemühen. Und Bewerber, die unter Vertrag stehen, müssen verheimlichen dass sie weg wollen", sagt Jutta Ohms und schweigt fortan über weitere Interna. Diskretion gehört zur wichtigsten Tugend ihres Metiers, in dem beachtliche Honorare gezahlt werden. Rund ein Drittel des Bruttojahreslohnes eines vermittelten Bewerbers verlangen beispielsweise Ohms' Kollegen in Paris von den großen Couture- Häusern - für einen Kreativstar von morgen etwa 180.000 Euro. Um ihren lupenreinen Ruf zu wahren, arbeitet Jutta Ohms nur mit festen Honoraren: 20.000 bis 30.000 Euro pro Position, bei Top- Positionen deutlich mehr. "Ich wollte nie in die Verlegenheit kommen, den teureren anstelle des besseren Bewerbers vermitteln zu müssen."

Imagegerecht liegt ihr Büro in Berlin-Mitte, in einem Haus mit Empfangsbar, Pool und Lofts, ohne Namen an den Klingeln. Wer hier wohnt, bleibt inkognito. Meist allerdings ist sie unterwegs und verabredet sich mit Bewerbern in Hotels, Restaurants oder auf Flughäfen: "Ich muss den Leuten entgegenreisen, bin sozusagen die Außenministerin." Wenn Ohms Manager sucht, trifft sie sie im ehrwürdigen Hotel Adlon in Berlin. Designer lädt sie eher ins Just Cavalli Café in Mailand ein.

Die passende Tür weisen

"Deutsche sind in den tollsten Firmen der Welt, bei Polo Ralph Lauren in New York, Prada, Gucci oder Bottega Veneta sehr willkommen. Viele können hier in Deutschland mit ihrem Potenzial gar nicht andocken", erklärt Ohms. Also sieht sie sich auch wie eine gute Fee, die Kreativen hilft, sich zu sortieren, ihnen die passende Tür weist. Manchen muss sie dabei Illusionen rauben, denn nicht jeder kann Giorgio Armanis Nachfolger werden.

Es sind oft die ganz pragmatischen Dinge, die über den Erfolg ihrer Arbeit entscheiden, aber auch die großen kreativen Entwürfe. So notiert Jutta Ohms in Berlin beim Defilee der Beck's Fashion Experience akribisch in ein Buch, welcher Designer Potenzial zeigt. Peter Bertsch aus Antwerpen entwirft seltsame Tops mit Rüschen und steif abstehende Röcke in Pink, Mint und Beige, die aussehen wie aufgeplatzte Pilze: "Das ist unkonventionell, aber mit einer Linie, überzeugend", urteilt sie. Bele Bardenheuers Ballonkleider und gehäkelte Rastamützen findet sie "entzückend", schaut in der Garderobe der Designerin vorbei und lässt ihre Visitenkarte da. Man wird in Kontakt bleiben, so viel steht fest. Ob ein Job daraus wird, noch lange nicht.

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