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Zurück zur Präsenz Noch anderthalb Monate: Wie wird das Wintersemester an den Hochschulen?

Vorlesung im Hörsaal
Zurück zur Präsenz: Die Hochschulen planen eine Wiederbelebung des Campus. Allerdings gilt die 3G-Regel
© Sebastian Gollnow / DPA
Ab Oktober planen die deutschen Universitäten mit Präsenzunterricht. Bei Studierenden und Studentenvertretern stößt die Entscheidung auf Zuspruch. Doch wie sollen die Hochschulen das angesichts steigender Infektionszahlen umsetzen?

Für Oliver Schramm, Jura-Student an der Universität in Hamburg, hatten die drei digitalen Semester Vor- und Nachteile. "Prüfungen zuhause zu schreiben, ist super bequem", sagt Schramm. "Man sitzt entspannt am PC, der extreme Druck ist weg." Was er vermisst, sind die Vorlesungen und Seminare, jene Veranstaltungen, in denen Kontakte geknüpft werden, man sich austauscht, diskutiert. Dass es im Winter wieder so weit sein könnte, freut ihn. Doch sein Ärger darüber, dass es so lange gedauert hat, hält an. "Es regt mich einfach auf, wie stiefmütterlich wir seit Beginn der Pandemie behandelt wurden." Viele Studierende sind während der Pandemie in gesundheitliche und finanzielle Notlagen geraten. Die Hilfskredite seien zwar ein gutes Angebot gewesen, "aber die Lufthansa beispielsweise bekam das Geld einfach geschenkt", kritisiert Schramm. Und auch im zweiten Lockdown seien die Studierenden wieder komplett durch das politische Raster gefallen.

Dass die Hochschulen vergangene Woche bei der Bund-Länder-Konferenz wieder mit keiner Silbe erwähnt wurden, sieht auch das Studierendenwerk Deutschland kritisch. "Die Begriffe 'Hochschulen' und 'Studium' habe ich in den Beschlüssen vermisst", bemängelt Sprecher Stefan Grob. Trotzdem bieten die jüngsten Entscheidungen der Regierung neue Möglichkeiten für die Universitäten. Wie aus einer Anfrage des stern an die Bildungs- und Wissenschaftsministerien aller 16 Bundesländer hervorgeht, planen sämtliche Hochschulen im Wintersemester überwiegend oder gänzlich Präsenzveranstaltungen anzubieten. Wer geimpft, genesen oder getestet ist, kann ab Oktober wieder Seminare und Vorlesungen auf dem Campus besuchen – vorausgesetzt das Infektionsgeschehen lässt dies zu. Studierendenvertreter begrüßten den Vorstoß der Regierung. Allerdings sei eine Rückkehr zur Präsenz nur dann möglich, wenn sich möglichst viele Studierende und Beschäftigte impfen ließen.

Unklar, wie viele Studierende geimpft sind

Am einfachsten wäre es, nur Geimpfte und Genesene wieder an die Hochschulen zu lassen, ist der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), André Alt, überzeugt. Rechtlich sei das aber kaum umzusetzen und vor Ort nicht zu überprüfen. "Daher appelliere ich an alle Studierenden und Beschäftigten, sich impfen zu lassen", sagt Alt. Auch die Hochschulen sowie der Freie Zusammenschluss von Student*innenschaften (FZS) und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) riefen die Studierenden dazu auf, sich immunisieren zu lassen. "Wer sich ohne medizinischen Grund nicht impfen lässt, gefährdet andere und handelt unsolidarisch", sagt Jonathan Dreusch vom FZS aufAnfrage des stern.

Wie hoch die Impfquote unter den Studierenden ist, lässt sich aktuell nicht sagen – und wird vermutlich auch künftig schwer zu bemessen sein, sagt Stefan Grob vom Studierendenwerk Deutschland. Einige Universitäten führen derzeit selbst Befragungen durch. Von den 4000 befragten Studierenden an der Universität Tübingen gaben 74 Prozent an, bereits vollständig geimpft zu sein. 18 Prozent sind einmal geimpft. Die Universität Bremen teilte auf Anfrage mit, dass laut ihrer Umfrage bereits 87 Prozent einmal und 60 Prozent vollständig geimpft sind. In beiden Fällen nahmen weniger als die Hälfte aller Studierenden an den Umfragen teil. Die Universität Hamburg, die ihrerseits aktuell eine Befragung durchführt, äußerte deshalb Bedenken: "Es bestehen erhebliche wissenschaftliche, methodische Zweifel, ob eine solche Befragung überhaupt valide, reliabel und objektiv sein kann. Schlüsse über den tatsächlichen Impfungsstand werden daraus nicht gezogen werden können.“

