Versace Erinnerungen an Como


Die schwere Last der leichten Stoffe: Die junge Modedesignerin Francesca Versace versucht, sich freizuschneidern aus der Übermacht ihres Onkels Gianni und ihrer Tante Donatella.

Mode - was soll man sonst machen, wenn man Versace heißt? Und so wurde es auch eher beiläufig registriert, als eine gewisse Francesca Versace ihre Abschlusskollektion auf der angesehenen Londoner Designschule Central Saint Martins präsentierte - mit Bravour, begleitet von Kritikerlob, wen wundert's?

"Denken Sie bloß nicht, dass mein Name nur Vorteile mit sich bringt", bittet die 24-Jährige. Die Nichte des berühmten Gianni und der berüchtigten Donatella, Tochter von Santo Versace, hat, wie viele Sprösslinge des Ruhmes, an zwei Fronten mit ihrem Erbe zu kämpfen. "Entweder, die Leute erwarten meines Namens wegen große Wunder von mir. Oder sie sind misstrauisch, weil sie denken, dass mein Name mir den Erfolg automatisch verschafft."

London - eine harte Schule

Nein, der Erfolg kam für Francesca nicht als Geschenk. Vor fünf Jahren, da war sie 19, ist sie nach London gekommen, ohne Geldnöte zwar, aber auf sich allein gestellt. Die reservierte Art der Engländer empfand sie als feindselig, und auf dem Central Saint Martins College wollte man sie auch nicht haben. "Versaces Nichte schafft Zulassung nicht", höhnte der "Evening Standard", nachdem sie beim Eignungsgespräch durchgefallen war. Doch statt sich nun im heimischen Schoß ausbilden zu lassen, harrte sie in London aus, erlernte das Handwerk der Schnitttechnik sowie die Tücken des Marketings. Zwei Jahre später stand sie wieder vor dem Prüfungsausschuss der Eliteschule. Diesmal wurde sie aufgenommen.

Francesca Versace wohnt heute in einem Penthouse in Knightsbridge. In ihrem Atelierzimmer pflegt sie, wie es sich für eine Jungdesignerin gehört, die Unordnung: Fotos und Ausrisse an den Wänden, Stoffproben und Zeichnungen auf den Tischen, Kleiderpuppe und Nähmaschine in der Ecke verstaut. Stolz zeigt sie ihre Skizzen, und die sind entschieden besser als jene des berühmten Onkels, zu dessen Stärken das Zeichnen bekanntlich nicht gehörte.

Das letzte Mal hatte sie Gianni an einem Sommerwochenende 1997 am Comer See getroffen, zwei Wochen bevor der Serienmörder Andrew Cunahan ihn vor den Stufen seines Hauses in Miami Beach erschoss. Sämtliche Cousins und Cousinen - die 15-jährige Francesca und ihr Bruder Antonio, dazu Donatellas Kinder Allegra und Daniel - waren angereist, denn die Popgruppe Take That war zu Gast in der Villa Versace, damals noch mit Robbie Williams. Überhaupt: Die Besuche bei Gianni hat sie in bester Erinnerung, "seine Spontaneität, sein Lachen, seine positive Ausstrahlung, und immer rannte er im Bademantel durchs Haus". - Was hat sie von ihm gelernt? "Die Neugier aufs Leben, die Begeisterung, mit der er sich in die Arbeit stürzte." Sinnigerweise trägt Francescas erste Kollektion den Namen "Lake Como": Inspiriert von Erinnerungen an die Besuche in der Villa des Onkels, entwarf sie neun luftige Looks in knalligen Farben und Schwarz. Natürlich hatte sie ihre Zeichnungen der Kreativchefin des Hauses Versace gezeigt. "Mach nur", sagte Donatella ihr, "du weißt, wie es geht."

Mehr als Champagner und Chic

Wie auch nicht? Francesca ist in Versace groß geworden. Wenn Giannis legendäre Schauen inszeniert wurden, hüpfte sie hinter der Bühne in maßgeschneiderten Rokoko-Kleidchen um Cindy, Naomi, Christy und Claudia herum. Doch sie begriff früh, dass die Modewelt aus mehr besteht als aus Champagner und Chic. "Trotz allen Glamours habe ich gelernt, dass unser Leben aus Alltag und Arbeit bestand."

Sie habe das Glück gehabt, unbeschwerter aufwachsen zu können als ihre Cousine Allegra. Während der Tochter Donatellas durch den frühen Tod Giannis ein zu schweres Erbe auf die viel zu schmalen Schultern gebürdet wurde (die Hälfte des Unternehmens), bekam Francesca vom Vater Santo bloß zu hören: "Wir zwingen dich zu nichts." Zu fast nichts. Denn Santo, der Geschäftsmann im Versace-Clan mit 30-Prozent-Anteil, hatte eine fixe Idee. Erst schickte er seine Tochter in den deutschen Kindergarten, anschließend in die deutsche Schule Mailands. Wenn du Deutsch sprichst, mahnte er sie, lernst du andere Sprachen leichter.

Francesca Versace hat sich längst in London eingelebt, die Zurückhaltung der Engländer schätzt sie heute als Höflichkeit. Sie ist hochaktives Mitglied des Londoner Nachtlebens, hat zuletzt mit dem Schauspieler Owen Wilson geturtelt, und mit Margherita Missoni, der Modeerbin des Konkurrenzclans, lieferte sie sich ein Scharmützel um die Gunst des deutschen Adelssprosses Ernst August, des 23-jährigen Sohns des Prinzen von Hannover.

"Ich muss noch viel lernen"

Als künftige Millionenerbin hat sie im Nachtleben einen höheren Marktwert als eine mittellose Studentin, da ist nicht dran zu rütteln, und ihre Karriere springt auch leichter an. Francesca Versace war die Einzige ihres Jahrgangs, die sich für ihre Abschlusskollektion ein Parfüm plus komplettes Marketing-Konzept samt Fotokampagne leisten konnte. Die Zukunftsplanung geht sie gelassen an. Ein Einstieg in die Ateliers der Familie komme nicht infrage: "Ich muss noch viel lernen, das macht man am besten nicht zu Hause." Sondern in einem großen Modehaus, bei Dior oder Louis Vuitton, das, so findet sie, seien tolle Adressen.

Ihr Onkel wäre stolz auf sie, doch wie schön, dass er den Satz, den sie jetzt sagt, nicht hören kann. Gianni hatte zeit seines Lebens nur einen modischen Erzfeind, einen Konkurrenten, den er ganz und gar nicht ausstehen konnte - und ausgerechnet bei ihm würde Francesca auch gern die große Mode lernen wollen. "Bei Giorgio Armani? Natürlich, das wäre toll!"

Dirk van Versendaal print

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