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Präsenzunterricht Prozente statt Inzidenzen: So schummeln die Kultusministerien bei Corona-Fällen an Schulen

Inzidenzen Schulen
Die Ansteckungen im Klassenraum könnten höher sein, als es scheint
© Matthias Balk / DPA
Bei der Übermittlung der Infektionszahlen an Schulen nennen die Kultusministerien statt Inzidenzen Prozentzahlen. Die Infektionsgefahr erscheint dadurch weniger bedrohlich, als sie in Wahrheit ist.

Zwei Wochen nach den Sommerferien zieht das Kultusministerium in Baden-Württemberg eine erste Bilanz: Demnach wurden 0,03 Prozent aller Schülerinnen und Schüler positiv auf das Coronavirus getestet. Ähnliches verkündet das Ministerium in Rheinland-Pfalz. Dort sollen sich weniger als 0,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler infiziert haben. Auf den ersten Blick bieten die Zahlen kaum Grund zur Besorgnis, geben jedoch trotzdem zu denken. Denn anstatt, wie seit Beginn der Pandemie üblich, arbeiten die Bildungsministerien der Länder nicht mit Inzidenzen, sondern mit Prozenten. Zwar besagen beide Werte dasselbe, allerdings lassen die Prozentangaben die Gefahr einer Ansteckung an den Schulen sehr viel geringer erscheinen, als sie eigentlich ist.

Inzidenzen bis 600

Eine bundesweite Inzidenz unter Schülerinnen und Schülern liegt zwar nicht vor, wie der Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK) auf stern-Anfrage mitteilt. Eine Übersichtskarte des Statistikers Sebastian Mohr vom Max-Planck-Institut zeigt jedoch, dass die Infektionen dramatischer ausfallen, als die Daten der Ministerien glauben machen. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern ist die Inzidenz unter Schülerinnen und Schülern bundesweit am höchsten. Je nach Landkreis liegt sie zwischen 100 und 300. In Wuppertal liegt die Inzidenz bei knapp 600.

Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) belegen zudem einen Aufwärtstrend bei den Infektionen. ""Die Zahl der übermittelten Schulausbrüche nimmt seit Anfang August 2021 wieder zu", heißt es im aktuellen Wochenbericht des RKI. Besonders betroffen seien Kinder zwischen sechs und 14 Jahren.

Wie das Portal News 4 Teachers unter Berufung auf Daten der Schulaufsicht in der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) berichtet, hätten sich bis vergangenen Sonntag etwas mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz infiziert. 707 Schulen hätten zudem einen oder mehrere Infektionsfälle gemeldet. Demnach sei bereits jede zweite Einrichtung von Infektionen unter Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften betroffen.

Gründe für Krankmeldungen liegen den Schulen selten vor

Laut dem Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums hätten sich in den ersten zwei Wochen nach Schulbeginn 369 Schülerinnen und Schüler sowie 40 Beschäftigte infiziert. Dem Portal gegenüber sagte er: "Damit lässt sich insgesamt feststellen, dass sich das Infektionsniveau in niedersächsischen Schulen derzeit auf einem erfreulich niedrigen Level bewegt." Dabei liegt die Inzidenz in der Gruppe laut Übersichtskarte über 100.

Dass die Kultusministerien keine Inzidenzen angeben, liegt laut KMK-Sprecher Andreas Schmitz daran, dass den Schulen häufig nur eine Krankmeldung vorliegt, "ohne den Hinweis auf eine Covid-19-Infektion." Der Datenschutz verbietet es in einigen Bundesländern die Gründe für eine Krankmeldung bei Schülern und Eltern abzufragen.

cl

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