Noch gibt es keine konkreten Umsetzungspläne

An den Plänen der Hochschulen ändert das allerdings nichts. Für alle steht fest: Präsenzveranstaltungen sollen wieder zur Regel werden. Noch hapert es allerdings an konstruktiven und überzeugenden Umsetzungsplänen. Die Universität Bremen hat die 3G-Regel – geimpft, genesen, getestet – deshalb bereits Anfang August für den Zutritt der Campus-Gebäude festgelegt. Zudem wurde ein fünfstufiger Plan erarbeitet, um die Lehre an das Infektionsgeschehen anzupassen. Dieser sieht unter anderem vor, dass Vorlesungen nur digital, Seminare hingegen in Form von Hybrid-Veranstaltungen stattfinden können. In allen Räumen gilt zudem die Maskenpflicht und anders als in anderen Bundesländern, ein Mindestabstand von 1,5 Metern. Die Test-, Genesenen- und Impfnachweise werden an allen Zugängen zu den Gebäuden von Wachpersonal überprüft.

Für die Hochschulen in Berlin gibt es bereits ein Eckpunktepapier mit konkreten Anweisungen, wie die Lehre in Präsenz wieder stattfinden kann. Demnach besteht Maskenpflicht weiterhin und Anwesenheitslisten sollen die Kontaktnachverfolgung erleichtern. Im Saarland müssen sich ungeimpfte Studierende zweimal wöchentlich testen lassen. Für sie und Hochschulbedienstete werden Testmöglichkeiten angeboten. Auch Thüringen macht den Beschäftigten der Hochschulen Testangebote. Diese sollen auch über den Oktober hinaus kostenfrei bleiben. In Bayern hatte die Landesregierung bereits im Frühsommer 15 Millionen Euro bereitgestellt, um die Selbsttests der Studierenden an den Hochschulen zu finanzieren. Die Uni Köln gab allerdings an, keine kostenlosen Tests für Ungeimpfte bereitstellen zu können.

Dass die Tests ab Oktober kostenpflichtig werden, finden Vertreter des FZS problematisch. Vor allem Studierende können sich diese auf Dauer nicht leisten. "Auch Geimpfte können im Einzelfall den Virus übertragen. Wir halten einen Präsenzstudienbetrieb ohne regelmäßige Tests bei steigenden Inzidenzen und möglichen neu verbreiteten Virusvarianten für unsicher", sagt Jonathan Dreutsch vom FZS. Anders sieht das der Präsident der HRK. Dass die Tests nicht mehr staatlich finanziert werden können, sei verständlich. "Studierende, die nicht geimpft sind und keinen tagesaktuellen Test nachweisen, können keinen prinzipiellen Anspruch darauf geltend machen, dass sie die betreffende Veranstaltung virtuell besuchen dürfen. Für die Hochschulen wäre es schlicht nicht möglich, jedes Seminar und jede Übung gleichzeitig präsent und virtuell – also hybrid – anzubieten", sagt HRK-Präsident Alt.

Ob Veranstaltungen nur noch in Präsenz stattfinden oder mit digitalen Angeboten ergänzt werden, ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich oder noch gar nicht geklärt. Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft werde gemeinsam mit den Hochschulen "rechtzeitig vor Vorlesungsbeginn im Herbst über die konkrete Ausgestaltung des Wintersemesters 2021/2022 informieren", heißt es etwa aus Nordrhein-Westfalen. Anderswo werden die Lehrenden dazu aufgefordert, ihre Veranstaltungen sowohl in Präsenz als auch als Hybrid-Format zu planen, um den Betrieb flexibel anpassen zu können.

GEW kritisiert Mehrbelastung für Lehrende

Die Gewerkschaft Erziehung und Bildung sieht das kritisch. "Nach den digitalen Semestern sind auch die Lehrenden überlastet. Dass sie ihre Veranstaltungen nun hybrid planen sollen, bedeutet nur zusätzliche Belastungen", sagt Ann-Kathrin Hoffmann vom Sprecherteam des GEW-Bundesausschusses für Studierende. Wegen verschobener Prüfungen seien viele Dozenten noch mitten in der Korrekturphase und müssen bereits jetzt ihre Veranstaltungen für das kommende Semester doppelt planen.Dieser Mehraufwand erhöht nicht zuletzt auch die Arbeitslast der Studentischen Beschäftigten und Tutoren. Dazu kommt die extistenzielle Bedrohung vieler Beschäftigte​r durch befristete Arbeitsverträge. All das gehe zu Lasten der Lehre und der Bildung, kritisiert die GEW.

Bildung ist Ländersache und so regelt jedes Land das bevorstehende Wintersemester auf seine Art. Wie die Nachweise über den Gesundheitsstatus geprüft werden, wie viel Studierende in die Hörsäle dürfen und ob die Tests von den Universitäten finanziert werden, muss in den nächsten anderthalb Monaten bis zum Semesterbeginn geklärt werden.


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