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Lage an den Universitäten "Hochschulen sind während der Pandemie zu Lernfabriken geworden" – das muss sich ändern

Ann-Kathrin Hoffmann GEW
"Das Studium ist nur noch auf Lernen und Prüfungen ausgerichtet, man muss in seiner Rolle als Studierende funktionieren", sagte GEW-Sprecherin und Studentin Ann-Kathrin Hoffmann im Neon-Interview.
© Kay Herschelmann
Die Hochschulen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Statt sozialen Kontakten und lebhaften Debatten dominiert der Leistungsdruck. Studentin und GEW-Sprecherin Ann-Kathrin Hoffmann erzählt, wie sie ihr Studium gerade erlebt – und was sich zum Wintersemester dringend ändern muss.

Ann-Kathrin Hoffmann studiert Geschichte, Wirtschaft und Politik auf Lehramt an der Universität in Flensburg. Daneben ist sie Sprecherin im Bundesausschuss der Gewerkschaft Erziehung und Bildung (GEW) für Studierende. Ihren gesamten Master hat sie bisher unter Pandemiebedingungen absolviert. Nun besteht Hoffnung, dass es im Winter zurück an den Campus geht. Neon hat sie erzählt, was die Pandemie für die Hochschulen bedeutet.

Seit mehr als einem Jahr studierst Du von zu Hause aus, kennst den Campus aber noch aus der Zeit vor Corona. Was vermisst Du am meisten?

Dass man sich nicht mehr auf dem Uni-Gelände treffen und spontane, beiläufige Gespräche mit den Kommilitonen führen kann. Die Kommunikationswege sind eingeschränkt, jedes Gespräch und jedes Treffen muss geplant und organisiert werden. Das Studium ist nur noch auf Lernen und Prüfungen ausgerichtet, man muss in seiner Rolle als Studierende funktionieren. Als der Betrieb umgestellt wurde, hat man kaum an das gedacht, was die Hochschulen sonst noch ausmacht. Die Hochschulen und Unis werden derzeit nur als Lernfabriken und Produktionsstätten von Abschlüssen wahrgenommen. Das sind keine richtigen Bildungsorte mehr.

Was macht diese Bildungsorte denn aus?

Die Studierenden befinden sich seit über einem Jahr im gleichen Trott. Den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu verbringen und ein Meeting nach dem anderen zu besuchen ist sehr anstrengend. Für Pendler bedeutet die digitale Lehre eine enorme Zeitersparnis. Aber Möglichkeiten, um soziale Kontakte zu pflegen, gibt es kaum noch oder werden selten in Anspruch genommen. Bildung besteht nicht nur darin, Abschlüsse zu generieren. Es geht auch darum, Kontakte zu knüpfen, gemeinsam zu diskutieren. Es ist gut, dass die Kultusminister-Konferenz (KMK) in einer Positionierung darauf hinweist, wie wichtig Präsenzlehre für das soziale Miteinander ist. Gleichzeitig sind die Pläne, wie die Präsenzlehre im Wintersemester umgesetzt werden soll, noch ziemlich ungenau.

Inwiefern?

In Flensburg, wo ich studiere, pendeln täglich viele Studierende aus dem gesamten Bundesland zur Hochschule. Da muss man sich natürlich auch fragen: Was heißt das für die Inzidenz? Wie schaffen wir es, die Corona-Fallzahlen trotzdem niedrig zu halten und wer kontrolliert am Campus, dass die 3-G-Regel eingehalten wird? Und kommen Impfangebote auch für die Studierenden in Frage, die aus dem Umland anreisen oder gilt das nur für die, die in Flensburg leben? Wer soll die Impfangebote und das zusätzliche Personal für die Kontrollen bezahlen? Darauf hat die KMK noch keine Antworten geliefert.

Im Oktober startet das Wintersemester und es fehlt immer noch an konkreten Plänen für den Gesundheitsschutz? Sind die nötigen Vorkehrungen bis dahin überhaupt noch zu schaffen?

