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Nino Cerruti: "Die Mode leidet unter dem Zuviel"

Vor vier Jahren verkaufte er seine Marke an eine Luxusholding, jetzt ist "Cerruti 1881" pleite. Nino Cerruti zieht eine bittere Branchenbilanz.

Herr Cerruti, vor vier Jahren verkauften Sie Ihr Modehaus an eine Luxusholding, die Labels sammelte wie Briefmarken. Mittlerweile verhandelt die Finpart-Gruppe über den Verkauf von "Cerruti 1881". Ist es schlau gewesen, den eigenen Namen zu verkaufen?

Nein, es ist dumm gewesen - aber nicht von mir, sondern von der Finpart. Denn die hat sehr viel Geld für meinen Namen bezahlt, und nun ist die Marke Cerruti verpfändet worden.

Finpart steckt in akuten Finanznöten, ein Mailänder Insolvenzgericht hat in der vergangenen Woche entschieden, der Luxusholding noch einmal Aufschub bis Anfang Juni zu geben: Muss bis dahin ein Käufer für Cerruti gefunden sein?

Vielleicht wird Cerruti an eine belgische Investmentgesellschaft verkauft, vielleicht wird aber auch gar kein Käufer gefunden. Mir tut es vor allen Dingen um die Leute leid, die in den vergangenen Jahren ihre Arbeit verloren haben. Aber ich darf diese Dinge eigentlich nicht kommentieren.

Es gibt Gerüchte: Sie wollen Ihre Marke gemeinsam mit Diego Della Valle, dem Inhaber von Tod's, zurückkaufen.

Da ist nichts dran. Wenn Della Valle etwas kaufen will, dann muss er sich mit niemandem zusammentun.

Und Sie?

Nein, nein. Ich habe mein Modehaus damals nicht nur abgegeben, weil es Meinungsverschiedenheiten zwischen der Finpart und mir in punkto Markenausbau und Qualitätssicherung gab. Ein wesentlicher Grund für meinen Rückzug war die Mode an sich. Wo finden Sie sonst so viel Oberflächlichkeit, Egozentrik, so viel Lärm um nichts? Eine derartige Ignoranz?

Sie meinen: Früher war die Modewelt Heimstatt intellektueller Menschenfreunde?

Wenn ein Phänomen so lange so erfolgreich funktioniert wie die Mode, dann ermutigt das jede Menge Leute, es auch mal zu versuchen. Die Mode leidet unter dem Zuviel und den Zuvielen. Der Anteil der begabten Leute ist drastisch gesunken.

Warum verfolgen Sie trotzdem noch immer, was sich bei den Mailänder Schauen tut?

Das muss ich, denn in meiner Weberei in Biella entstehen ja Textilien, die zu Mode werden. Nicht nur in der Bekleidungsindustrie, neuerdings auch in der Wohn- und Designbranche. Wir haben im vorigen Jahr die Marke Baleri gekauft.

Unter den europäischen Stoffherstellern herrscht Panik - wie viel Angst haben Sie vor der Billigkonkurrenz aus Asien?

Die Stimmung in Italien ist gedrückt. Denn die Chinesen sind noch schneller mit hochwertigen Textilien auf den Markt gekommen, als alle befürchtet haben. Ich bleibe dennoch optimistisch: Unsere Textilindustrie besitzt ein hohes Potenzial und viel Kreativität.

Bei Cerruti wurden die Kreativen seit Ihrem Weggang so schnell getauscht wie Druckerpatronen.

Und auf sehr grobe Weise. Doch wie soll ein Designer für ein Haus arbeiten, dessen Manager offenbar keine Strategie entwickeln können?

Was sind große Designernamen noch wert?

Wer einem Produkt Seele einzuhauchen vermag, ist immer unverzichtbar. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass das Phänomen des Personenkults aus unserer Kultur verschwindet. In der Modewelt sind mal die Models die Superstars, mal die Designer, zurzeit sind es die Schauspieler, die ihre Kleider tragen. Wir brauchen unsere Helden, um sie in den Himmel heben zu können, und wir wollen selber Helden werden. Das sind "Must haves" unseres Gesellschaftslebens.

Weshalb wurden Sie zum Modeschöpfer?

Seit ich zehn war, ließ mein Vater mich einen Monat pro Jahr in seiner Fabrik arbeiten; er starb, als ich 20 war, und als ältester Sohn übernahm ich den Familienbetrieb, obwohl ich andere Ambitionen hatte. Ein Ausgleich war es, als ich später mit Freunden den "L'Espresso" herausgab, eine Zeitschrift mit kultivierter progressiver Weltsicht - ich wäre nämlich lieber Journalist geworden.

