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Weihnachtspräsente: Waffenstillstand im Geschenke-Bombardement

Jahrzehntelang folterte unsere Autorin ihre Mutter mit gut gemeinten, aber völlig überflüssigen Weihnachtspräsenten - bis diese um Gnade flehte. Doch diesmal hat sie eine geniale Idee, wie der Wahnsinn ein Ende finden kann.

Von Stefanie Rosenkranz

Kaum ist Weihnachten vorbei, dräut alle Jahre wieder die Frage: Was schenke ich meiner Mutter zum heiligen Fest? Wie die meisten Mütter hat auch meine alles, was sie haben will, und was sie nicht hat, kauft sie sich. Den Rest, nämlich alles, was sie nie haben wollte, hat sie auch: Sie bekam es in den vergangenen 45 Jahren von meiner Schwester und mir geschenkt. Da meine Mutter der Generation angehört, die nichts wegwerfen kann, befindet sich in ihrem Keller ein Geschenke-Friedhof von 1964 bis zur Gegenwart. Die verstaubten Präsente haben eins gemein: Sie wurden selten oder nie benutzt. Hinter der Heizung fliegen die frühen Werke herum, aus der Periode der Strickliesel und ähnlich betrüblicher Begleiterscheinungen (Webrahmen, Fimo): Mini-Pudelmützen, als Eierwärmer gedacht, bunte Wülste, als Aschenbecher geschaffen, sowie Berge von Strohsternen, die damals wohl zu Weihnachten gehörten wie Tim zu Struppi.

Der Waschkeller beherbergt neben der Waschmaschine auch Produkte aus einer Periode, die nur als "diffus" bezeichnet werden kann. Wir waren der Strickliesel entwachsen und zugleich wegen niedrigen Taschengelds chronisch insolvent. Das Ergebnis: bizarre Bilderrahmen, wirrfarbene Vasen sowie die in den Siebzigern populäre Ei-Guillotine nebst einer Schallplatte von Deep Purple. Außerdem eine aufblasbare Trockenhaube, mit der die Nachbarskinder "Raumschiff Enterprise" spielten, sowie eine ganze Lawine Gästehandtücher in Oberförster-Grün, nebst Gästehandtuchhalter mit Aluminiumkorb, in den der Gast das von ihm benutzte Gästehandtuch entsorgen konnte. Toll, oder? Dort, wo die Tiefkühltruhe steht, sind in meterhohen Regalen die Präsente aus der "Aufrüstungsperiode" gleich Ermordeten im Leichenschauhaus aufgebahrt. Meine Schwester und ich, irgendwann zu komplett ideenlosen Gehaltsempfängern mutiert, schenkten unserer Mutter nacheinander ein Fondue, ein Raclette-Set, einen Wok, dann das Ganze noch mal, diesmal elektrisch.

Der Wahnsinn muss ein Ende haben

Zwischendurch wurden ein Turbo-Eierkocher, ein Gerät zum Heringsräuchern, ein Tischstaubsauger, selbstverständlich ein elektrisches Messer und leider auch ein Feuerlöscher beschert, der in Wirklichkeit eine Thermoskanne ist. Da die Krönung nur ein hauseigener Wasserfall hätte sein können, flehte meine Mutter irgendwann um Gnade. Ein Waffenstillstand wurde ausgehandelt. "Nur noch Reclamhefte!", schworen wir einander und bombardierten uns fortan mit Weltliteratur. Immerhin: Die "asketische Phase" ist im Keller so gut wie gar nicht vertreten, sieht man einmal ab vom "Manifest der Kommunistischen Partei". Ob die Werke indes tatsächlich gelesen wurden, darf bezweifelt werden. Der Frieden fand ein jähes Ende, als wir meine Mutter mit einem Filofax erfreuen wollten, jenem ledernen Monument der 90er Jahre, das irgendwann abgelöst wurde durch den angeblich irre praktischen "Palm Reader". Die beiden ruhen Seite an Seite gleich neben den Regalen in einem Pappkarton, in dem sich auch der Scanner befindet, den ich vergangenes Jahr nebst der bis heute ungelesenen Gebrauchsanweisung unter den Weihnachtsbaum legte. Der Wahnsinn muss ein Ende haben, sagte neulich meine Schwester am Telefon. So kann es nicht weitergehen, fand ich. Wir einigten uns für dieses Jahr auf einen Flammenwerfer.

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