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Mode: Wer erfand den BH?

Vor fast 120 Jahren verschaffte Herminie Cadolle den Frauen neuen Bewegungsfreiheit: Die Französin schnitt ein Korsett in zwei Teile und erfand damit ein heute essentielles Kleidungsstück: den Büstenhalter.

Von Cathrin Dobelmann

Poupie Cadolle hatte nie in die Fußstapfen ihrer Vorfahrinnen treten wollen. BHs nähen, filigrane Muster aufsticken - das war nicht ihr Ding. Bis ihre Mutter sie vor die Wahl stellte: "Entweder du übernimmst das Wäschegeschäft, oder ich werde es schließen." Heute, mehr als 30 Jahre später, führt die mittlerweile 61-Jährige das Unternehmen in fünfter Generation. "Seit fast 120 Jahren kümmern sich bei uns die Frauen ums Geschäft. Eine Tradition, der ich mich nicht entziehen konnte", sagt Poupie Cadolle. Es war ihre Ururgroßmutter Herminie, die mit der Erfindung des Büstenhalters den Grundstein des Couturehauses legte. Aus Protest gegen das Schönheitsideal der Belle Époque, das Frauen vorschrieb, sich in Korsetts zu zwängen, zerschnitt die Französin ein Mieder und meldete das Ergebnis 1889 zum Patent an.

"Mit Herminies BH konnten sich die Frauen endlich bewegen, ohne dass steife Korsettstangen ihre Lungen zerdrückten", erzählt Poupie Cadolle. Viele Firmen kopierten den BH und stellten ihn als günstige Fließbandware her. Cadolle spezialisierte sich auf Couture-Lingerie. Die Frauen, die heute in die Pariser Rue Saint-Honoré kommen, verlangen nach maßgeschneiderten BHs, die aus Seide oder Spitze gefertigt sind. Für das gute Gefühl, dass nichts hängt oder zwickt, geben sie je nach Modell zwischen 600 und 4000 Euro aus. "Billige BHs bestehen meist aus elastischen Materialien, die der Schwerkraft nichts entgegenzusetzen haben. Oft sind sie nicht mehr als hübsche Verpackung", erklärt Poupie Cadolle. Für sie zeichne sich ein guter Büstenhalter durch zwei Kriterien aus: feste Stoffe für die Körbchen und Träger sowie ein tief geschnittenes Rückenteil, das den Busen nach oben hebt.

Mehr als 400 handgemachte Luxusgestelle verlassen jährlich die Produktionsstätte am Rande von Paris. Bestellt werden sie vor allem von reichen Geschäftsfrauen, Prinzessinnen aus dem Nahen Osten sowie prominenten Schauspielerinnen wie Monica Bellucci, Catherine Zeta-Jones und Rita Wilson.

Doch da gibt es einen Trend, welcher der Urahnin von Poupie Cadolle missfallen würde: die gestiegene Korsett-Nachfrage. Als 2001 der Film "Moulin Rouge" in die Kinos kam, sei ein regelrechter Mieder-Boom ausgebrochen, der bis heute anhalte, erzählt sie. "Aber zum Glück weilt meine Ururoma im Paradies und bekommt davon nichts mehr mit."

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