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Tweed: Im Taumel der Woll-Lust

Tweed kommt von den Hebriden. War der Stoff früher vor allem dick und warm, ist er heute leicht und schick, denn selbst die schottische Heimweberin geht mit der Mode.

Von Bert Gamerschlag

Sturmfahrt auf Harris. Kurve nach rechts, Schwenk nach links, rauf auf die Hügelkuppe, runter und - da ist doch was auf der Straße! Der Wind heult, er brüllt, die Wagentür lässt sich kaum aufstemmen. Auf der Fahrbahn liegt eine volle 100-Liter-Mülltonne und darunter, müde winkend - eine Oma. Also Tonne an- und Oma aufheben. Sie hatte den Müll an die Straße schieben wollen, da hat der Wind sie umgeblasen, samt Tonne.

"Thank you", schreit Oma in den Sturm, "I would never have made it on my own." Wir schreien zurück: "What a bad storm." Sie: "Yes, it's quite a breeze." Eine Brise - kein Storm. So sind sie, "the hardy Scots", die harten Schotten. Oktober auf den Hebriden. Noch nicht mal Winter und schon arschkalt. Doch bei der Aktion "Save granny" sind wir mollig warm geblieben: Dank, liebe Schafe, die ihr hier ringsum wollig steht! Dank, guter Harris-Tweed, der du unseren Körper schützend umhüllst: Du bist der Stoff, der aus der Brise kommt, aus dem Wetter, das Omas von den Beinen fegt und Mülltonnen umhaut.

Das ist der Stoff fürs Leben

Tweed ist aus Wolle und kommt aus Harris. Harris ist die Südhälfte einer Insel im Westen Schottlands; die Nordhälfte heißt Lewis. Es gibt Industrie-Tweed vom Festland; der ist ganz nett. Und es gibt Harris-Tweed, den echten - das ist der Stoff fürs Leben. Harris-Tweed braucht dreierlei: Schafe, Webstühle und eine Wollmühle - und alle müssen auf den Hebriden sein. Schafe gibt es gottlob genug, Webstühle etwa 150 und Wollmühlen gerade mal eine. Das Ende ist damit absehbar. Wann es vorbei sein wird mit Harris-Tweed - schwer zu sagen. Am besten man kauft davon auf Vorrat, so lange es ihn noch gibt.

Etwa bei Katie Campbell in Plockrapool. Sie will weben, solange sie noch kann, obwohl sie schon 71 ist. Aber ihre Tochter wird mal übernehmen, denn Webstühle mögen eines gar nicht: Stillstand. Sie sind aus Eisen und könnten rosten. So sitzt die Dame mit dem Rücken zum Meer und dem Tee in Griffweite in ihrem Weberschuppen bei sechs Grad Celsius, den dampfenden Atem vor ihrer Nase. "Ich schaff drei Yard pro Stunde", sagt sie und tritt in die Pedale. Harris-Tweed ist handgemacht und fußgetreten, mit eigener Kraft gewebt. Die Füße treten zwei Tasten, die ein Stangenwerk in Gang setzen, den Kettbaum drehen, die Garnkämme heben und senken und die Schiffchen fliegen lassen. Es ist anstrengend, stundenlang den Webstuhl zu trampeln, 23 Pedaltritte kommen auf ein Inch, knapp 40 Inches hat der Meter.

Einschussdellen in der Hüttenwand

Ein Webstuhl im Viervierteltakt - er klingt, als schnauze er: "HaltdieKlappe-HaltdieKlappe-Haltdie...". Was er in gewisser Hinsicht auch tut, denn er ist laut, was jegliche Unterhaltung schwer macht. Seine Teile stehen unter großer Spannung. Darum darf man nie neben, sondern nur vor oder hinter dem Webstuhl stehen. Blitzschnell schießen seine Schiffchen von rechts nach links nach linksrechtslinksrechtslinks. Kommt eines aus der Führung - was selten, aber doch immer mal geschieht -, es träfe mit tödlicher Wucht. "Wenn hier was durch die Gegend fliegt, und du stehst im Weg", sagt Katie Campbell, "dann war's das." Einschussdellen in der Hüttenwand bezeugen es. Das Fenster neben dem Webstuhl verteidigt Katie mit einem beuligen Backofenrost.

So webt sie über den Klippen des Atlantiks, hoch über flechtigen Felsen und zauseligem Gras - hoch über kristallenem Wasser, wogendem Seetang und Bojen, die sich von Hummerfallen losgerissen haben. Der Wind jagt in Böen übers zitternde Wasser. Er heult durch die Ritzen von Katies Schuppen und rappelt am Wellblechdach. Ein Öfchen bullert, aber man spürt es kaum. "Trotzdem, mir wird nicht kalt", ruft Katie in den Lärm ihres knallklappernden Webstuhls, "ich trag den ganzen Winter über meinen Tweed-Rock." Hinter ihr geht der Mond auf, die Wolken ziehen, Schären versinken im Dunkeln.

Frauen wie Katie sind Helmut Habels Hoffnung. Der Kaufmann aus Schwerin lebt vom Durchhaltewillen der alten Damen. Zusammen mit Maßschneiderin Esther John betreibt er ein kleines, feines Tweed-Label. Die alte Dame in ihrer Einsamkeit weben zu sehen wärmt ihm das Herz - der Mann ist ein Tweed-Verrückter im Endstadium. Zu Katies Erstaunen reißt er sich jedes geziemende Kleidungsstück vom Leibe und präsentiert stolz das eingenähte Schildchen mit der Harris-Tweed-Marke - dem roten Reichsapfel. Dann kauft er ihr ab, was er an Mustern bekommen kann, denn Katie Campbell webt Karos nach eigenem Design.