Jetzt sind Sie erst mal Hamburger: Mit Ihrer Lebensgefährtin haben Sie sich eine Wohnung am Alsterfleet gekauft.

Hamburg ist die schönste Stadt Deutschlands. Auf ihre klassisch elegante Art.

Bei den Berliner Filmfestspielen saßen Sie neulich in der Jury. Da gab es einiges Stirnrunzeln wegen des Mannes aus der Mode.

Tja. Dabei war ich sogar einmal Produzent, mit drei Freunden zusammen. Leider wollte niemand den Vertrieb übernehmen, und so wurde der Film nur ein einziges Mal gezeigt - bei einer Privatvorführung des Regisseurs. Jeder von uns Produzenten hat dann ein Viertel des Films mit nach Hause genommen.

Hollywood-Schauspieler sind Sie auch.

Reiner Zufall. Ich kam zum Set von "Der Guru", um ein Kleid bei Kelly Preston abzuliefern, da rief der Regisseur: "Wir brauchen hier jemanden, der so aussieht wie ein Modemacher!" Ich bekam sogar einen Wohnwagen gestellt.

Lange bevor der Synergieeffekt entdeckt wurde, profitierten Sie von der Kooperation zwischen Mode und Film.

Das kam nach und nach, weil so viele Schauspieler Kunden meines Geschäfts waren: Belmondo und Mastroianni, Alain Delon, Orson Welles.

Ihr seltsamster Kunde?

Salvador Dal'. Während sein Gefolge ihm die Kleider hielt, stand er gestikulierend mitten im Geschäft und sprang in langer Unterhose umher. Meine Seligsprechung erfuhr ich, als eines Tages drei wichtige Herren gleichzeitig in meiner Pariser Herrenboutique auf Shoppingtour gingen: Karl Lagerfeld, Hubert de Givenchy und André Olivier, Cardins rechte Hand.

Von 1986 an machten Sie Ernst mit Hollywood und engagierten einen Agenten.

Er machte sich bezahlt, nicht nur weil er all die Drehbücher prüfte, die man mir schickte. Eines Tages standen drei Männer gleichzeitig auf dem Oscar-Podium, und alle trugen Cerruti: Jack Nicholson, Clint Eastwood, Warren Beatty. Ich bin, glaube ich, der Einzige, dem das je gelang.

Heute laufen die Oscar-Verleihungen unter dem Namen "Armani-Night".

Dabei hat Giorgio Armani von mir erst alles übers Filmgeschäft gelernt. Jahrelang waren wir die Einzigen, die sich um Kostüme kümmerten. Bis sich dann Anfang der Neunziger alle Modehäuser auf Hollywood schmissen. Das Überangebot an Designern bei gleichzeitigem Mangel an Filmstars trieb die Preise in absurde Höhen. Wir hatten nie dafür bezahlt.

Gute Designer gelten als schlechte Kostümbildner: Anstelle der Schauspieler statten sie vor allem ihr eigenes Ego aus.

Ich habe meine Drehbücher vorher immer gelesen und modische Aspekte bei der Ausstattung beiseite gelassen. Michael Douglas zum Beispiel bekam in "Basic Instinct" Anzüge von mir, die zu groß waren, um elegant zu sein. Das sollte zeigen: Mit diesem Mann geht es bergab. Jeremy Irons trägt in der "Affäre der Sunny von B." ein Bustier, denn jemand vom Stande eines Claus von Bülow wendet nicht den Kopf, wenn er angesprochen wird - er wendet den ganzen Körper. Tom Hanks verlor während der Dreharbeiten zu "Philadelphia" nicht genug an Gewicht, um sein Elend zu zeigen; also haben wir gleichzeitig seine Anzüge immer größer gemacht. Bei diesem Film hatten übrigens schon einige Modemacher vor mir abgelehnt, weil sie mit dem Thema Aids nicht in Verbindung gebracht werden wollten.

Gefällt Ihnen Hollywood?

Das einzig Spannende sind jene Kreise, in denen jeden Abend Partys gefeiert werden.

Haben Sie noch Kontakte?

Zu Michael Douglas. Lange Zeit haben wir uns einmal pro Jahr getroffen: er und seine Frau, der Fotograf Paolo Roversi, die amerikanische Journalistin Barbara Walters und, bis zu seinem Tod, Christopher Reeve. Wir alle haben am 25. September Geburtstag.

Würden Sie zum Schluss bitte ein Rätsel lüften? 30 Jahre lang verbeugten Sie sich auf dem Laufsteg in einem gelben Pullover. War es immer derselbe?

Nein, allein deswegen nicht, weil mein Körperumfang sich verändert hat. Zwei Konfektionsgrößen sind am Ende dazu- gekommen. Aber trotzdem hat er mir stets Glück gebracht.

Dirk van Versendaal / print
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