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Pastorin: Gott schneidert mit

In London gibt es neuerdings geistlichen Beistand für Modedesigner: Pastorin Joanna Jepson verbindet Stoff und Seele.

ie Pastorin trägt Rollkragen. Darüber stülpt sie ihre weiße Halsbinde, anstelle eines Talars bevorzugt sie Wickelkleider. Joanna Jepson ist die neue Seelsorgerin am Londoner College of Fashion, und in dieser Eigenschaft werde sie nichts an ihrem Aussehen ändern, sagt sie.

Sie ist die erste Pastorin an einer der bekanntesten Modeschulen der Welt - gelernt haben hier etwa Jimmy Choo, Patrick Cox und Alek Wek. Joanna Jepson, 30 Jahre alt und seit drei Jahren Pastorin, hat sich diesen Job selbst geschaffen. Schon an der Theologischen Fakultät in Cambridge war ihr klar, dass sie einige wesentliche Fragen unserer Zeit nicht in einer Gemeinde diskutieren kann, die nur noch von älteren Herrschaften der Mittelschicht besucht wird. "Ich bin durch die Straßen Londons gegangen", sagt sie, "und habe die riesigen Modeanzeigen gesehen. Diese Industrie beherrscht so viele Bereiche unseres Lebens. Aber wer hilft den Modeleuten, ihren Bereich zu hinterfragen?"

Die Direktorin Frances Corner begrüßte die Idee einer Seelsorgerin auf dem Campus. "Das College ist sich bewusst, wie sehr Mode heute den Alltag beeinflusst", sagt Jepson. Sie plant, mit einer Hilfsorganisation für geistig Behinderte in der Nachbarschaft ein Projekt zu starten und mit den Studenten Mode zu entwerfen, die Menschen verschönert, die meist nicht als schön angesehen werden: "Ich weiß, dass Mode immer elitär sein will. Kaum jemand hat die Figur eines Models, aber die Kleider sind meist nur für schlanke, reiche Menschen gedacht. Ich glaube jedoch, dass gerade Modestudenten viel kreativer sein könnten in ihrer Suche nach dem Schönen."

Joanna Jepson weiß, was es heißt, als hässlich zu gelten. Sie wurde mit einem stark verformten, zurückliegenden Unterkiefer geboren. Ihr Aussehen machte sie zur Außenseiterin: "Natürlich habe ich damals Abwehrmechanismen entwickelt. Ich habe mich überhaupt nicht zugehörig gefühlt. Ich war oft allein."

Mit 17 Jahren verwandelte sie sich durch mehrere Unterkieferoperationen in eine Frau, die mit ihrem feinen Gesicht gängige Schönheitsraster erfüllt. "Es hat sich so vieles verändert nach meiner Operation. Doch in mir hat sich nichts verändert. Ich bin immer noch die Joanna, die von Leuten erwartet, dass sie seltsam reagieren, wenn sie mich sehen." Diese Erfahrungen haben sie gelehrt, nach dem Wert hinter dem Äußeren zu schauen.

Bekannt wurde Jepson in Großbritannien, als sie die Polizei in West Mercia verklagte, die nicht gegen eine Abtreibung vorgegangen war, bei der ein Fötus mit einer Kiefer-Gaumen-Spalte wegen "schwerer Behinderung" abgetrieben wurde. "Dieser Fötus starb, weil Hässlichkeit als Behinderung gilt. Dann hätte es auch Gründe gegeben, mich abzutreiben", sagt Jepson. Ihre Kampagne war erfolgreich und führte dazu, dass das entsprechende Gesetz zu Abtreibungen zurzeit im Parlament diskutiert wird.

"Unsere Gesellschaft macht sich abhängig von Schönheit", sagt Jepson. "Das will ich auch in meinem Job hier am College diskutieren." Die ersten Wochen als Modepastorin hat sie genutzt, sich bekannt zu machen. Die meisten reagierten erstaunt, dass es jetzt spirituellen Beistand an der Universität gibt, zugleich waren manche zu persönlichen Gesprächen bereit - "die unterliegen jedoch der priesterlichen Schweigepflicht". Ein erstes Modeprojekt betreut Jepson schon: Zwei Studenten wollen ihren christlichen Glauben in die Abschlussarbeiten für Männermode in diesem Jahr einfließen lassen.

Auf die Frage, ob sie denn auch vor ihrer Operation mit einem deformierten Unterkiefer vom College angestellt worden wäre, antwortet Joanna Jepson nach einer Denkpause leise, aber bestimmt: "Ich hätte überhaupt nicht den Mut gehabt, mich hier zu bewerben."

Cornelia Fuchs / print
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