Das tun nicht alle. Meist übernehmen die Weber die Muster der Wollmühle von Rae Mackenzie. Raes Unternehmen sitzt am Rande von Stornoway, dem Hauptstädtchen von Lewis. Großenteils aus den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stammend, wirkt das Werk wie ein Industriemuseum. Aus allen Maschinen und Leitungen dampft, zischt, pfeift, tropft und suppt es vor sich hin und erinnert fatal an späte DDR. Das beleidigt Rae Mackenzie gar nicht: "Okaaay, das sieht nur so aus", sagt er. "Teils sind unsere Maschinen überaltert", gibt er zu, "aber anderes ist auch wieder brandneu, die Tuchausrüstung etwa."

Das stimmt bei näherem Hinsehen. Raes Leute erledigen in ihrer Wollmühle alles - von der Annahme wiesenfrisch schafiger Wollballen bis zur Aussendung fertiger Tuchrollen -, mit Ausnahme des Webens natürlich, das die 150 verbliebenen Katie Campbells in ihren Hüttchen betreiben. Es waren einmal Tausende.

Am Anfang riecht die Wolle noch nach "Määäh"

Die Arbeit an den ächzenden Maschinen der Wollmühle ist personalintensiv. Bis Mary MacIntosh, 65, und Cathy MacIver, 62, per Pinzette letzte Wiesenreste aus dem fertigen Gewebe prokeln, hat die Wolle einiges erlebt - und ist dabei immer edler geworden. Riecht sie bei Lieferung noch stark nach Määäh!, so ist sie am Ende derart reinfein und vornehm, dass sie lebensmitteltauglich ist: Die Tuchbahnen, die die Damen langsam über den Inspektionstisch ziehen, beulen an einer Stelle immer auffällig aus: "Okaay, that's our tea", kichern die Ladys und lüften eine Kanne nebst ginger biscuits, oat cakes und orange marmalade, die von dem darüber hin gleitenden Tweed heiß und sicher gehalten werden.

Die Farben der Hebriden sind die der Hügel und der Lochs. "Wenn Leute unser Lager besuchen sagen sie "Oh, wir wussten nicht, dass ihr auch knallige Farben habt", aber am Ende kaufen sie Traditionstöne", sagt Rae.

Pro Inch (2,5 cm) sind die langen Wollfasern der Fäden siebenfach in sich gedreht, das macht sie so reißfest. Tweed wiegt von 280 bis 550 Gramm pro Quadratmeter. Je leichter, desto teurer, denn je dünner der Faden, desto langwieriger das Spinnen und Weben. "Featherweight" und "superfine" heißen die Topqualitäten. Je leichter das Tuch, desto besser lässt es sich auch tragen, denn homo zentralheizungsensis braucht eigentlich keinen Tweed mehr. Würde er nicht so dünn gewebt, Tweed wäre längst zu warm. Aber nur ein Krieg ums Öl, und Tweed ist die Lösung für den Winter.

Die Arbeitsschritte von der Wolle bis zum Tuch sind Waschen, Färben, Mischen, Zupfen, Kämmen und Spinnen. Die Rohwolle kommt in Ballen, jeweils 1 Meter breit und tief, 80 cm hoch und gut 300 Kilogramm schwer; sie werden aufgeschlitzt und in die Waschstraße gepackt, ein etliche zehn Meter langes Dampfgetüm von entschieden schafigem Odeur. Sein erstes Waschwasser ist so braun wie der Ganges; das letzte ist schon klarer und die Wolle deutlich weißer. Nun wandert sie in den Färbebottich, die Palette ist grenzenlos. Gefärbt und trocken geht die Wolle ins Kubiksacklager, der gigantische Raum ist eine Art dreidimensionaler Woll-Mondrian aus grünen, blauen, braunen, gelben, orangefarbenen und roten Rechtecken.

Taumel der WollLust

Bei Tweed ist nicht der Faden gefärbt - es ist die Wollfaser! Ein Faden allein kann bis zu 20 einzelne Töne enthalten; der Blick durch die Lupe zeigt es. So entsteht das oft unergründliche Farbspiel des Tweeds aus der Melange des Garns. Die Wollpartien werden flockig gerupft und nach exakter Rezeptur in eine Windkammer geschlossen, wo sie stundenlang miteinander verwolkt werden. Erst dann werden sie gekämmt und gesponnen.

Wer sich in Raes Tweed-Lager begibt, verfällt ganz sicher dem Taumel der WollLust. Mehr als tausend Tuchballen liegen dort, von den grellen Mustern der Saison bis zu den zeitlosen Schönheiten uralter Herkunft; Mackenzie wirft keines weg. Die bunten leichten werden in Paris und Mailand über den Laufsteg gehen, die anderen finden mit Sicherheit ihre eher konservative Kundschaft, zu 69 Euro pro Meter. Leider hat nicht jeder Zutritt zu Raes Lager - Mackenzie ist nun mal Großhändler. Aber es gibt ja Leute wie den tweedophilen Helmut Habel, dessen Partnerin die Stoffe zu verarbeiten weiß. Denn auch über Mecklenburg stürmt es zuweilen gewaltig.

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