Das ist eine spannende Frage. Die Universitäten werden sich darüber hinaus noch Gedanken über ihre Raumkapazitäten und die Größe der Lerngruppen machen müssen. Außerdem steht noch nicht fest, ob die von Bund und Ländern festgelegten Regeln ausreichen, um alle Beteiligten an den Hochschulen vor einer Infektion mit Delta zu schützen. Gerade die Einführungsveranstaltungen sind die, in denen Studierende eng an eng sitzen. Da kann man froh sein, wenn in den Räumen die Fenster zu öffnen sind und nicht klemmen. Von der Debatte über die Luftfilter sind wir angesichts der oft desolaten Zustände an den Hochschulen noch weit entfernt.

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass einige Kurse doch digital stattfinden müssen, wenn Abstände nicht eingehalten werden können.

Studierende und Lehrende sind nach drei digitalen Semestern wahnsinnig überlastet. Vor allem die Planung digitaler und hybrider Veranstaltungen bedeutet für die Lehrenden zusätzliche Arbeit. Dadurch, dass die Semesterzeiten zuletzt verschoben wurden, sind die Dozierenden gerade noch damit beschäftigt, Klausuren zu kontrollieren und müssen sich trotzdem schon auf ein hybrides Wintersemester vorbereiten. Da muss dringend zusätzliches Personal her. Zwischenzeitlich hat man versucht, dieses Problem mit studentischen Hilfskräften zu beheben. Oft wird auf studentische Hilfskräfte zurückgegriffen, die durch fehlende tarifliche Absicherung und eine Bezahlung oft auf Mindestlohnniveau zu besonders prekären Bedingungen angestellt werden.

Unter dem Hashtag "#ichbinHanna" haben die Angestellten an den Hochschulen bereits vor einigen Wochen auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht. Das Bildungsministerium hat damals gesagt, dass es darum gehe, die Plätze nicht zu verstopfen.

Das ist eine höhnische Antwort auf die existenzielle Bedrohung der Beschäftigten. Offensichtlich haben die Politiker auch nicht daran gedacht, was das für die Lehre bedeutet. Ein Beispiel: Wie soll eine Dozentin, die nicht weiß, ob ihr Vertrag Anfang Oktober verlängert wird oder ausläuft, Veranstaltungen planen, die in Präsenz stattfinden sollen, aber – für den Fall, dass das Land wieder in den Lockdown geht – auch digital stattfinden können sollen. Es wird so viel Zeit in Arbeit investiert, die sich am Ende überhaupt nicht rentiert und zulasten der Studierenden geht. Wir können nur hoffen, dass dieses Problem mehr Menschen bewusst wird und dass sich sehr bald etwas ändert.

Ist die kürzlich beschlossene 3-G-Regel eine Lösung?

Für junge Menschen gab es die Impfangebote relativ spät. Trotzdem ist es gut, dass die Hochschulen so wieder mehr beachtet werden. Allerdings ergibt sich hier schon das nächste Problem: Was machen Studierende aus dem Ausland, die an einer deutschen Universität studieren möchten? Wird ihre Impfung anerkannt, wenn sie mit einem Vakzin geimpft sind, das hier noch nicht zugelassen ist? Gilt das Impfangebot an den Hochschulen auch für sie?

Das Problem mit der Planung besteht also weiterhin. Gibt es etwas Positives, das die Hochschulen aus den letzten drei Pandemiesemestern mitnehmen können?

Jetzt haben wir die Möglichkeit, universitäre Lehrangebote neu zu denken und Prüfungen zu reformieren. Aber eben auch die Beschäftigungsbedingungen. Das aktuelle System steht vor enormen Herausforderungen. Unter diesem Druck ist es endlich gelungen, auf die prekären Umstände aufmerksam zu machen. Jetzt gilt es, diese zu ändern.


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