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Selbstbräuner: Voll auf die Tube gedrückt

Der Sommer naht, und so mancher Zeitgenosse vertreibt die Winterblässe mit Bräune zum Schmieren. So weit kein Problem. Doch das Zeug ist tückisch und kann bei den Anwendern zu unfreiwillig komischen Ergebnissen führen.

Von Miriam Collée

Es ist wieder so weit. Luftig gekleidete Frauen laufen mit braunen Schlieren an den Beinen herum, mit Flecken an den Knien oder dunkelbraunen Streifen zwischen den Fingern. Und gehässige Beobachter fragen: Oh, was hast du denn da? Die Damen werden Ausreden erfinden wie: der Freundin beim Haaretönen geholfen. Oder: Allergie gegen Gummihandschuhe. Und sie werden sich schwören, beim nächsten Mal alles besser zu machen.

Selbstbräuner sind eine perfide Angelegenheit. Bei richtiger Anwendung lassen sie die Haut goldbraun schimmern, mal mehr, mal weniger gelb, aber immer- hin nahtlos. Allein, die richtige Anwendung - Körperpartien peelen, Feuchtigkeitscreme auftragen, komplett einschmieren - beherzigt kaum einer.

Das Hollywood-Sternchen Lindsay Lohan, das es mit Ausbrüchen aus Entzugskliniken zu Ruhm brachte, hatte eine Erleuchtung, die es jetzt zu Geld machen will: ein intelligentes Selbstbräuner- Spray, das unterschiedliche Hautbeschaffenheiten erkennen und automatisch ausgleichen soll. Ein Wunder also, vorerst nur in den USA erhältlich, aber wer weiß, mit den nötigen Drogen dazu wirkt es vielleicht.

Kampf gegen Hautkrebs

Self-Tanning-Produkte fallen in den USA auf fruchtbaren Boden, denn der Zutritt zu Sonnenstudios ist in vielen Bundesstaaten nur Volljährigen erlaubt. Deutschland will diesen Sommer im Kampf gegen den Hautkrebs nachziehen. Das Kabinett hat erst kürzlich einen Gesetzentwurf beschlossen, der Minderjährigen den Zutritt ins "Münz-Mallorca" untersagt. Wenn Dieter Bohlen als Abschreckung nicht ausreicht, muss eben ein Verbot her.

Die Kosmetikindustrie sagt Danke und bläst zum Großangriff. Schließlich hat sich der Selbstbräunungsmarkt in Europa in den vergangenen Jahren als gesund erwiesen. Allein in deutschen Parfümerien wurde laut Kosmetikverband VKE 2008 Ware im Wert von 22 Millionen Euro verkauft.

Der Wirkstoff Dihydroxyaceton (DHA), der in den meisten Produkten steckt, ist farbloser, synthetischer Zucker. In den 1920er Jahren testete man ihn als Süßstoff für Diabetiker. Er erwies sich als unbrauchbar, offenbarte aber eine chemische Überraschung. Als Ärzte Kindern die Substanz verabreichten, stellten sie fest: Wenn beim Einflößen Speichel über die Haut lief, bildeten sich in der obersten Hautschicht braune Pigmente. Anders gesagt: Körpereigene Eiweiße reagierten mit Zucker. Ähnliches passiert übrigens, wenn ein tiefrotes Rumpsteak sich in der Pfanne goldbraun färbt.

Problem: Rücken eincremen

Womit wir beim größten Problem des Selbstbräunens wären: dem Wenden. Haben Sie schon mal versucht, sich den Rücken selbst einzucremen oder -sprühen? Nun, Paul McCartneys Ex-Frau Heather Mills half sich in der Vergangenheit mit ihrem Kindermädchen, das seine nackte Arbeitgeberin wöchentlich einsprühen musste, bis der Farbton zur Beinprothese passte. Voriges Jahr hat es vor dem Arbeitsgericht eine Klage gegen Mills eingereicht.

Zurück zur Chemie. Synthetischer Zucker also statt UV-Strahlung, das klingt zunächst gut, hat aber einen kleinen Haken: Die Produkte dürfen nicht zu lange geöffnet sein. Deshalb steht auf Tiegel und Tube immer ein Hinweis, wie lange die Creme bedenkenlos einsetzbar ist. Ach ja, noch ein Häkchen: immer schön nachschmieren, und zwar alle drei Tage, denn die künstliche Bräune setzt sich ohnehin nur auf die oberen, bereits abgestorbenen Hautzellen.

Pervers? Nicht weniger pervers als das, was sich Asiatinnen großzügig ins Gesicht schmieren: Whitening-Creme. Die Firmen, die auf der einen Seite der Welt Geld damit verdienen, Gesichter dunkler zu machen, verdienen es auf der anderen Seite damit, sie aufzuhellen. Das nennt man dann wohl Globalisierung.

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